Stand: 21.09.2020 16:10 Uhr

Künstliche Intelligenz in der Kultur - Chance oder Bedrohung?

Kreativität und Technik, Kunst und künstliche Intelligenz (KI) - wie lässt sich das zusammendenken? Antworten auf diese Frage soll das Programm LINK finden. Die Stiftung Niedersachsen hat die Förderinitiative gemeinsam mit der Volkswagen Stiftung ins Leben gerufen, um künstlerische Zukunftsforschung zu betreiben. Mittlerweile hat der dritten Zyklus des Programms begonnen: Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Kulturschaffende sollen gemeinsam Projekte als Anwendung von KI in der Kultur umsetzen. Einzelheiten verrät die Leiterin von LINK, Tabea Golgath von der Stiftung Niedersachsen.

Frau Golgath, um was konkret geht es bei dem Projekt?

Die Projektleiterin Tabea Golgath steht in einem Treppenhaus neben einem Lichtkunstobjekt. © NDR Foto: Miriam Stolzenwald
Tabea Golgath von der Stiftung Niedersachen betreut das LINK-Programm.

Tabea Golgath: Als Landeskulturstiftung haben wir eine Verantwortung allen Kultureinrichtungen im Land gegenüber. Und wir haben mit dem Programm LINK angefangen, weil wir den Kultureinrichtungen in Niedersachsen und darüber hinaus die Möglichkeit geben wollten, sich in künstliche Intelligenz hineinzuarbeiten, nachzuvollziehen, was für Möglichkeiten es gibt, und selbst zu prüfen, ob das für den eigenen Arbeitsbereich Sinn macht.

Das Programm LINK ist in Stufen aufgebaut. Wir haben mit einer Einführungstagung angefangen, um möglichst viel Wissen zu verbreiten, haben die Tagungspublikationen als PDF online gestellt, sodass sie jeder lesen kann. Wir haben dann mit der KI-Schule weitergemacht, sodass Kulturschaffende aus Niedersachsen, aber auch aus Berlin, Aachen und Leipzig die Möglichkeit hatten, selber Algorithmen programmieren zu lernen.

Seit heute stehen die Stipendiatinnen und Stipendiaten fest. Wer sind die Teilnehmenden?

Golgath: In Zusammenarbeit mit der Volkswagenstiftung haben wir europaweit ausgeschrieben, was für uns als Landeskulturstiftungen eher ungewöhnlich ist, was aber unserem Kooperationspartner Volkswagenstiftung zuzuschreiben ist. Wir haben Informatiker angesprochen, aber auch Kulturschaffende aus sämtlichen Kultursparten und sie eingeladen, an interdisziplinären Projekttandems teilzunehmen. Wir werden Anfang November einen digitalen Workshop durchführen, wo sich neue Teams bilden und erste Ideen entwickelt werden.

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Zu sehen ist ein Laptop neben einem Flipdot-Display. © trafolab Foto: Franz Betz

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Golgath: Heutzutage kommt man kaum noch an künstlicher Intelligenz vorbei: Die Krankenversicherungen arbeiten damit, es wird in den Medien viel über autonomes Fahren gesprochen und über andere Einsatzmöglichkeiten von KI. Und Kulturschaffende - Künstler im Besonderen - setzen sich immer mit aktuellen Themen auseinander. Wir möchten durch unsere finanzielle Unterstützung im Rahmen des Programms ermöglichen, dass auch andere Kulturschaffende sich mit diesen Fragen auseinandersetzen können. Ist KI tatsächlich eine Bedrohung? Ist es eine Möglichkeit? Hilft es mir als Künstlerin oder Künstler in meinem Schaffen? Oder kann es mir vielleicht auch andere wertvolle Hilfestellung, beispielsweise in der Arbeit mit Museumsdatenbanken, geben?

Wie kann KI im Kulturbereich eingesetzt werden?

Golgath: In Bezug auf die rasante Entwicklung von künstlicher Intelligenz und den neuen Möglichkeiten, die sich ständig zu erschließen scheinen, sehen wir zwei Bereiche: Zum einen die analytische, die durch die Verarbeitung von großen Datenmengen durch Algorithmen ermöglicht wird. Auf der anderen Seite sehen wir die künstlerische Arbeit mit künstlicher Intelligenz. Das heißt, nicht mehr nur der menschliche Künstler oder die Künstlerin schafft ein Kunstwerk oder eine Komposition, sondern diese entsteht in Zusammenarbeit oder scheinbar alleine durch den Algorithmus.

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Ein weiblicher Androidenkopf © imago/Science Photo Library

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Golgath: Die größte Herausforderung in diesem Prozess ist es, eine gemeinsame Sprache zu finden. Denn auch wenn wir alle Deutsch, Englisch oder eine andere menschliche Sprache sprechen, ist das Vokabular in der Informatik oder in den einzelnen Kultursparten gänzlich unterschiedlich. Da ist es wichtig, aufeinander einzugehen, auch Schritte aus der eigenen Komfortzone heraus zu machen, um gemeinsam Projekte zu entwickeln. Denn die Erwartungen an solche Projekte oder an die einzelnen Arbeitsprozesse sind komplett unterschiedlich. Wir haben das in zwei Pilotprojekten vor zwei Jahren bereits ausprobiert: Da saßen Kompositionsstudierende der Neuen Musik an der Musikhochschule Hannover mit Informatikern von der Uni Hannover zusammen und haben ein gemeinsames Projekt entwickelt. In diesem Prozess konnten wir schon für die vielfältigen Projekttandems, die uns nun bevorstehen, einiges lernen. Die Projekte standen zwischendurch vor dem Aus, weil die Erwartungen und auch die Arbeitsweise ganz anders waren. Da wir das jetzt wissen, können wir den zukünftigen Projekttandems helfen.

Wir haben in erster Linie über die positiven Aspekte gesprochen. Welche Gefahren sehen Sie in Bezug auf KI?

Golgath: Die Bedrohung durch KI ist gesellschaftlich oder ethisch betrachtet durchaus vielfältig. In der Kunst geht es in seltensten Fällen um Menschenleben oder um unsere persönlichen Daten, sondern vielfach ist es eher eine Zusammenarbeit, ein Darauf-Einlassen eines menschlichen Künstlers auf einen maschinellen Künstler. In meinen Gesprächen mit Kulturschaffenden kam von ihnen selten die Befürchtung, man würde sie abschaffen, wenn Algorithmen Musik und Kunst schaffen. Von ihnen kam meistens eher die Neugierde auf den Prozess, sich gegenseitig den Ball hin und her zu werfen - eine durchaus positive Herangehensweise. Nichtsdestotrotz muss man über verschiedene Punkte nachdenken, wie etwa die Wertigkeit von algorithmischer Kunst, oder ob wir das als Menschen wollen, beispielsweise künstlich geschaffene Musik zu hören. Das müssen wir selber entscheiden und dürfen das nicht komplett aus der Hand geben.

Wann können wir uns auf die Ergebnisse freuen?

Golgath: Der Workshop findet Anfang November statt, und Mitte November werden wir wissen, in welche Richtung die einzelnen Projekte gehen. Wir haben ein mehrstufiges Verfahren vorgesehen, sodass die Projektideen bis Ende Januar 2021 eingereicht werden können. Damit bewerben sich die Teilnehmer um einen "Planning Grant", um 10.000 Euro, damit sie mit ihrem Projekt anfangen und ihre Ideenskizze ausformulieren können. Im Sommer 2021 wird es dann einen großen Präsentationstag geben, wo zehn dieser "Planning Grants" vorgestellt werden, die sich wiederum um drei Preise von 150.000 Euro bewerben, die ihnen ermöglichen, in den nächsten zwei Jahren ihre Projekte umzusetzen.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Roboter malt an einer Staffelei (Montage) © Fotolia Foto: phonlamaiphoto, standret

AUDIO: Kann Künstliche Intelligenz Kunst und Kultur? (8 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 21.09.2020 | 18:00 Uhr