Stand: 05.03.2020 15:26 Uhr

Kestnergesellschaft: Abschied von Christina Végh

Nach fünf Jahren als Direktorin der Kestnergesellschaft Hannover verlässt Christina Végh nun das Haus und übernimmt die Leitung der Kunsthalle Bielefeld. Die aktuellen Ausstellungen von Katinka Bock und Jean-Luc Mylayne in der Kestnergesellschaft hat sie allerdings noch kuratiert.

Frau Végh, fünf Jahre Kestnergesellschaft - ist das nicht viel zu kurz?

Christina Végh © Ulrich Prigge Foto: Ulrich Prigge
Christina Végh leitete die Kestnergesellschaft von 2015 bis 2019 und wechselte zum Februar 2020 als Direktorin an die Kunsthalle Bielefeld.

Christina Végh: Doch, das ist natürlich kurz - aber alles hat seine Zeit. Es war klar, dass das Nächste, was ich nach der Kestnergesellschaft machen wollte, die Arbeit in einem Museum sein würde. Jetzt ist eine sehr schöne Gelegenheit gekommen, eine sehr interessante Aufgabenstellung. Die Kunsthalle Bielefeld ist nicht nur in einem einzigartigen Gebäude zuhause, dem einzigen Museumsbau in Europa von Philip Johnson, sondern hat auch eine relativ kleine, aber sehr feine und gute Sammlung. Diese Möglichkeit, dort zu arbeiten und das Haus längerfristig mit einer Sanierung neu zu gestalten - das kommt nicht alle Tage.

Die Arbeit mit einer Sammlung ist für Sie als Direktorin etwas ganz Neues. Inwiefern wird das Ihre Arbeit beeinflussen?

Végh: In der Kestnergesellschaft war für mich das Wichtigste, Zusammenhänge und Verbindungen zwischen den einzelnen Ausstellungen sichtbar zu machen oder zu thematisieren. Mir war es wichtig, Geschichten zwischen den Zeilen, zwischen den Ausstellungen zu erzählen. Und so gab es thematische Verbindungslinien zwischen den Ausstellungen. Im Prinzip beinhaltet die Arbeit mit der Sammlung genau das auch, dass man unterschiedliche Themen aus einer Sammlung herauskitzelt und sie in immer wieder neuen Konfigurationen und Aspekten beleuchtet.

Wenn Sie auf ihre fünf Jahre zurückblicken - was ist Ihnen besonders unter die Haut gegangen?

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Eine Baustelle vor der Kestnergesellschaft in Hannover. © NDR Foto: Birgit Reichardt

Kestnergesellschaft Hannover

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Végh: Für mich war es sehr wichtig, immer wieder zu betonen, dass präzise, pointierte oder für mich interessante Kunst immer auch politisch ist, aber nicht Politik ist. Dass mit den Mitteln der Kunst Themen verhandelt werden, die uns anregen, große gesellschaftliche Zusammenhänge zu entdecken, aber die nicht plakativ oder direkt in der Kunst illustriert werden. Für mich war es immer sehr wichtig, das aus den Arbeiten herauszukitzeln. Das ist das, was ich von Kunst erwarte, und das ist Sinn und Zweck unserer Einrichtungen und warum wir uns mit Kunst beschäftigen.

Mit welchen Erwartungen sind Sie nach Hannover gekommen? Was haben Sie hier erfahren? Und was wünschen Sie sich für Hannover?

Végh: Ich hoffe natürlich, dass die Stadt Hannover Kulturhauptstadt wird. Was ich erfahren habe, ist ein sehr reges kulturelles Leben und ein sehr kollegialer Umgang. Zum Beispiel das Zusammenspiel und die Kommunikation mit den Kollegen aus dem Sprengel Museum und aus dem Kunstverein Hannover - das hätte nicht schöner sein können. Aber auch bei Theater, Oper, Musik - da packen viele offene Menschen gemeinsam an und man ist sehr kollegial miteinander im Gespräch. Das fand ich wahnsinnig schön. Das ist nicht überall der Fall und ist nicht selbstverständlich. Das ist etwas, was ich sicher vermissen werde.

Was ich mir für die Stadt wünschen würde: Das Land Niedersachsen ist ein Bundesland mit sehr viel Landwirtschaft, sehr viel weiter Landschaft, und es gibt nicht viele Metropolen. Umso mehr würde ich mir wünschen, dass sich die politischen Gremien noch stärker für ihre kulturellen Institutionen begeistern. Das gelingt besser, wenn es noch mehr Kräfte gibt.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 05.03.2020 | 19:00 Uhr