Stand: 06.04.2020 11:25 Uhr  - NDR Kultur

Kleine Kulturgeschichte des Schreibtisches

von Lenore Lötsch

Es beginnt in vielen Familien die vierte Woche, in der Homeschooling und Homeoffice miteinander verbunden werden müssen. Ein Möbelstück ist da plötzlich wieder besonders gefragt: der Schreibtisch. Er galt schon fast als überholt, schließlich kann man überall den Laptop aufklappen. Eine kleine Kulturgeschichte über das Urmöbel des Homeoffice.

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Der heimische Schreibtisch gewinnt aktuell für viele Menschen an Wichtigkeit.

Der heimische Schreibtisch und wir - das ist dieser Tage eine Zwangsheirat. Eigentlich wollten wir doch damals nur ein dekoratives Möbel. Wir planten spontane, abendliche Treffen bei Wein und Kerzenschein, die Ideen sollten hier sprudeln, höchstens einmal im Jahr sollte Platz sein für etwas Pragmatisches: die Steuererklärung. Und nun sitzen wir hier von morgens bis abends und blicken zunehmend missmutiger aufs kiefernfarbige Rechteck.

Der persönliche Arbeitsplatz

"Aber den Schreibtisch, den eigenen, den hat man ja vorher schon ausgesucht und in diesem Prozess hat man doch nicht irgendein Möbel genommen, das irgendwie - und selbst wenn man das nur subkutan wahrnimmt - zu einem passt", findet Jörg Meiner. Er ist Kunsthistoriker, Dezernatsleiter in der Abteilung "Schlösser und Gärten" des Schweriner Finanzministeriums und ein ausgewiesener Möbelexperte - was man seinem grauen Büroschreibtisch nicht unbedingt ansieht. 

Das sei Standard in den Büros der Behörden des Landes Mecklenburg-Vorpommerns. Da könne man nicht groß wählen, zumindest nicht in seiner Gehaltsklasse. "Ich habe zu Hause einen umfunktionierten Spieltisch, von dem meine Frau immer sagt, der sei viel zu klein. Dieses spinnenbeinige Ding, das ist so ein bisschen Neurokoko-angehauchtes Biedermeier", fügt Meiner hinzu.

Bureau und Sekretär

Das späte 17. Jahrhundert war die Zeit, in der französische Kunsttischler den Schreibtischtätern dieser Welt einen eigenen Ort schufen. "So wie das dann aus Frankreich kam, hieß das dann Bureau. Im Grunde sitzen wir hier also in einer Art Schreibtisch als Raum ausgebildet", erläutert Meiner. Die seien dann immer mehr ausdifferenziert worden und hätten auch immer eigenständigere Namen bekommen, wie "Bureau Mazarin" nach dem Kardinal. "Mitte des 18. Jahrhunderts gab es dann auch einen großen Schreibtisch, das war dann schon ein Rollbüro, also ein Sekretär, bei dem man etwas verschließen kann", so Meiner.

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In einem Sekretär kann die private Korrespondenz vor neugierigen Blicken geschützt werden.

Ein Sekretär, wie ihn meine Großmutter hatte, das wäre es! Klappbar, alles verbergend. Eben noch als altmodisch verschrien, nun in Krisenzeiten das Modell, dass bei ebay-Kleinanzeigen boomt. Zu empfehlen ist auch ein sogenanntes Zylinderbureau, bei dem im Halb- oder Viertelkreis Rollläden zugezogen werden können. Napoleon hatte das exakt gleiche Exemplar eines solchen Schreibtisches in all seinen Palästen.

Das habe natürlich vor allem dazu gedient, dass die Briefe, die man geschrieben hatte, keiner lesen konnte. "Das schreibt man übrigens einem österreichischen Staatskanzler zu - Kaunitz, ein Vertrauter von Maria Theresia - deshalb hieß dieses Büro auch am Anfang 'Büro à la Kaunitz'", berichtet Meiner.

Die Macht des Schreibtisches

Die Geschichte der Schreibtische ist eine Erzählung, in der es immer auch um Repräsentation und Macht ging. Wenn der preußische Kronprinz und spätere König Friedrich Wilhelm II seinen drei Meter hohen Schreibschrank, das "Neuwieder Kabinett" vorführte, wenn er auf verborgene Knöpfe drückte und unter Glockenspiel sich Schreibpulte und Kästen öffneten, dann war die Botschaft: Der König, der Maschinist des Staates.

In England übrigens wurde die platzsparende Homeoffice-Variante für Paare bereits im 19. Jahrhundert erfunden: "'Partners desk' - es konnten also von beiden Seiten Leute dran sitzen." Das wäre es doch heute! "Naja, es kommt doch immer auf die Dimension des Möbels an, wenn er mindestens zwei Meter in der Breite hat, ginge das", überlegt der Kunsthistoriker.

Antike Schreibtische werden unbeliebter

Weil sich kaum noch jemand mit großen Möbeln beschweren möchte, gehen die Preise auch für antike Schreibtische zurück. Nach Jörg Meiners Beobachtung musste man vor einigen Jahren noch das Doppelte zahlen. Also lohnt es sich vielleicht doch, sich noch einmal neu umzuschauen, nach den Tagen der Zwangsverheiratung mit dem alten Küchentisch einen Arbeitsplatz zu suchen, der mehr passt?

Der Schweriner ist überzeugt: Ein Schreibtisch ist und bleibt das personalisierteste Möbelstück in unseren Wohnungen. "Einen Schreibtisch wird es immer geben. Selbst wenn wir etwas diktieren und das dann von einem System aufgeschrieben wird, wird man immer einen Ort brauchen, an dem man sitzt. So ein Möbel empfängt einen auch und gibt einem so einen kleine Heimstatt", schließt Meiner.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 06.04.2020 | 06:20 Uhr

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