Stand: 12.02.2018 18:05 Uhr

Die GroKo setzt auf Auswärtige Kulturpolitik

Kultur ist - wie Bildung - in Deutschland größtenteils Ländersache. Insofern hat sich der Bund dort weitgehend rauszuhalten. Eine der wenigen Ausnahmen bildet die Auswärtige Kulturpolitik. Und die spielt in dem jetzt zur Diskussion stehenden Koalitionsvertrag eine überraschend große Rolle. Dabei kommt dem Goethe-Institut eine zentrale Rolle zu. Dessen Präsidenten Klaus-Dieter Lehmann sieht im Vertrag praktische Möglichkeiten für nachhaltige Gestaltung.

Herr Lehmann, im Koalitionsvertrag heißt es, "das Netzwerk des Goethe-Instituts soll ausgebaut, im digitalen Bereich modernisiert und durch eine Öffnung gegenüber neuen Kooperationsformen weiterentwickelt werden." Darf man Ihnen da als einem der großen Koalitionsgewinner gratulieren?

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Klaus-Dieter Lehmann

Klaus-Dieter Lehmann: Zumindest haben wir gute Perspektiven - das muss ich schon sagen. Es freut mich, dass eine solche Koalitionsvereinbarung in dieser Weise die Innen- und die Außenkulturpolitik in den Blick nimmt. Denn man merkt ja, dass man nur mit wirtschaftlichen oder nur mit politischen Gesichtspunkten nicht unbedingt weiterkommt. Die Kultur kann doch an einigen Punkten Alternativen aufzeigen, Überraschungen machen, Prozesse wieder in Gang setzen. Wir freuen uns über diese Möglichkeiten, die wir haben, und gehen die auch gerne an.

Liest man die Koalitionsvereinbarung genau, dann ist da weniger vom Wert der Kultur und Bildung die Rede, sondern von einer "offensiven deutschen Auswärtigen Kulturpolitik" im Kontext mit Wettbewerbsvorteilen oder internationaler Konkurrenz um fähige Arbeits- und Fachkräfte. Wird da das Goethe Institut zu einer Art Schwungrad der Industrie?

Lehmann: Nein, ganz sicher nicht. Wer die Arbeit des Goethe-Instituts in den letzten Jahren beobachtet hat, merkt, dass wir nicht die Agentur sind, um nur Repräsentationskultur ins Ausland zu bringen. Wir haben in den letzten Jahren enorm viel investiert, um lokale Netze so zu knüpfen, dass daraus auch große Projekte geworden sind. Es gibt Beispiele, die deutlich machen, was wir zivilgesellschaftlich unternehmen. Und das ist ein Punkt, der, im Vergleich zu den Wettbewerbern, eine andere Vorgehensweise darstellt. Zum Beispiel "Moving Africa": Vor drei, vier Jahren hat das Goethe Institut im lokalen Umfeld mit der Identifizierung von Talenten begonnen. Wir organisierten dann in der Region Workshops, über Ländergrenzen hinaus, organisierten schließlich Festivals und konnten am Ende die Internationalisierung einleiten. Wir haben aus dem erstmaligen Kennenlernen untereinander ein einzigartiges Potential bekommen: Hunderte von Künstlern haben plötzlich eine Perspektive, sind untereinander vernetzt. Und wir können sagen: Wir sind die Ermöglicher und haben damit eine langfristige Bindung an Partner. Das ist etwas, wo wir nicht den Wettbewerb für Kultur machen, sondern wir stärken die Partner, sodass wir eine gleichwertige Partnerschaft haben. Das ist nur ein Beispiel von vielen.

Das Goethe-Institut stand bislang in erster Linie dafür, die deutsche Kultur und die deutsche Sprache zu bringen. Das, was sie beschreiben, klingt ein bisschen nach kultureller Entwicklungshilfe vor Ort. Was verspricht sich das Goethe-Institut oder der Bund davon?

Klaus-Dieter Lehmann © Goethe-Institut/Andreas Wrobbel

Die GroKo setzt auf Auswärtige Kulturpolitik

NDR Kultur -

Der Präsident des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann sieht im Koalitionsvertrag praktische Möglichkeiten für nachhaltige Gestaltung.

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Lehmann: Entwicklungshilfe ist etwas, was bislang immer mit Finanzierung zu tun hatte. Wir gehen ganz anders vor: Wir machen Koproduktionen, Kooperationen. Das Goethe-Institut ist gekennzeichnet durch ein partizipatorisches Vorgehen. Das ist das, was wir wollen, und damit schaffen wir nachhaltige Bindungen. Das ist auch der entscheidende Ansatz, der im Koalitionsvertrag deutlich wird - nicht der Wettbewerb der Kulturen, das kann nicht funktionieren. Hegemonialansprüche zu befriedigen, das wird die deutsche Politik nicht machen - und das Goethe-Institut erst recht nicht. Denn wir haben ein wunderbares Gründerstatut, das aus den Erfahrungen der Nazi-Zeit kommt: Kultur darf nicht zu Propaganda instrumentalisiert werden. Und damit haben wir eine Unabhängigkeit, mit der wir in der Welt ein Ansehen gewinnen, das andere wie Russland oder China nie erhalten können. Aber wir können damit nachhaltig in einer Weise wirksam sein, die diese Glaubwürdigkeit auch nachvollziehen kann.

Wir haben nach wie vor die deutsche Sprache als ein Standbein und mit den 15 Millionen Deutschsprechenden, die jedes Jahr Deutsch lernen, eine Steigerung bei den Goethe-Instituten um 20 Prozent. Die Teilnehmer in den ausländischen Schulen sind weltweit um fünf Prozent gewachsen. Wir haben auch Kulturveranstaltungen, wo uns 16 Millionen Besucher in den Goethe-Instituten die entsprechenden Besuchszahlen bringen - aber das heißt heutzutage nicht viel. Wir müssen sehen, dass wir zivilgesellschaftlich diejenigen unterstützen, die unsere Partner in der Zukunft werden. Das ist unser Ansatz.

Wenn Sie auf diesem Fundament, dass Sie gerade beschreiben, aufbauen, dann sind das ja gewisse Kontinuitäten. Nun heißt es aber in dem Koalitionsvertrag, dass es eine "radikale Neukonzeption" geben soll. Worin bestünde diese?

Lehmann: Das "radikal" würde ich so nicht unterschreiben. Ich sehe den Ansatz folgendermaßen: Die Welt hat sich radikal geändert. Dieser Koalitionsvertrag ist Gott sei dank kein visionäres Papier. Es ist ein Papier, das sich an Realitäten orientiert - und das ist die Chance, die wir haben. Es ist eine praktische Möglichkeit der Gestaltung, und damit können wir sehr viel besser umgehen, als wenn wir die großen Visionen hätten. So haben wir Bezüge zu unserer eigenen Gesellschaft, die sich durch Zuwanderung in den Stadtgesellschaften verändert hat; wir haben Bezüge zu den Krisen- und Konfliktländern, die einen Hoffnungsträger brauchen, der auch Dinge ermöglicht - gerade in den entsprechenden Veränderungen, die wir in China oder Russland haben, aber auch in der Türkei. Insofern ist die Realität des Koalitionsvertrages eigentlich das "Radikale" - und das finde ich gut.

Bis 2020 sollen zehn neue deutsch-französische Institute gegründet werden. Das klingt nach einer Heldenaufgabe.

Lehmann: Es ist deshalb spannend, weil wir grundsätzlich andere Auffassungen haben. Frankreich ist immer noch die Grande Nation und sehr zentralistisch organisiert. Wir sind partizipatorisch aufgestellt, sind dezentral organisiert. Aber aus dieser unterschiedlichen Auffassung lassen sich durchaus kreative Funken schlage. Wir wollen das nicht auf der grünen Wiese machen, sondern die zehn Institute sind so vorbestellt, dass wir an den Ort gehen, wo einer von uns schon ist, und dieses eine Institut wird dann um das andere Institut ergänzt. Wir sind zuversichtlich, dass wir das schaffen, um zu zeigen: Europa kann miteinander umgehen. Man muss auch die kulturellen Unterschiede aushalten, sie befähigen uns zum Dialog. Das ist das, was ich spannend und richtig finde: dass wir zeigen, dass es geht.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 12.02.2018 | 19:00 Uhr

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