Stand: 17.04.2020 15:56 Uhr

Katja Eichinger über "Mode und andere Neurosen"

Kleidungsstücke sind Handschriften, sagen etwas aus über das, was wir sind oder sein wollen. Diesen besonderen Zusammenhang zwischen Kleidung und Gesellschaft erkennt die Journalistin und Publizistin Katja Eichinger. Darüber hat sie ein Buch mit dem Titel "Mode und andere Neurosen" geschrieben.

Frau Eichinger, die Chefredakteurin der "Vogue", Anna Wintour, bekannt für ihren perfekten Kleidungsstil, befindet sich gerade im Homeoffice und trägt Wollpulli und Jogginghose. Was tragen Sie gerade im Homeoffice?

Katja Eichinger © Eventpress HHH
"Meine große Hoffnung ist, dass der Anzug zurückkehrt", sagt Katja Eichinger.

Katja Eichinger: Ich trage gerade wahnsinnig viel Schwarz - was mich überrascht, weil ich mir das Schwarz eigentlich abgewöhnt hatte. Ich arbeite schon seit Langem von zu Hause aus und habe mir dort angewöhnt, keine Jogginghose zu tragen. Wenn ich morgens aufstehe, dusche ich mich, ziehe mich an und erinnere mich daran, dass ich ein Zoon politikon, ein soziales Wesen bin - und dass ich nicht in der Jogginghose versumpfe. Die Versuchung ist da, aber ich habe mir das abtrainiert.

Corona wird vieles verändern. Welche Auswirkungen wird Corona langfristig auf die Mode, auf unseren Kleidungsstil haben? Werden wir lässiger, werden wir bodenständiger?

Eichinger: Wir alle wissen nicht, was passieren wird, wenn wir aus unseren Höhlen hervorkommen werden. Was Corona schafft, ist, dass der soziale Aspekt der Mode verloren geht. Kleidung ist einerseits zutiefst persönlich, intim, liegt direkt auf der Haut. Und gleichzeitig aber auch ein soziales Ritual - also genau das Gegenteil: Es geht um Sich-selbst-Darstellen. Und dieser Aspekt der Mode geht gerade verloren. Vielleicht sind wir danach weniger interessiert an Marken und Status, was gerade im letzten Jahrzehnt extrem überhand genommen hatte. Vielleicht merken wir, dass es ganz entspannend ist, ohne diese Marken und ohne den Status herumzulaufen.

Ihr Buch wurde vor Corona geschrieben. Eine Beobachtung, die Sie gemacht haben, ist: Männer tragen heutzutage im Business-Bereich eher Fleece-Westen als elegante Anzüge. Was hat das zu bedeuten?

Buch-Info

Mode und andere Neurosen
von Katja Eichinger
Aufbau Verlag
Seiten: 208
ISBN: 978-3-351-05078-8
Preis: 20,00 Euro

Eichinger: Seit der industriellen Revolution war der Anzug der Inbegriff der Rationalität, der Zurückgenommenheit, des Mangels an Eitelkeiten. Das alles wurde dann der Frau zugeschrieben: Verzierung, Eitelkeit, Unvernunft. Im letzten Jahrzehnt, besonders durch Silicon Valley, haben sich Leute wie Steve Jobs oder Mark Zuckerberg der Codierung der Wall Street - dem Anzug - verweigert. Sie wollten damit zum Ausdruck bringen, dass sie anders denken und sich nicht von der Denkweise der Finanzwelt leiten lassen. Diese Fleece-Weste und das blaue T-Shirt sind jetzt die neue Uniform der Macht geworden. Man kann nun zu einem Geschäftstermin erscheinen und muss dort nicht den Anzug tragen. Mittlerweile ist es fast so, dass nur noch die Security Guards Anzüge tragen, und dadurch wird die Macht unsichtbarer. Man hat immer noch die Macht, versucht sich aber entspannt und subtil zu geben, was überhaupt nicht der Fall ist. Ich finde es wesentlich besser, wenn sich die Macht auch deutlich zeigt als dass sie sich versteckt. Meine große Hoffnung ist, dass der Anzug zurückkehrt.

"Mode und andere Neurosen" heißt Ihr Buch. Ist Mode also eine Art Neurose?

Eichinger: Die neurotischste Person, die es in der Weltliteratur gibt, ist natürlich Hamlet. Sein oder nicht sein - diese ewige Unentschiedenheit und vermeintliche Allwissenheit ist hochneurotisch. Und so ist auch die Mode: Die Essenz der Mode ist ihre Ambivalenz. Wenn man sich morgens kleidet, begibt man sich auf die symbolische Ebene. Ein Symbol ist immer einerseits offensichtlich und andererseits völlig missverständlich und mysteriös. In dem Sinne hat Mode sicherlich immer ein neurotisches Element. Gleichzeitig ist der Titel auch Ansage, dass das Buch Spaß machen soll. Es ist also auch humorvoll gemeint. Es ist ganz wichtig bei der Mode, dass es Spaß macht und Freude bereitet.

Sie schreiben: "Mode hat immer auch eine symbolische Komponente." Wofür steht das, was wir anziehen?

Eichinger: Das ist bei jeder Person völlig anders. Einerseits bringen wir unser Selbst zum Ausdruck, wie wir gerne wären, was unsere Gefühle, unsere Begehren, unsere Ängste sind. Ich liebe Freud und denke, dass sich das alles in der Kindheit formt. Es geht auch darum, was wir der Umwelt über uns sagen wollen. Gleichzeitig gibt es auch ein großes Bedürfnis, geliebt zu werden, dem sich kaum jemand entziehen kann.

Also hat Mode auch immer etwas mit Identität zu tun?

Eichinger: Auf jeden Fall. Identität, wer wir gerne wären, wer wir sind - und den Anteil, den wir versuchen an uns zu verbergen. Mode hat viel mit Zeigen und Verbergen zu tun.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 17.04.2020 | 19:00 Uhr