Stand: 11.02.2019 18:42 Uhr

Filmfestspiele: Halbzeit in Berlin

Die Berlinale hat ihr erstes Wochenende hinter sich - und auch bereits einige Wettbewerbsbeiträge aus Deutschland. Unsere Filmkritikerin vor Ort, Katja Nicodemus, zieht eine Halbzeitbilanz und blickt auf die kommenden Filme.

Frau Nicodemus, für den meisten Gesprächsstoff des Wochenendes hat die Heinz Strunk-Verfilmung "Der goldene Handschuh" von Fatih Akin gesorgt. Die Hamburger Kiezgeschichte über den Massenmörder Fritz Honka hat die meiste Aufmerksamkeit und die vernichtendsten Kritiken geerntet. Haben Sie sich auch so über den Film geärgert?

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Katja Nicodemus: Mein Magen hat sich geärgert, weil dieser Film extreme Szenen enthält - und ich bin einiges gewöhnt als Filmkritikerin, auch Splatterfilme. Ich musste einmal rausgehen, weil es mich gewürgt hat. Aber das ist kein Kriterium. Dieser Stoff ist schon sehr interessant, weil er dieses brutal-verwahrloste Milieu zeigt, das Heinz Strunk in seinem Roman schildert. Das Buch hat ja eine erbarmungslose Präzision in seiner Schilderung dieses verkorksten Lebens zwischen Suff, Abbruchquartier und diesen Serienmorden an älteren Prostituierten. Der Film rekonstruiert Fritz Honkas Welt akribisch, das ist wirklich eine Leistung: dieses versiffte Chaos in seiner winzigen Dachwohnung, in der auch Leichenteile gehortet hat. Die Wohnung ist mit Puppen vollgestopft, mit Pin-Up-Bildchen beklebt; Honka lebt zwischen überquellenden Aschenbechern und halb ausgetrunkenen Flaschen irgendwie vor sich hin, im ständigen Alkoholrausch. Auch diese Kneipe, "Zum goldenen Handschuh", ist bis auf die abgeranzte Holztäfelung rekonstruiert, und man glaubt, den Bier- und Zigarettendunst zu riechen. Allerdings wirken die Menschen in diesen Räumen leider ebenfalls wie Ausstattungselemente, mit ihren geschminkten blauen Augen, fettigen Haaren und obszönen Sprüchen. Ich habe nicht wirklich verstanden, was Akin an diesem Milieu - jenseits der Rekonstruktion - interessiert hat.

Den Massenmörder Honka gibt Jonas Dassler. Wie macht er das?

Nicodemus: Am Anfang dachte ich, dass das zu viel ist, denn er spielt ihn sehr explizit, fast wie eine Figur aus einem extremistischen Film. Er hat diesen stieren Blick, den schlurfenden Gang, die gepresste Sprache - er spielt Honka wirklich eins zu eins. Auch diese entsetzlichen Morde an den älteren, einsamen Prostituierten werden eins zu eins nachgestellt. Und durch diesen Realismus, der etwas Splatterhaftes hat, wird auch die Gewalt eins zu eins ins Kino gekippt - auch dank der tollen Darstellung von Jonas Dassler. Letztlich tut der Film aber diesen traurigen Frauen das Abgeschlachtetwerden noch einmal an, weil eine Form fehlt, weil diese Gewalt eins zu eins in den Kinosaal gekippt wird. Es gibt keine ästhetische, cineastische Ebene, auch kein Narrativ, keine Geschichte jenseits des Nacherzählens.

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Es gab aber auch Schönes an diesem Wochenende auf der Berlinale: Diane Kruger war auf dem roten Teppich zu sehen; sie gibt in dem Spionage-Thriller "The Operative" eine Mossad-Agentin. Spielt sie sie überzeugend?

Nicodemus: Ich fand sie ganz begeisternd. Ich finde auch, dass Diane Kruger immer mehr Tiefe gewinnt als Schauspielerin. Sie spielt die Mossad-Agentin sehr glaubwürdig. Es geht um eine Frau, die in den Iran geschleust wird, dort eine Elektronikfirma ausspionieren soll und eine Affäre mit deren Chef beginnt. Sie weiß nicht wirklich, ob sie sich verliebt hat oder ob das zu ihrem Agentenjob gehört - und das ist das Interessante an diesem Film. Die Spannungskonstruktion ist ein bisschen hanebüchen, aber Kruger spielt ganz großartig diese Frau, die einerseits eine abgebrühte Agentin ist, die auch einmal einen Pförtner, der ihr auf die Schliche kommt, mit einer Giftinjektion tötet, und die auf der anderen Seite an ihrer Maskenhaftigkeit fast zerbricht. Eine Frau also, die die Kontrolle über ihre Identitäten verliert. Das war für mich ein Highlight.

Bringt sie sich damit ein bisschen als Bond-Nachfolgerin ins Spiel?

Nicodemus: Es hieß immer, dass der nächste Bond schwarz sein muss oder eine Frau - oder im Idealfall sogar beides. Ich habe diesmal zum ersten Mal bei einem Film wirklich darüber nachgedacht, dass der nächste Bond eine Frau sein könnte, weil Kruger diese Mischung aus Coolness, Sexiness, Glamour und Abgebrühtheit hat. Sie funktioniert auch global, und ich glaube, dass der weibliche Bond zumindest eine realistische Option ist.

Außer Konkurrenz lief im Wettbewerb der Film "Vice" über den amerikanischen Vizepräsidenten Dick Cheney, gespielt von Christian Bale, der viel Gewicht zulegen musste. Ging es trotzdem gut?

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Nicodemus: Das ist eine unglaubliche physische Veränderung, denn Dick Cheney ist so ein bulldozerhafter Typ. Man vergisst aber letztlich das Kunstwerk der Maskenbildner in diesem Fall ziemlich schnell, denn Bale spielt diesen abgebrühten Vizepräsidenten und Strategen, der sich von George W. Bush zum Schattenpräsidenten machen ließ, großartig. Man bekommt auch Einblick in die Psychologie des Ehepaares Cheney; Amy Adams spielt seine Ehefrau als eine wahre Lady Macbeth. Letztlich erzählt dieser Film von der Entstehung einer schrecklichen politischen Machtstrategie aus dem Geiste der amerikanischen Provinz - Cheney kommt ja aus Wyoming. Im Grunde geht es auch hier schon um Fake News, die zum politischen Instrument werden. Es ist also auch ein Film über die Wurzeln der heutigen amerikanischen Politik.

Der größere Teil der Berlinale liegt noch vor uns. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Nicodemus: Ich freue mich sehr auf den neuen Film von Angela Schanelec, einer Berliner Regisseurin, die seit ungefähr 20 Jahren großartige Filme macht, aber noch nie im Wettbewerb der Berlinale lief. "Ich war zuhause, aber", heißt der Film. Diese Frau macht mit absolut essenziellen Mitteln des Kinos Filme: mit Licht, mit Körpern, mit Originalton. Darauf freue ich mich.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Goldener Bär der Internationalen Filmfestspiele Berlin © dpa Foto: Christoph Soeder

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 11.02.2019 | 19:00 Uhr

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20.02.2019 20:05 Uhr
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