Ein Stadion in Regenbogenfarben © Sven Simon Pool via sampics Frank Hörmann Foto: Sven Simon

Kommentar: Unpolitische UEFA?

Stand: 23.06.2021 09:55 Uhr

Wie bunt das EM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Ungarn in München wird, steht in den Sternen. Bunt sollte jedenfalls der äußere Rahmen werden.

von Alexander Solloch

Die Stadt München wollte das Stadion in Regenbogenfarben erstrahlen lassen, um damit ein Zeichen gegen jüngste Beschlüsse des ungarischen Parlaments zu setzen, die weithin als homosexuellen- und transsexuellenfeindlich empfunden werden. Jetzt aber hat die UEFA als Ausrichterin der Europameisterschaft die Regenbogenbeleuchtung verboten. Sie beruft sich dabei auf ihre politische Neutralität. Alexander Solloch kommentiert:

Die UEFA ist ein Verband, in dem menschenfreundliche Emotionen heftig brodeln. Unvergessen der Ausbruch, zu dem sich der Präsident dieser gemeinnützigen Organisation, Alexander Ceferin, vor zwei Monaten hinreißen ließ im Kampf für das Gute, gegen das organisierte Böse. Von "Lügnern und Schlangen" sprach er da und hatte, wie es die in Fußballverbänden großzügig verbreitete intellektuelle Redlichkeit gebietet, neben dieser Inhaltsangabe gleich auch die Interpretation parat: "Offenbar ist ihre Gier so stark, dass ihnen alle Werte abgegangen sind." Wer selbst auf einem stabilen Werte-Fundament steht, kann sich manchmal kaum zügeln in seinem heiligen Zorn.

Damals waren es ein paar superreiche Vereine, die die UEFA so empört hatten. "Superreich" - dies zur Erklärung für diejenigen, die sich bloß alle zwei bis drei Jahre aus Anlass einer Welt- oder Europameisterschaft mit diesem edlen Spiel beschäftigen - ist im Fußball der Fachausdruck für "superverschuldet". Real Madrid, Juventus Turin und ein paar andere dieser systemrelevanten Turbokapitalistenclubs hatten die Absicht, eine "Super League" in eigener Verantwortung zu gründen, um noch mehr Geld verdienen, noch teurere Spieler kaufen und diese noch höher entlohnen zu können. Klar, dass sich das nicht mit den Werten der UEFA vertrug: Gier ist nicht gut - die Gier der anderen jedenfalls, jene erbärmliche Sorte Gier, von der man selbst nichts hat.

Seltsam, dass sich diese frühlingsduftende Erinnerung wieder ins Gedächtnis weht. War die damalige scharfe Reaktion des UEFA-Präsidenten schon eine "politische" Äußerung? Oder war sie Ausdruck einer gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit, über die vernünftige Menschen nicht in Zwist miteinander geraten? Gier ist nicht gut. Frieden ist wundervoll. Gesang macht froh. Fußball braucht Publikum. Alles unpolitische Selbstverständlichkeiten. Weiter: Havertz ist herrlich, Käsekuchen köstlich, Gewalt aber schlimm. Selbstverständlich, selbstverständlich! Alle Menschen verdienen Respekt. Niemand darf wegen seiner sexuellen Neigung diskriminiert werden, niemand…

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Moment! Hier schreitet die UEFA, die Wächterin über den jahrhundertealten Wert der europäischen Scheinheiligkeit, ein! Havertz und Käsekuchen und Coca Cola - das mag ja noch alles hingehen, aber Solidarität mit Homo- und Transsexuellen? Zu politisch, sorry, pardon, elnézést! Es könnte ja immerhin irgendwo Leute geben, die hier ein tiefes Diskriminierungsbedürfnis verspüren, und die darf man nicht einfach so vergrätzen.

Dazu fällt einem naturgemäß nicht viel mehr ein als die nüchterne Feststellung, dass die UEFA mit ihrem Verbot der Regenbogen-Beleuchtung in München selbst zur politischen Akteurin wird, zur Handlangerin der fremdenfeindlichen, homophoben, von tausend Verklemmungen zerfressenen ungarischen Regierung. Die Fußballfunktionäre rund um Alexander Ceferin gieren nach Harmonie mit einem antidemokratischen Regime. Offenbar ist ihre Gier so stark, dass ihnen alle Werte abgegangen sind. Die UEFA ist somit - spätestens mit dem heutigen Tag - eine politische, eine aktivistische Organisation. Sie muss deshalb eine von ihr selbst ausgerichtete Europameisterschaft umgehend verbieten; und sei es auch mit dem Ausdruck größten Bedauerns.

Die Meteorologen sagen übrigens einen ständigen Wechsel von Regen und Sonne in München voraus. Die Welt lässt sich ihre Farbenpracht nicht verbieten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 22.06.2021 | 14:40 Uhr

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