Stand: 07.02.2019 18:05 Uhr

Berlinale 2019: Katja Nicodemus mit einem Ausblick

Auf der Kinoleinwand spiegelt sich so vieles: Wünsche, Träume, Fantasien, Psychosen, fragile Charaktere. Alles wieder geballt zu sehen in Berlin, bei der 69. Ausgabe der Berlinale. Bis zum 17. Februar laufen mehr als 400 Filme in den Kinos der Hauptstadt. Mit dabei ist unsere Filmkritikerin Katja Nicodemus.

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Frau Nicodemus, mit "The Kindness of Strangers" wird die Berlinale eröffnet. Ein Film von der dänischen Regisseurin Lone Scherfig und: ein Film ohne Stars. Werden da nicht die Sponsoren und vor allem die Filmkritiker meckern?

Katja Nicodemus: Ja und nein. Es ist immer noch besser, als wenn man zur Eröffnung einen Film nimmt, der nur eine Alibi-Funktion hat, um Stars auf den roten Teppich zu schaufeln. In diesem Film spielen immerhin Andrea Riseborough und Zoe Kazan mit, zwei fantastische Schauspielerinnen. Sie sind noch keine Superstars, aber sehr beeindruckend, und sie werden wahrscheinlich schon von der zweiten Garde in die erste aufsteigen.

Was können Sie uns über den Eröffnungsfilm und seine Regisseurin verraten?

Nicodemus: Lone Scherfig hat 2000 mit "Italienisch für Anfänger" einen Welthit gelandet. Seitdem steht sie für leicht komödiantische Filme, für heiter vor sich hin menschelnde Filme - aber doch mit beachtlichem Erfolg. Die Dänin arbeitet auch international, und dieser neue Film "The Kindness of Strangers" ist in New York gedreht worden, einer Stadt, die sie liebt. Das ist ihre persönliche Verbeugung vor New York. In diesem Ensemblefilm geht es um verschiedene Menschen in der Krise, Menschen, die ihre Wohnung verlieren, ihre Familie, ihre Arbeit, die durch die sozialen Netze fallen. Es ist ein Märchen - deswegen kann man sich auch vorstellen, dass sie am Ende nicht allzu hart fallen.

Eine Sache, die mir sehr gut an dem Film gefallen hat, ist die Therapiegruppe "Therapy of Forgiveness", in der man lernt, sich oder anderen Menschen zu vergeben. Als ich aus dem Kino gegangen bin, habe ich erst mal überlegt, wem ich was vergeben könnte.

Der Eröffnungsfilm stammt von einer Regisseurin, die Hommage der Berlinale ist Charlotte Rampling gewidmet, ein Sechstel der 24 Wettbewerbsfilme stammt von Frauen, Thema der Retrospektive ist das Filmschaffen von Regisseurinnen in der Zeit von 1968 bis 1999. Zeigt sich da ein Festival geradezu vorbildlich in Sachen Gleichberechtigung?

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Nicodemus: Ja, das könnte man so sehen. Man könnte auch sagen, dass es ungefähr 2.000 Jahre lang eine unausgesprochene Männerquote gegeben hat. Wenn man das so macht, dann sollte man sich fragen, ob die Sachen im Einzelnen gerechtfertigt sind. Charlotte Rampling die Hommage der Berlinale zu widmen, ist eine fantastische Entscheidung: ein großartige, abgründige Schauspielerin.

Wenn man das nach und nach abgeht, findet man jede dieser Entscheidungen sehr gut nachvollziehbar. Insofern würde ich da gar nicht von einer Quote sprechen, sondern von einer Selbstverständlichkeit.

Jurypräsidentin ist in diesem Jahr die zauberhafte französische Schauspielerin Juliette Binoche. Sie haben sie bereits getroffen und mit ihr gesprochen - nachzulesen in Ihrem Interview für die "Die Zeit". Geäußert hat sich Binoche in Ihrem Gespräch auch zu ihrer Haltung als Schauspielerin, als Figur des öffentlichen Lebens:

"Wenn ich ein Korsett und hohe Schuhe auf dem roten Teppich anziehe, läuten bei mir zumindest die Alarmglocken. Ich weiß, dass dieser Kult der Schönheit auch eine Reduktion der Frau bedeutet. Aber ich muss in meiner Zeit leben, um akzeptiert zu werden. Könnte ich mich von alldem befreien? Vielleicht, aber ich habe den Schritt noch nicht vollzogen."

Wie ist Ihr Eindruck: Ist Juliette Binoche die geeignete Frau als Jurypräsidentin?

Nicodemus: Für mich auf jeden Fall. Ich fand es sehr bezeichnend, was sie gesagt hat. Sie sagt nicht, dass sie MeToo nicht interessiert oder dass sie da längst drüber hinweg ist, sondern sie hat vielleicht nicht die Kraft, dieses System zu verlassen. Das ist eine mutige Aussage. Als Schauspielerin steht sie für das gesamteuropäische Kino, wie nur sehr wenige Schauspielerinnen in Frankreich. Sie hat mit Michael Haneke gedreht, mit Jean-Luc Godard, mit Kieslowski, mit Olivier Assayas, sie hat mit Abbas Kiarostami gearbeitet, mit Amos Gitai. Sie war in ihrer Rollenwahl immer sehr wählerisch und ist auch sehr eigene Wege gegangen. Sie hat zum Beispiel auch eine kleine Rolle in dem Blockbuster "Godzilla" gespielt. Sie steht also für die ästhetische und ökonomische Bandbreite des Kinos, und das finde ich wichtig für eine Jurypräsidentin, dass sie nicht nur einen Ausschnitt verkörpert.

Es ist ja geradezu ein journalistischer Sport, aus der Berlinale-Themen, Trends, Schwerpunkte herauszudestillieren. Wo sehen Sie Ihren Schwerpunkt in diesem Jahr?

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Nicodemus: Mein Schwerpunkt ist das Thema Heimat. Im Wettbewerb läuft der Film "Synonymes" von Nadav Lapid. Er handelt von einem jungen Israeli, der um jeden Preis seine Staatsbürgerschaft loswerden will. Dieses Thema Heimat setzt sich durch die gesamten Sektionen des Festivals: Heimat als Sehnsuchtsort, als Albtraum, als Horrorspektakel, als Schreckgespenst, bis hin zu einem dreieinhalbstündigen Dokumentarfilm "Heimat ist ein Raum aus Zeit" von Thomas Heise: Dieser Film besteht nur aus Briefen, Tagebuchaufzeichnungen und Schulaufsätzen seiner Familie und geht vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. So etwas gehört auf die Berlinale, dafür braucht man Festivals.

Nun ist diese Berlinale die letzte unter der Leitung von Dieter Kosslick. 18 Mal hat er dieses Festival ausgerichet, kuratiert und organisiert. Wie hat er die Berlinale geprägt?

Nicodemus: Zunächst atmosphärisch. Wir kennen alle den Mann mit dem roten Schal. Er steht für eine Herzlichkeit, für eine Gastgeberrolle, aber er ist auch ein Festivalleiter, der sich auch mal zum Clown macht. Er hat dem deutschen Kino eine einmalige Plattform gegeben. Schon in seinem allerersten Jahr gab es mehrere nicht ganz einfache deutsche Filme, und deshalb wurde die Berlinale vorher auch dafür kritisiert, dass sie ein bisschen den Blick für die Branche verloren hatte. Es hat eine Weile gebraucht, bis sein Wettbewerb die kuratorische Form gefunden hat, er hat aber dann doch einen interessanten Weg zwischen anderen Festivals wie Cannes und Venedig gefunden. Er hat aus der Berlinale ein riesiges Event gemacht, das die ganze Stadt erfasst. Dieser Eventcharakter, ein Kinofest - das ist seine Leistung.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Jonas Dassler in einer Szene aus "Der Goldene Handschuh" - der neue Thriller von Fatih Akin © 2018 bombero int / WarnerBros Foto: GordonTimpen

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Zum 69. Mal öffnet die Berlinale ihre Tore. In den kommenden zehn Tagen laufen mehr als 400 Filme in den Kinos der Hauptstadt. Mit dabei ist unsere Filmkritikerin Katja Nicodemus.

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NDR Kultur | Journal | 07.02.2019 | 19:00 Uhr

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