Stand: 03.06.2020 12:07 Uhr

Konzertausfälle: Wie Tontechniker die Corona-Krise meistern

von Torben Steenbuck

Das Coronavirus trifft die Kulturbranche in Deutschland sehr hart. Kontaktbeschränkungen und häusliche Isolation machen es vor allem dem Live-Entertainment-Bereich schwer. Konzerte werden abgesagt oder verschoben. Wann es weitergeht ist unklar. Über die prekäre Lage der Künstlerinnen und Künstler wird dabei viel gesprochen. Oft vergessen werden diejenigen, die nicht im Rampenlicht stehen, sondern dafür sorgen, dass es Rampenlicht gibt. Wie zum Beispiel selbständige Tontechniker. Zwei Beispiele aus dem Norden.

Tontechniker Mathias Scholl an seinem Sound-Mischpult bei einem Autokonzert in Hannover der Band Revolverheld © Mathias Scholl
Tontechniker Mathias Scholl ist beim Autokonzert von Revolverheld am Schützenplatz in Hannover für den Sound zuständig.

Schützenplatz in Hannover am vergangenen Sonnabend: Die Band Revolverheld spielt ein ausverkauftes Konzert im Autokino. Vor der Bühne stehen etwa 1.000 Autos. Dass der Sound aus den UKW Radios gut klingt, ist der Job von Ton-Techniker Mathias Scholl: "Das ist eine schräge Erfahrung, obwohl die Arbeitsabläufe schlussendlich dieselben sind. Aber der direkte Kontakt ist nicht da. Wenn man rausguckt, sieht man keine Menschen - man sieht Autos." Es sei kein guter Ersatz, so Scholl weiter: "Musik ist für mich Transport von Emotionen und Energie." Das finde dort in dem Maße nicht statt.

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Soundtechniker: "Es gibt nichts mehr zu tun"

Normalerweise ist Scholl als Ton-Techniker mit Bands auf Tour. Sorgt dann jeden Abend am Mischpult für den richtigen Sound. Seit der Corona-Krise ist damit Schluss. Das Autokonzert von Revolverheld, eine Ausnahme. "Es gibt einfach nichts mehr zu tun. Man fühlt sich wirklich leer. Diese Branche ist eine der ersten, die von diesem Lockdown betroffen war und wird eine der letzten sein, die wieder mit dem fortfahren kann, was sie bisher gemacht hat." Immerhin, Mathias Scholl ist festangestellter Mitarbeiter einer Hamburger Firma. Er ist aktuell in Kurzarbeit. Das Geld ist knapp, aber es reicht, um über die schwierigen Monate zu kommen.

Mehr Probleme als Solo-Selbständige

Der Tontechniker Michael Prieß an seinem Pult für Veranstaltungstechnik und Konzerte © Michael Ryan
Der Tontechniker Michael Prieß bedient den Front of House Sound: Das, was das Publikum bei Konzerten hört. Er arbeitet mit Bands wie Kettcar, Thees Uhlamnn und Element of Crime zusammen.

Ganz anders ist die Situation bei Michael Prieß aus Kiel: "Dieses Wort systemirrelevant, das trifft einen natürlich hart und dass wir, die wir so aufgestellt sind, dass wir jetzt durch dieses Netz fallen, also jetzt in Schleswig-Holstein, das tut schon weh." Er ist Solo-Selbstständiger. Das heißt: Der Ton-Techniker bedient das Mischpult, das ihm ein Veranstalter stellt. Angestellte, Miete für Büroräume oder Leasing für Equipment hat er nicht. Und damit auch keine Chance auf Geld aus dem Corona-Hilfsprogramm des Landes Schleswig-Holstein.

Die Folge: Er muss Arbeitslosengeld II beantragen und seine angesparten Rücklagen aufbrauchen. "Man weiß nicht, wann es weitergeht. Man sieht sein Gespartes schrumpfen und es sieht alles nicht nach einer rosigen Zukunft aus." Auch wenn man gewusst habe, als man sich diesen Job aussuchte, dass man damit nicht reich werde. Man habe es aber aus Liebe für den Job gemacht, so Prieß.

Eine Million Menschen in der Veranstaltungswirtschaft

In Deutschland arbeiten laut Verband für Medien- und Veranstaltungstechnik etwa eine Million Menschen in der Veranstaltungswirtschaft. Die Branche ist auf Solo-Selbstständige wie Prieß angewiesen. Da die Bundesländer ihre Corona-Soforthilfen aber unterschiedlich handhaben, kann ein Ton-Techniker aus Hamburg die Krise eventuell eher überstehen, als einer aus Schleswig-Holstein. Was am Ende aber wirklich fehlt, ist die Perspektive: Niemand weiß, wann Konzerte und Tourneen wieder stattfinden können.

Helge Leinemann vom Verband für Medien- und Veranstaltungstechnik sagt: "Es wird überall noch eine Menge Lösungen brauchen. Deswegen brauchen wir Zeit und jetzt finanzielle Unterstützung, damit wir uns diese Zeit am Ende kaufen können. Sonst verlieren wir viele Arbeitsplätze, viele Betriebe, die an sich ein gut funktionierendes Geschäftsmodell haben." Der Verband arbeitet aktuell an einem Forderungspapier an die Politik. Unterstützung kommt aber auch von anderer Seite: Mehrere Künstlerinnen und Künstler haben eine CD herausgebracht, deren Erlöse an die Mitarbeiter hinter den Kulissen gehen. Der Name der CD: "Mit euch fängt alles an."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 04.06.2020 | 10:55 Uhr

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