Stand: 28.08.2020 17:35 Uhr

"Wir können die Hälfte der Plätze besetzen"

Reihe mit roten Kinosesseln © Fotolia/Sandro die Carlo Darsa
Die Teilnehmerobergrenzen für Kulturveranstaltungen sind von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich.

Am Donnerstag haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Länder über Corona-Maßnahmen debattiert, unter anderem darüber, ob es Teilnehmerobergrenzen für Versammlungen oder Veranstaltungen geben soll. Einigkeit wurde zum Beispiel erzielt bei Großveranstaltungen wie Fußballspielen: Dort bleibt Publikum bis Ende des Jahres verboten. Bei kleineren Versammlungen, etwa Familienfeiern, variiert die erlaubte Teilnehmerzahl von Bundesland zu Bundesland - sie bleibt aber gedeckelt.

Was heißt das nun für Kulturveranstaltungen? Erst am Mittwoch hatten sechs große Interessenverbände aus dem Kulturbetrieb von Bund und Ländern "mehr Augenmaß bei der Zulassung von Publikum in geschlossenen Räumen unter Covid-19-Bedingungen" gefordert. Auch Marcus Bosch, Vorsitzender der Generalmusikdirektoren-Konferenz und Chefdirigent der Norddeutschen Philharmonie Rostock, hat diesen Aufruf unterzeichnet.

Herr Bosch, was bedeuten die nicht ganz durchschaubaren Ergebnisse für Sie, den Konzert- und den Theaterbetrieb?

Marcus Bosch © picture alliance/dpa-Zentralbild/ZB Foto: Jens Büttner
"Wir sind im Moment mangels Lobby in einer sehr defensiven Rolle", konstatiert Dirigent Marcus Bosch.

Marcus Bosch: Das wissen wir noch nicht. Bis jetzt bleibt der Flickenteppich in dieser Beziehung in den Bundesländern weiter bestehen: in Bayern sind 200 Menschen erlaubt, in Nordrhein-Westfalen: bis zur Vollbesetzung mit nachverfolgbarem Publikum, in Baden-Würtemberg 500. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es eine neue Regelung: entweder mit Masken - da ist es noch nicht ganz klar, ob mit Vollbesetzung - oder mit 1,5 Meter Abstand. Es ist also alles sehr unterschiedlich - was man angesichts des Infektionsgeschehens teilweise verstehen kann. Aber wir waren alle der Auffassung, dass wir mit einem Hygienekonzept auf jeden Fall die Hälfte der Plätze besetzen können - so wie es Salzburg auch gemacht hat.

In Ihrem Aufruf vom Mittwoch gehen Sie davon aus, dass "sorgfältig erarbeitete Hygienekonzepte in den Häusern häufig mehr Publikum zuließen, als es die starren Sitzplatzbeschränkungen vielerorts vorschreiben". Woher nehmen Sie diese Erkenntnisse?

Bosch: Wir erleben zum einen, dass es in anderen Ländern, so wie bei den Festspielen in Salzburg, mit ungefähr der Hälfte des Publikums gut funktioniert. Auch in Nordrhein-Westfalen ist uns kein Fall bekannt, dass es nicht funktioniert, und da ist das Infektionsgeschehen relativ höher als zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern. Insofern denken wir, dass wir mit den Hygienekonzepten auf jeden Fall in allen Ländern mit mindestens bis zu 50 Prozent Auslastung gut fahren können.

Wie experimentierfreudig dürfen Sie sein? Oft reicht ein einziger "Superspreader" im Publikum, und dann ist plötzlich der Konzertsaal ein großer Infektionsherd.

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Bosch: Das ist eine Sache, die ich persönlich nicht ganz verstehe. Wenn wir Infektionsgeschehen haben, wird es auch irgendwann im Konzertsaal einen Infizierten geben - genauso wie das im Zug sein kann oder im Flugzeug. Aber man schließt auch nicht die Deutsche Bundesbahn, nur weil in einem ICE ein Infizierter saß. Sondern da geht man inzwischen relativ ruhig und professionell zu einer Nachverfolgung über. Wobei man zum Beispiel in der Bundesbahn keine Tickets hat, die benamt sind, im Gegenteil zum Flugzeug, wo man einen Sitzplan und Namen hat. Warum dann in der Kultur, wo man Tickets mit Namen verkaufen kann, der "Superspreader" dann zum Komplett-Ausfall führen soll, ist mir persönlich nicht verständlich und es hat mir auch niemand erklären können. Ich glaube, wir sind im Moment mangels Lobby in einer sehr defensiven Rolle, aber wir wollen da geschlossener auftreten.

Wie lange ist die derzeitige Situation mit den Publikumsbeschränkungen durchzuhalten?

Bosch: Das ist ein Blick in die Glaskugel. Auch an festen Häusern gibt es das Thema Kurzarbeit, auch in großen Staatstheatern, wie mir Kollegen sagen. Das führt ja nicht dazu, Kultur im Raum zu halten. Wie die Politik damit umgehen wird, wenn die Haushalte in den nächsten Jahren die Nachwirkungen der Corona-Politik zu tragen haben, welchen Stellenwert die Kultur dann hat, welche Partei dann noch für die Kultur einsteht - das ist ein Blick in die Glaskugel. Im Moment sind die subventionierten Häuser besser dran - wobei wir auch da erleben, dass es einen sehr unterschiedlichen Umgang gibt: Es gibt Häuser, die versuchen, mit der Kurzarbeit eher "für die Zukunft zu sparen". Andere versuchen, auf Teufel komm raus zu spielen, um da zu sein - dadurch haben sie wahnsinnig verringerte Einnahmen. Da ist die Frage, wie der Träger damit umgeht. Dass die Freien, die noch mehr von den Einnahmen leben und nicht von der Subvention, da viel schwerer getroffen sind, das steht außer Frage.

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Es gibt eine große Unterstützung von Kulturstaatsministerin Monika Grütters für die Kultur in allen Bereichen. Was hören Sie von Ihren Kolleginnen und Kollegen: Kommt diese Hilfe an und reicht die?

Bosch: Das Problem ist, dass die Staatsministerin die Bundesmittel verwaltet und damit wenig Zugriff auf die Länder und Kommunen hat - dort kommt davon also wenig an. Wir haben ein sehr großes Problem bei den Solo-Selbständigen, die teilweise durch alle Raster fallen. Ich kenne viele, auch relativ prominente Kollegen, die auf dem Feld Spargel gestochen haben, weil sie null Einkünfte haben. Die werden ein ganzes Jahr ohne Einkommen sein. Da gibt es auch unglaubliche psychische Belastungen, weil man ein Haus gebaut hat oder Miete bezahlen muss. Viele Freiberufler müssen eine zweite Wohnung finanzieren et cetera. Es gibt dramatische Fälle, auch von sehr bekannten Künstlern - das spielt sich nicht nur im Kleinen ab. Da sind alle, die eine Festanstellung haben, im Moment viel besser aufgestellt. Aber mit jedem Monat, in dem wir nicht alles versuchen, um mit Augenmaß das Mögliche möglich zu machen, wird es immer mehr persönliche Katastrophe geben.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Marcus Bosch © picture alliance/dpa-Zentralbild/ZB Foto: Jens Büttner

AUDIO: "Wir können die Hälfte der Plätze besetzen" (7 Min)

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NDR Kultur | Journal | 28.08.2020 | 19:00 Uhr