Stand: 27.12.2018 14:10 Uhr

Feuchtwanger: Ein möglichst intensives Leben

Pünktlich zum 60. Todestag des Schriftstellers Lion Feuchtwanger hat der Aufbau Verlag dessen Tagebücher aus den Jahren 1906 bis 1940 veröffentlicht. Der Schriftsteller Klaus Modick ist ein ausgewiesener Feuchtwanger-Kenner und hat das Vorwort zu den Tagebüchern geschrieben.

Herr Modick, es gibt sehr kritische Stimmen über die Tagebücher. Da heißt es zum Beispiel: "Völlig frei von Stillust und eleganten Formulierungen" die Lektüre sei mühselig und das, was man über Feuchtwanger erfährt, sei peinlich und verstörend. Als "Leichenfledderei" wurden die Tagebücher bezeichnet, die Feuchtwanger nicht verdient habe. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

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"Wer sich mit Feuchtwanger beschäftigt, der kommt um diese Tagebücher nicht herum", sagt Klaus Modick.

Klaus Modick: Das kann ich nachvollziehen. Es ist ja jedem freigestellt, wie er ein Buch findet. Der Mann war - das räume ich ein und das irritiert mich auch - von einer geradezu unfasslichen Sexualgier erfüllt, die er hemmungslos ausgelebt hat. Aber es findet gar keine Darstellung dieser Sexualkontakte statt - die werden nur notiert wie in einer Buchhaltung: völlig sachlich und ohne jedes Schielen auf Erregungspotenzial bei potenziellen Lesern.

Befragt, ob er Tagebuch schreibe, hat Feuchtwanger diese Frage 1931 verneint. Jetzt hat er offenkundig doch Tagebuch geschrieben. Kann man das als Indiz dafür deuten, dass er beim Schreiben seiner Tagebücher keinesfalls an eine Veröffentlichung gedacht hat?

Modick: Ja, das sehe ich eindeutig so. Diese Umfrage einer Berliner Tageszeitung Mitte der 20er-Jahre, ob er Tagebuch schreibe, hat er verneint. Er hat die Frage so verstanden, dass es sich um Tagebücher handeln solle, die mit Blick auf Öffentlichkeit publiziert werden. Dann gibt es natürlich auch noch die Tagebücher, die zwar nicht zu Lebzeiten des Autos publiziert werden, die aber so verfasst worden sind oder werden, dass der Autor oder die Autorin davon ausgeht, dass nach Ableben des Verfassers eine Veröffentlichung stattfindet. Diese beiden Formen von Tagebuch hat Feuchtwanger in der Tat nicht geführt, und deswegen war seine Antwort auf die Umfrage, ob er Tagebuch schreibe eigentlich auch korrekt. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, warum er das schreibt, wenn er auf keine Rezeption schielt.

Die Tagebüchern umspannen die Jahre 1906 bis 1940 und damit auch eine wichtige Zeit seines Exils in Frankreich. Gerade das Jahr 1941 - Feuchtwanger sitzt in Marseille fest - hat er eindrücklich beschrieben in seiner "Wartesaal-Trilogie", die als Chiffre eingegangen ist in die Gattung Exilliteratur. Prägende Jahre für Feuchtwanger mit dem einschlägigen Exil-Personal Bertolt Brecht, Heinrich Mann oder Bruno Frank. Bekommen die Tagebücher da nicht auch eine andere Qualität?

Buch-Info

Ein möglichst intensives Leben: Die Tagebücher
von Lion Feuchtwanger
Aufbau Verlag
Seiten: 640
ISBN: 978-3351037260
Preis: 26,00 Euro

Modick: Eigentlich nicht. Die Passagen in diesen Tagebüchern, die über dieses Stenogrammartige, Buchhalterische, Stichwortartige, Trockene, Karge, manchmal fast auch in der Unausgeführtheit Brutale hinausgehen, sind merkwürdigerweise nicht in seinem französischen Exil entstanden; da geht das eigentlich so weiter, wie es auch zu Hause in München oder in Berlin war. Nein - die beiden großen und für ihn ganz entscheidenden Reisen, die er in den 30er-Jahren gemacht hat, nämlich 1932/33 durch die USA, eine unglaublich erfolgreiche Vortragsreise, und die berüchtigte Moskaureise 1936/37, in der er Zeuge der Trotzkisten-Prozesse wurde und auch eine Privataudienz bei Stalin bekam, da wird er ausführlicher und berichtet über das Stichwortartige hinaus. Da ist er wohl in Situationen, die ihm nicht alltäglich vertraut sind, und da fühlt er offenbar das Bedürfnis, dieses Neue etwas ausführlicher festzuhalten.

Welchen Ertrag ziehen Sie persönlich als Feuchtwanger-Experte aus den Tagebüchern?

Modick: Das Bild, was ich von Feuchtwanger hatte, wird durch diese Tagebücher komplettiert und zwar gerade auch in die nicht so sympathische Richtung. Also sein Umgang mit Frauen etwa - das ist natürlich ganz furchtbar. Aber das gehört auch zur Komplexität einer Person, und da wird diese Person in gewisser Hinsicht plausibler, weil sie plötzlich in ihren Schwächen oder in ihren eher negativen Eigenschaften erscheint. Es sind Dinge, die wenig schmeichelhaft sind und die man in einem Selbstporträt oder in einem durchgearbeiteten autobiografischen Text eher unterdrücken würde. Und das ist zumindestens hochinteressant. Wer sich mit Feuchtwanger, seiner literarischen Epoche und seinen Vernetzungen beschäftigt - er war einer der bestvernetzten Schriftsteller seiner Zeit -, der kommt um diese Tagebücher nicht herum.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 27.12.2018 | 19:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Klaus-Modick-ueber-Lion-Feuchtwanger,journal1582.html

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