Stand: 14.09.2018 13:20 Uhr

Die Aufarbeitung steht erst am Anfang

von Florian Breitmeier

Am 25. September soll die große Missbrauchsstudie der katholischen Kirche offiziell vorgestellt werden. Die Untersuchung hatte die Deutsche Bischofskonferenz vor vier Jahren in Auftrag gegeben. Am Mittwoch zitierten "Zeit" und "Spiegel" aus einer Zusammenfassung der Ergebnisse. Demnach vergingen sich im Zeitraum von 1946 bis 2015 mindestens 1.670 katholische Geistliche nachweislich an 3.677 Kindern und Jugendlichen sexuell. Die Dunkelziffer dürfte laut den Forschern aber noch deutlich höher liegen. Die Diskussion darüber, was nun aus den erschütternden Zahlen folgen soll, ist im vollen Gang.

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Florian Breitmeier ist Leiter der Redaktion "Religion und Gesellschaft" im NDR.

Scham, Schande, Sprachlosigkeit. Drei Worte, die häufig zu hören sind, seitdem erste Zahlen der großen Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz durchgesickert sind.  Doch bei Sprachlosigkeit darf es nicht bleiben. Die katholische Kirche hat beim Thema sexualisierte Gewalt viel zu lange geschwiegen. Sie ist Hinweisen von Betroffenen oft nicht konsequent nachgegangen.

Stattdessen herrschte vielerorts eine Art katholisches Schweigekartell. Frei nach dem Motto: Was intern nicht detailliert benannt wird,  kann nicht aufgeschrieben werden; was nicht aufgeschrieben wird, ist auch nicht aktenkundig; was nicht aktenkundig wird, ist später nicht beweisbar. Der Schutz der kirchlichen Institution hatte oft Vorrang vor dem Leid des Einzelnen. So entstand ein System, in dem Muster des Wegschauens und des Vertuschens keine Seltenheit waren.

Lange ein geschlossenes System

Es waren vor allem die Betroffenen sexualisierter Gewalt selbst, die durch ihr öffentliches Sprechen und Benennen diese Schweigekartelle in ihren klerikal-narzisstischen Grundfesten erschütterten. Die nun bekannt gewordenen Ergebnisse der Missbrauchsstudie zeigen auch: Die Täter wurden nur selten zur Rechenschaft gezogen. Man wollte kirchlicherseits vieles einfach nicht so genau wissen und gefährdete damit letztendlich doch wissentlich das Wohl von Kindern und Jugendlichen. Zum Beispiel, indem Vorwürfe gegen Geistliche nicht konsequent verfolgt und auffällig gewordene Priester von der einen in eine andere Gemeinde versetzt wurden, ohne die Gläubigen über die Hintergründe zu informieren. Die Kirche war in dieser Hinsicht ein geschlossenes System. 

Geschlossene Systeme verändern sich aber nur durch Störung. Beim Thema Missbrauch geschah dies durch Störung von außen, nicht durch kritische Bischöfe oder andere leitende Geistliche. Noch heute sind es vor allem die Opfer sexualisierter Gewalt, die Druck machen, Öffentlichkeit herstellen und Konsequenzen fordern.

Mikrofone bei NDR 90,3 © Uta Meier-Hahn

Kommentar: Missbrauchsstudie und Folgen

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Von 1946 bis 2015 haben sich mindestens 1.670 katholische Geistliche nachweislich an 3.677 Kindern und Jugendlichen sexuell vergangen. Lesen Sie einen Kommentar von Florian Breitmeier.

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Studie mit Glaubwürdigkeitsproblem

Denn der von vielen Bischöfen infolge des Missbrauchsskandals von 2010 beschworene Paradigmenwechsel in der Kirche hat erst begonnen. Zu Recht fordern Betroffeneninitiativen deshalb eine von den Kirchen unabhängige Kommission, die sich um die weitere Aufarbeitung kümmert. In Australien, Irland und jüngst im US-Bundesstaat Pennsylvania haben staatliche Ermittler die Kirchenarchive durchforstet. Für die Studie der Bischofskonferenz filterten dagegen kirchliche Mitarbeiter, was an die Forscher gehen sollte. Hier hat die Studie ein Glaubwürdigkeitsproblem.  

Zudem: In der katholischen Kirche fehlt bislang eine tiefergehende theologische Reflexion darüber, welches institutionelle Selbstverständnis einzelne Täter geschützt und das klerikale Machtsystem insgesamt gestützt hat. Wenn die Kirche beim Aufarbeiten des Missbrauchsskandals eine Lerngemeinschaft sein will, dann muss sie die Betroffenen sexualisierter Gewalt und die Gläubigen viel stärker in den Aufarbeitungsprozess einbinden. Und Aufarbeitung bedeutet nicht nur Prävention. Es geht auch um Partizipation, Gewaltenteilung, das kirchliche Selbstverständnis, und die kirchliche Lehre. Doch genau davor haben viele leitende Geistliche große Skrupel, weil dies einen persönlichen und theologischen Kontrollverlust bedeuten kann.

Zeit für Antworten

Die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche steht erst am Anfang. Nicht zuletzt deshalb, weil die Orden und ihre Schulen bei der aktuellen Studie nicht berücksichtigt wurden. Auch über dieses Kapitel darf nicht der Mantel des Schweigens gelegt werden. Schweigen dürfen auch diejenigen nicht, die in den Bistumsleitungen Schuld auf sich geladen haben - sei es durch aktives Handeln oder Wegschauen. Es ist an der Zeit, Antworten auf noch viele offene Fragen zu geben und wenn nötig, auch persönliche Konsequenzen zu ziehen.  

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.09.2018 | 19:00 Uhr

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