Stand: 04.09.2017 17:03 Uhr

Venedig: Das amerikanische Kino in Hochform

Auf dem Lido in Venedig findet in diesen Tagen das große Kino statt, mit großen Schauspielern und großen Gefühlen. Mit dem Film "Downsizing" wurde das Filmfest eröffnet. Nun ist Halbzeit. Filmexpertin Katja Nicodemus zieht eine Zwischenbilanz.

Goldener Löwe für Fantasydrama "Shape Of Water"

"Aus Wut enstehen tolle Filme"

Am Wochenende hat George Clooney seinen neuen Film "Suburbicon" mit Matt Damon und Julianne Moore in den Hauptrollen gezeigt. Insgesamt scheint doch diese 74. Ausgabe der Filmfestspiele sehr hochkarätig und überragend zu sein. Oder täuscht das?

Katja Nicodemus: Das stimmt absolut. Vor allem das amerikanische Kino zeigt sich hier in Hochform. Es hebt ab und schaut trotzdem genau hin, was in Amerika passiert. Man merkt, dass die amerikanischen Regisseure sich nicht abfinden wollen mit dem, was in ihrem Land vorgeht. Für mich war fast beispielhaft dafür der neue Film "Suburbicon" von George Clooney, zu dem die Coen-Brüder das Drehbuch geschrieben haben. Darin spielt Matt Damon einen Angestellten, der in den 50er-Jahren in eine amerikanische Retortensiedlung zieht. Dort lässt er bei einem fingierten Einbruch seine Frau ermorden, um die Versicherungssumme zu kassieren und um mit ihrer Zwillingsschwester zusammen zu leben. Diese beiden Schwestern spielt Julianne Moore großartig. Doch dieser Plan geht schief und alle Beteiligten bringen sich gegenseitig um. Es gibt insgesamt sieben Morde.

Parallel dazu schildert der Film auf fast beiläufige Weise den alltäglichen Rassismus in dieser Siedlung, am Beispiel einer schwarzen Nachbarsfamilie, die von den weißen Bewohnern schikaniert und sogar überfallen wird. Über den Umweg der 50er-Jahre erzählt man vom heutigen Amerika. George Clooney hat auf der Pressekonferenz in Venedig auch gesagt - er ist ja selbst in den Südstaaten aufgewachsen, - dass sein Film aus einer großen Wut, wie viele der Filme auf diesem Festival, entstanden sei. Da kann man froh sein, dass aus der Wut auch tolle Filme entstehen.

Wie sieht es mit dem Film "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" mit Frances McDormand aus, reiht der sich ein in diese Tendenz des amerikanischen Kinos?

Szene mit Frances McDormand vor roten Plakaten auf grüner Wiese aus dem Film "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" beim Filmfest Venedig © 2017 Twentieth Century Fox Film Corporation

Venedig: Das amerikanische Kino in Hochform

NDR Kultur -

Katja Nicodemus zieht eine Zwischenbilanz der Filmfestspiele in Venedig. Das amerikanische Kino steche in diesem Jahr besonders hervor, findet die Filmkritikerin.

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Nicodemus: Der neue Streifen von Martin McDonagh ist ein ganz toller Film. Frances McDormand spielt eine Frau, die darum kämpft, dass in einer amerikanischen Kleinstadt die Polizei endlich den Mörder und Vergewaltiger ihrer Tochter findet.

Wir haben den amerikanischen Film angesprochen - wie steht es um den europäischen Film: Kommt dieser in Venedig vor?

Nicodemus: Der kommt in Venedig schon vor. Es gab den Film "Die Villa" von Robert Guédiguian, eine ganz einfache, schöne Geschichte: Drei Geschwister finden sich in Südfrankreich wieder - der Vater hatte einen Schlaganfall. Es geht um ihre Familiengeschichte, darum, ob das Erbe aufgeteilt und das Haus verkauft wird. Ganz nebenbei, auch hier, zieht das Politische in den Film ein: Drei Flüchtlingsgeschwister werden im Wald gefunden, und diese drei älteren Geschwister kümmern sich um sie. Das ist völlig unpathetisch - es geht nur darum, diesen Kindern eine Jacke, ein Bett und etwas zu essen zu geben. Dann erzählt der Film seine Geschwistergeschichte weiter. Das war für mich der herausragende französische Film auf diesem Festival - das französische Kino ist ansonsten hier nicht so stark vertreten.

Jane Fonda und Robert Redford erhielten den Ehrenpreis des Festivals, den Ehrenlöwen für ihr Lebenswerk. Beide sind dafür bekannt, dass sie sich auch jenseits der Leinwand einsetzen für liberale Werte. Das passt richtig gut zu den Filmen des Festivals, oder wie sehen Sie das?

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Gerührt wischt sich Jane Fonda neben Robert Redford eine Träne aus dem Auge - in der Hand den Goldenen Ehrenlöwen.

Nicodemus: Ja, das passt. Das Schöne ist aber auch, dass sie nicht nur für ihre politischen Verdienste eingeladen wurden. Sondern es lief hier ein schöner Film, eine späte Liebesgeschichte, wo die beiden zwei Nachbarn spielen, die ihre jeweiligen Ehepartner verloren haben. Und nun tritt die von Fonda gespielte Frau auf ihren Nachbarn, gespielt von Redford, zu und sagt: "Könnten wir nicht mal zusammen schlafen? Nicht im Sinne von Sex, sondern um uns Rückhalt zu geben, um diese einsamen Nächte zu überdauern." Darüber wurde natürlich gesprochen, weil die beiden seit fast 50 Jahren zusammen Filme machen. Aber es ging natürlich auch um politische Fragen: Wie sehen sie das heutige Amerika - das schließt sich wieder an die Präsenz von George Clooney an. Da wollte Redford überhaupt nichts zu sagen, weil er Film und Politik auf dem Festival nicht vermischen wollte. Aber Fonda konnte sich das dann doch nicht verkneifen, zu der Klimakatastrophe und anderen Dingen Stellung zu nehmen. Das war schön, wie eine alte, gestandene Aktivistin auf jüngere, engagierte Filmemacher und Schauspieler trifft wie Matt Damon, der sich auch gegen die Klimakatastrophe engagiert, und George Clooney, der diesen politischen Film gemacht hat. Da ist dann so ein Festival etwas ganz Besonderes, wenn sich so etwas zusammenballt. Da hat sich das US-amerikanische Kino in diesen ersten Venedig-Tagen unglaublich toll mit hervorgetan.

Welcher Film ist Ihr bisheriger Favorit?

Nicodemus: Ich kann es nicht anders sagen: Es ist wieder ein amerikanischer Film, von Guillermo del Toro - immerhin von einem Mexikaner -, der ein Fantasy-Märchen gemacht hat. In "The Shape of Water" geht es um ein schuppiges, mit Kiemen atmendes Monster, das im amerikanischen Militärlabor gefangen gehalten wird. Das hat eine Liebesgeschichte mit einer Putzfrau, gespielt von Sally Hawkins, von der es dann auch befreit wird. Auch hier gibt es wieder eine schwarze Nebenfigur, die von dem Chef des Militärlabors unglaublich rassistisch behandelt wird. Trotzdem ist es ein sehr kämpferischer, auch zorniger Film, in dem sich die Leute das nicht gefallen lassen. Natürlich geht es mit dem Monster auch um die Ausgrenzung des Anderen - davon kann der Mexikaner Guillermo del Toro in Amerika ein Lied singen.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.09.2017 | 19:00 Uhr

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