Stand: 04.06.2020 19:12 Uhr  - NDR Kultur

Grütters: Eine Milliarde für den Neustart der Kultur

Am Mittwoch hat die Bundesregierung das größte Konjunkturpaket der Geschichte vorgestellt: "Mit Wumms aus der Krise" lautet der Untertitel. Aber wie viel Wumms steckt drin für die Kultur? Ein Gespräch mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters.

Eine Milliarde Euro sollen für den "Neustart Kultur" zur Verfügung gestellt werden. Es handelt sich um einen Neustart in vier Kapiteln. Beginnen wir bei Kapitel eins.

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Kulturstaatsministerin Monika Grütters: "Ich bin dankbar für die Rückendeckung im Kabinett".

Monika Grütters: Ich bin erst einmal glücklich, dass es überhaupt gelungen ist, ein eigens für die Kultur zusammengesetztes Programm möglich zu machen, noch dazu in dieser Größenordnung. Eine Kultur-Milliarde - das sagt sich leichter, als es sich verhandelt. Deshalb bin ich dankbar für die Rückendeckung im Kabinett, dass die Kultur diese Wertschätzung erfährt - auch in Anerkennung der Tatsache, dass die Kultur sehr differenziert ist. Kinos brauchen andere Hilfen als Verleger oder Musikfestivals. Außerdem haben wir private Theaterbühnen, aber auch Galerien. Es ist ein vielfältiges Geschehen und deshalb auch ein großes Programm.

An Ihrem Soforthilfeprogramm gab es Kritik, weil viele, vor allem freischaffende Künstlerinnen und Künstler, nicht davon profitierten. "Neustart Kultur" nimmt den Fokus komplett weg von deren individuellen Lebensumständen und richtet ihn stattdessen auf Institutionen. Wo bleiben da die freien Künstlerinnen, die freien Kulturschaffenden in Existenznot?

Grütters: Damit sie überleben können, helfen wir den Künstlern mit dem Sozialschutz-Programm. Es gibt immerhin ein halbes Jahr Miete, Heizung, Kinderzuschläge und Grundsicherung, ohne auf die Altersversorgung zu schauen. Natürlich muss man sich auch keinen neuen Job suchen. Das ist ein großzügiges Angebot, das tausende Künstler bislang in Anspruch genommen haben.

Die Soforthilfen waren eher für die, die eine Miete oder andere Betriebskosten nachweisen können. Da waren die, die klassischerweise keine Betriebskosten haben, sondern als Solo-Selbstständige tätig sind, unglücklich, weil sie mit den 9.000 Euro nicht bedient wurden.

Das machen aber zum Glück jetzt einige Bundesländer. Das finde ich auch richtig, denn das ist deren Aufgabe, während wir versuchen, in Absprache mit dem Finanzminister und mit allen anderen, die kulturelle Infrastruktur zu retten, denn die Künstler brauchen auch Auftrittsmöglichkeiten. Das sind nicht nur die staatlichen Bühnen, Theater oder Museen, sondern das sind vor allem unzählig viele kleine Kultureinrichtungen und Veranstalter, die die ganze Kulturlandschaft in Deutschland überhaupt erst ausmachen. Das sind zum Beispiel die Festivals, die Kinoprogrammbetreiber, die vielen Musikveranstalter, der private Hörfunk oder unsere Galerien. Diese Orte müssen wir erhalten, weil die Künstler sonst überhaupt keine Auftrittsmöglichkeiten mehr haben.

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Wann können diese Festivals, diese Programmkinos die Hilfen beantragen?

Grütters: Das Geld wird uns in den nächsten Tagen oder Wochen zur Verfügung stehen. Wir brauchen dafür noch eine Bundestags- und vielleicht auch eine Bundesratssitzung. Das ist noch nicht ganz sicher. Aber meine Milliarde steht so oder so zur Verfügung. Wir haben schon mit den meisten einschlägigen Berufsverbänden die einzelnen Programmlinien entwickelt. Wir werden die entsprechenden Angebote ins Netz stellen. Dann können die Anträge sofort bei uns eingereicht werden.

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Der kostenintensivste Baustein ihres Pakets ist mit bis zu 450 Millionen Euro beziffert: die Erhaltung und Stärkung der Kulturinfrastruktur. Hier haben sie nach Sparten unterteilt: Musik sowie Theater und Tanz bekommen mit jeweils 150 Millionen Euro die größten Tortenstücke, der Film 120 Millionen, bildende Kunst sowie Buch- und Verlagsszene nur 30 Millionen. Welche Rechnung liegt diesen Summen zugrunde?

Grütters: Das ist alles mit den einschlägigen Verbänden analysiert worden: Wo gibt es welchen Bedarf? Wie viel ist da weggebrochen? Wer konnte einigermaßen vernünftig weitermachen? In Buchhandlungen oder in der bildenden Kunst konnte ja weiter gearbeitet werden, während das Bühnengeschehen im Moment noch die größten Probleme hat. Live-Musik, Popkonzerte sind Großveranstaltungen, die sind teuer - deshalb ist da der Bedarf ein anderer, als beispielsweise bei den soziokulturellen Zentren.

In der Buch- und Verlagsszene gibt es zudem noch sehr viele andere Programme, das gilt auch für Galerien. Wir möchten auch Messen unterstützen: Ich bin dankbar, dass die Buchmesse in Frankfurt stattfinden kann, und da werden wir unterstützend tätig werden, sodass sie dezentrale Angebote macht und auch digitale Angebote zur Verfügung stellt.

Beim Film gibt es sehr viele parallele Programme, die schon laufen. Insofern sind die 120 Millionen für Film, Kinos, Produktion und Verleih auch ein gutes Wort.

Es gibt noch ein anderes Programm, in dem wir alternative, auch digitale Angebote möglich machen. Da sollen sich Künstlerinnen und Künstler aller Sparten bewerben, die jetzt wieder produzieren wollen. Ob das Musik ist, Bilder, Literatur, damit Lesungen stattfinden können - für solche Dinge ist das gedacht. Ich glaube, dass gerade dieses Programm, das auch die künstlerische Aktivität stärkt, psychologisch besonders wichtig ist, damit die Künstler merken, dass ihre Leistungen, ihre Arbeit und ihr Können unverzichtbar sind. Sie sollen jetzt wieder erkennbar starten können.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

Monika Grütters © Elke A. Jung-Wolff Foto: Elke A. Jung-Wolff

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NDR Kultur - Journal Gespräch -

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.06.2020 | 19:00 Uhr

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