Stand: 02.02.2018 16:41 Uhr

Lessingtage: Ein Festival mit politischem Fokus

An diesem Wochenende gehen am Hamburger Thalia Theater die Lessingtage zu Ende. Zwei Wochen hatte Intendant Joachim Lux Gastspiele aus dem In- und Ausland eingeladen. Die Theater-Kritikerin Katja Weise hat das Programm intensiv verfolgt.

Frau Weise, als es vor zwei Wochen mit den Lessingtagen los ging, war das tatsächlich ein sehr politischer Start. Nicht zaghaft, mit vielen Andeutungen, sondern sehr klar und deutlich mit der Rede von Can Dündar, der über die Türkei, über Erdogan, über Europa und die Demokratie sprach. Hat sich diese poltische Akzentuierung fortgesetzt?

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NDR Kultur Redankteurin Katja Weise zieht eine Bilanz der Lessingtage.

Katja Weise: Das hat sich fortgesetzt. So klar wie in diesem Jahr war der politische Fokus bei dem Festival, das sich ja grundsätzlich als ein politisches versteht, noch nie. Das mag daran liegen, dass die politische Situation fragil ist und auch als so fragil empfunden wird wie schon lange nicht mehr. Davon profitiert die Kunst, so paradox das klingen mag. In vielen Produktionen ging es um Verfolgung, Unterdrückung und Ausgrenzung, aus immer wieder anderen Perspektiven wurden beispielhaft Geschichten erzählt - so in "Imitation of Life", einem Gastspiel des Proton Theaters aus Budapest. Regisseur Kornel Mundruczó, der leider nicht kommen konnte, weil er gerade in Hollywood dreht, beleuchtet in seiner deutlich auch vom Film inspirierten Arbeit das Schicksal der Roma in Ungarn, ausgehend von einem realen Fall. Eine nicht nur politisch brisante, sondern auch formal und künstlerisch eindrucksvolle Arbeit - mit tollen Bildern: Etwa in der Mitte des Abends dreht sich die ganze Bühneninstallation um 360 Grad. So zeigt Mundruczó beispielhaft, wie ein ganzes Leben aus den Fugen geraten kann.

Das Festival hat mich insgesamt überzeugt, das war ein richtig starker Jahrgang. Die Deutschlandpremiere von "1993" von Julien Gosselin war auch ein Highlight. In seiner Heimat Frankreich ist Gosselin ein absoluter Shootingstar, hat "1993" mit Schauspielschülern erarbeitet, alle Jahrgang 1993: eine Aufführung wie eine Achterbahnfahrt, mit ohrenbetäubender Musik, teilweise unerträglich laut, mit Lichtblitzen. Aber irgendwann kommt dann der entscheidende Bruch, der Abend kippt und lässt einen erschüttert zurück. Das Thema: Der europäische Traum und was daraus geworden ist.

"Gesellschaftskritik" ist wohl das ganz große Thema, auch in Ibsens "Volksfeind", heute Abend noch einmal zu sehen bei den Lessingtagen in der Inszenierung von Jette Steckel, mit Joachim Meyerhoff. Meyerhoff kommt ja auch im Mai zum Theatertreffen nach Berlin mit Jan Bosses Burgtheater-Inszenierung "Die Welt im Rücken". Gerade ist er auch am Hamburger Schauspielhaus als Shylock zu sehen. Wie war er bei den Lessingtagen?

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Weise: Er hat die in ihn gesetzten Erwartungen, insbesondere bei der großen weiblichen Fangemeinde erfüllt. Er ist ein charismatischer Volksfeind - trotz Fusselbart - in einer Inszenierung, die mich allerdings nicht ganz überzeugt hat. Aus meiner Sicht verhandelt Regisseurin Jette Steckel das Thema etwas zu holzschnittartig: Auf der einen Seite der Gute, Joachim Meyerhoff, der das vergiftete Kurbad schließen lassen will, auf der anderen Seite die schlechten Politiker, die von marktwirtschaftlichen Zwängen sprechen. Was aber wirklich bemerkenswert war gestern Abend - und damit sind wir wieder bei der Eröffnungsrede und Can Dündar und seiner Forderung nach dem aktiven Demokraten: Meyerhoff fällt aus der Rolle und spricht das Publikum direkt an:

Woher kommt nur diese unfassbare Apathie, warum ist das eigentlich unser Hauptmerkmal geworden, diese unglaubliche Apathie? Bestens informiert, alles weiß man - und in sich drin ist man so unfassbar faul. Joachim Meyerhoff

Dann fordert er das Publikum auf, aufzustehen, sich umzudrehen und eine Gedenkminute einzulegen für die Affen, die bei den Tierversuchen Dieselabgase einatmen mussten. Was zunächst sehr platt daherkommt, hat mich nachhaltig erschüttert, denn fast alle Zuschauer sind gestern geschlossen aufgestanden und haben sich umgedreht. Das kann man als ein engagiertes Zeichen gegen Tierversuche werten, es ist aber auch erstaunlich, wie schnell die Masse den Ansagen eines Einzelnen gefolgt ist.

Als Anfang der Woche die Stücke für das Berliner Theatertreffen bekannt gegeben wurden, sagte die Leiterin, Yvonne Büdenhölzer, dass es ihr wichtig sei, dass das Theater auf die "komplexe Gegenwart" reagiert. Das kann man als eine Richtung für die Theaterlandschaft insgesamt verstehen. Haben Sie so etwas bei den Lessingtagen auch feststellen können?

Katja Weise © NDR Fotograf: Christian Spielmann

Lessingtage: Ein Festival mit politischem Fokus

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An diesem Wochenende gehen am Hamburger Thalia Theater die Lessingtage zu Ende. Die Theater-Kritikerin Katja Weise hat das Programm intensiv verfolgt.

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Weise: Auf jeden Fall. Und das gilt nicht nur für die schon angesprochenen Gastspiele, sondern auch für die im Rahmen des Festivals gezeigten Inszenierungen des Thalia Theaters: Jede reagiert auf ihre Weise auf die "komplexe Gegenwart", und schön ist natürlich, wenn dabei gleichzeitig sinnliche, tolle Theaterabende entstehen, die das Publikum mitnehmen - denn sonst verpufft ja jeder Diskurs von vorneherein. Gezeigt hat sich allerdings auch, dass die Suche nach neuen Formen, die die Jury des Berliner Theatertreffens bei ihrer Auswahl ja ebenfalls gewürdigt hat, eine große Rolle spielt. Einer, der auf bemerkenswerte Weise beides verbindet ist der schon erwähnte Julien Gosselin - diesen Namen sollte man sich merken, von dem wird man in den nächsten Jahren noch öfter hören.  

Heute Abend gibt es noch eine mit Sicherheit spannende Diskussion mit verfolgten Künstlern und am Wochenende die "Lange Nacht der Weltreligionen". Damit gehen die Lessingtage zu Ende. Was ist da geplant?

Weise: In gewisser Weise schließt sich da ein Kreis. Denn Thalia-Intendant Joachim Lux, der die "Lange Nacht" wieder moderieren wird, hat das Thema "Glauben und Demokratie" gewählt:

Wir schätzen die Demokratie, das heißt: Ihre Meinung ist genauso wertvoll wie meine und keiner hat Recht - es sei denn, wir raufen uns zusammen. Es gibt keine absoluten Wahrheiten. Und auf der anderen Seite sehnen wir uns nach absoluten Wahrheiten und sagen: Wenn ich doch eine Orientierung im Nebel dieses Lebens hätte. Und die Religionen behaupten, das zu geben. Joachim Lux

Um das zu diskutieren, hat sich Joachim Lux unter anderem zwei prominente und kundige Frauen eingeladen: Seyran Ateş, die in Berlin eine liberale Moschee gegründet hat, und Katajun Amirpur von der Akademie der Weltreligionen in Hamburg. Dazu werden, wie in jedem Jahr, Schauspieler Textausschnitte aus der Bibel und aus anderen Werken lesen.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 02.02.2018 | 19:00 Uhr

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