Stand: 06.12.2018 17:35 Uhr

Raubkunst: Hunderte Verdachtsfälle in MV

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Kathrin Möller ist Vorsitzende des Museumsverbandes MV.

Deutsche Museen sind in Aufruhr. Thema der Stunde ist die Frage, woher die eigenen Bestände eigentlich stammen, wie sie in die Sammlung kamen und ob da alles mit rechten Dingen zuging. Auch der Museumsverband Mecklenburg-Vorpommern hat in den vergangenen zwei Jahren konzertiert Provenienzforschung betrieben. Nun wurden im Schiffbau- & Schifffahrtsmuseum Rostock die Ergebnisse vorgestellt. Dessen Direktorin Kathrin Möller ist die Vorsitzende des Museumsverbandes MV.

Frau Dr. Möller, was ist das für ein Forschungsprojekt und was hat es zutage gefördert?

Kathrin Möller: Es ist zunächst ein 80-seitiger Bericht vorgestellt worden. Wir haben in zwei Jahren zwölf Museen genauer unter die Lupe genommen - es sind also nicht alle Museen des Landes, sondern nur eine Auswahl. Es beschäftigen sich auch noch nicht alle mit dem Thema Provenienzforschung. Wir haben jetzt allerlei Zahlen und Befunde, aber es ist nicht mehr und nicht weniger als ein Zwischenstand.

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In welchem Umfang?

Möller: Es gibt mehrere Hundert Verdachtsfälle. Wir haben herausfinden können, dass es in den Museen Objekte gibt, bei denen die Herkunft nicht klar ist. Die Belege sind so eigenwillig, dass man sagen kann, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Oder es stammt aus Sammlungen, die eigentlich nicht zur eigenen Sammlung gehören. Wir haben zum Beispiel bei uns mehrere Kapitänsbilder gefunden, die einen Stempel auf der Rückseite von einem Museum in Stettin haben. In unserer Karteikarte aber steht, dass die Herkunft das Armeemuseum Potsdam ist. Die große Frage ist: Warum Stettin - und wie kommt das nach Rostock? Wir haben mehrere Hundert solcher Fälle in Stralsund, in Demmin, in Wismar, wo diese unklaren Herkunftsverhältnisse ans Licht geführt wurden.

Das war ein Erst-Check in zwölf Häusern auf freiwilliger Basis - man hat sich also nur einen Überblick verschafft. Wie geht es jetzt weiter?

Möller: Alle Museen kriegen einen Abschlussbericht, in dem diese Fälle benannt werden. Sie haben jetzt die Aufgabe, weiterzuforschen, was der Hintergrund zu diesen einzelnen Stücken ist. Die Museen können wieder Hilfe einfordern: Sowohl in Schwerin als auch in Magdeburg kann finanzielle Hilfe beantragt werde, können Fachprovenienzforscher beauftragt werden, wenn das offensichtlich von der Quantität her lohnend ist.

Das waren stadtgeschichtliche, volkskundliche und technische Museen. Was ist mit den Kunstmuseen?

Möller: Guter Hinweis. Es hat in den letzten Jahren im Staatlichen Museum Schwerin bereits diverse Bemühungen gegeben, auch schon Zwischenberichte und Befunde. Dort ist schon sehr intensiv aus eigener Kraft geforscht worden. Das ist aber ein großes Haus, das es mit der Manpower auch leisten kann.

Wie erklären Sie sich, dass die Frage jetzt aufkommt? Denn der Beobachtungszeitraum, den Sie abgedeckt haben, 1933 bis 1945, ist ja weit über 70 Jahre her. Aber heute erst werden wir darauf mit der Nase gestoßen - warum?

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Möller: Natürlich gibt es da immer einen Anschubser: Die Washingtoner Konferenz aus den 90er-Jahren hat sehr deutlich gemacht, dass unrechtmäßig erworbenes Eigentum kontrolliert werden muss. Wir müssen darauf reagieren, und es hat auch schon Rückgaben gegeben. Nach 1989 sind viele Rückgabeforderungen gestellt worden, auch an Museen. Die sind beantwortet worden, und es ist teilweise unrechtmäßig erworbenes Eigentum zurückgegeben worden.

Diese rechtliche Notwendigkeit ist seit einigen Jahren abgearbeitet - es bleibt jetzt bei der moralischen Pflicht. Das Thema Provenienz hat mit der Gurlitt-Sammlung eine sehr breite Resonanz in der Öffentlichkeit gefunden - da sind viele erst aufgewacht. Und die Politik hat es dann auch etwas forciert, weil sie durch Bereitstellung von Mitteln den Weg geebnet hat, dass diese Sachrecherche von Fachleuten machbar und bezahlbar wurde.

Selbst das kann nur der Anfang sein. Denn jetzt sind auch immer mehr die Sammlungen aus kolonialem Kontext im Visier und auch die Bestände, die beispielsweise nach 1945 durch Enteignungen in öffentliche Hand gekommen sind. Wird das als Nächstes untersucht?

Möller: Wir haben ein zweites Projekt beantragt, das genau dieses Thema in den Fokus nimmt, die sogenannten Schlossbergungen. Das ist Eigentum von Geflüchteten, die nach 1945 den Osten verlassen haben. Wir würden das Thema gerne etwas breiter fassen - 1945 bis 1989. Es ist wichtig, in einem ersten Schritt die Strukturen deutlich zu machen: Gab es schon 1945 bis 1948 Aufzeichnungen darüber, dass Kulturgut in Schlössern noch präsent war? Sich einen Überblick zu verschaffen, wie das damals abgelaufen ist, ist die Grundlage für den nächsten Schritt: zu schauen, in welchen Museen das gelandet sein könnte. Aber viele der Sachen, die damals verlorengegangen sind, sind in privater Hand gelandet. Da werden wir lange suchen und sehr wahrscheinlich nicht immer fündig werden.

Das Interview führte Jürgen Deppe

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Der Museumsverband MV hat in den letzten zwei Jahren konzertiert Provenienzforschung betrieben. Die Vorsitzende des Museumsverbandes Kathrin Möller stellt die Ergebnisse vor.

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NDR Kultur | Journal | 06.12.2018 | 19:00 Uhr

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