Stand: 20.02.2018 17:47 Uhr

Warum es nicht egal ist, wie wir schreiben

Ende Februar hat in Hannover die Bildungsmesse didacta stattgefunden. Dort ging es unter anderem um das richtige Schreiben. Jemand, der das große Regelwerk der Orthografie in- und auswendig kennt, ist die Hüterin der Rechtschreibung, Kathrin Kunkel-Razum, Leiterin der Duden-Redaktion.

Frau Kunkel-Razum, haben Sie Ihre Spezialwörter, die besonders tückisch sind? Bei denen Sie immer und immer wieder in Ihrem Duden nachschlagen müssen?

Bild vergrößern
Kathrin Kunkel-Razum moderierte auf der didacta die Veranstaltung zum Thema: "Warum es nicht egal ist, wie wir schreiben".

Kathrin Kunkel-Razum: Bei mir sind es eher nicht einzelne Wörter, die ich immer wieder nachschlagen muss, sondern es sind bestimmte Fallgruppen. Getrennt- und Zusammenschreibung ist auch für Duden-Redakteurinnen ein wirklich schwieriges Gebiet, und da schaue ich schon öfter nach.

Was macht die Rechtschreibung denn so schwer? Worin besteht eine rechtschreibliche Schwierigkeit?

Kunkel-Razum: Das ist sehr unterschiedlich. Für den einen oder anderen ist es die Schreibung einzelner Wörter, also zu wissen, dass Rhythmus zweimal mit "h" geschrieben wird. Auf unserer Website sehen wir, dass sehr häufig gefragt wird, wie "bei Weitem" geschrieben wird - da geht es um die Groß- oder Kleinschreibung. Aber wir wissen auch aus verschiedenen Untersuchungen, dass gerade heute der ganze Komplex Zeichensetzung, genauer: die Kommasetzung, ein schwieriges Feld für viele ist. Die Sache ist also tatsächlich komplex und hat verschiedene Facetten.

Das Leitmotto der von Ihnen moderierten Expertenrund auf der didacta lautet: "Warum es nicht egal ist, wie wir schreiben". Daraus lese ich, dass da eine Art Lässigkeit eingetreten ist. Geben wir uns keine Mühe mehr?

Kunkel-Razum: Ja, das scheint auf den ersten Blick tatsächlich so zu sein. Ich glaube aber, dass das Ganze vielfältiger ist. Zum einen spielt Rechtschreibunterricht und auch Grammatikunterricht - den wir übrigens brauchen, damit wir Kommas richtig setzen können - nicht mehr die große Rolle in der Schule, die er früher gespielt hat. Die Schule muss andere Aufgaben übernehmen, und bestimmte Dinge rutschen da hinten runter, und dazu gehören diese beiden Unterrichtsausprägungen. Dazu gehört auch, dass Rechtschreibung relativ viel geübt werden muss.

Aber Ihre Frage zielt wohl eher darauf, dass wir uns zum Beispiel in den sozialen Medien viel lockerer, auch rechtschreiblich lockerer bewegen. Die Frage ist dann: Können wir noch umschalten, wenn wir Texte schreiben müssen, wo es tatsächlich auf Rechtschreibung ankommt?

Die einen legen auch bei einer SMS oder bei einer Mail großen Wert auf Genauigkeit, andere sind eher lässig bis schnoddrig. Ist das eine Typfrage? Wie geht es Ihnen damit: Drücken Sie die Augen zu bei einer schnell getippten SMS?

Weitere Informationen

Bildungsmesse didacta setzt auf Digitalisierung

Am Dienstag hat die Bildungsmesse didacta auf dem Messegelände Hannover begonnen. Im Mittelpunkt der Experten und Aussteller steht die Frage: Wie digital kann und muss Bildung sein? mehr

Kunkel-Razum: Ganz persönlich kann ich da nicht die Augen zudrücken. Ich lege selber großen Wert darauf, dass auch meine WhatsApp-Nachrichten oder SMS in korrekter Rechtschreibung rausgehen. Aber natürlich weiß ich, dass in den sozialen Netzwerken zum Teil tatsächlich andere Regeln gelten, dass hier bewusst die Rechtschreibregeln nicht eingehalten werden, um zum Beispiel Nähe zu assoziieren oder um den Charakter des Mündlichen in schriftliche Texte reinzuholen. Aber ich gebe zu bedenken, dass man zum einen die Regeln kennen sollte, bevor man sie brechen kann, und dann bewusst bricht. Und zum anderen, dass man darauf achtet, wem man schreibt: Bei Journalisten etwa oder bei Leuten, die man gerne interviewen möchte, empfiehlt es sich, genauso wie im normalen Briefverkehr, sehr wohl, orthografisch korrekt zu schreiben.

Widerstand gegen das richtige Schreiben hat es immer gegeben: Bertolt Brecht wollte die Kleinschreibung einführen. Bei der letzten Neuauflage des Duden sind rund 5.000 neue Wörter hinzugekommen. Macht sich auch da die digitale Lässigkeit bemerkbar? Nehmen Sie neue Wortschöpfungen in Ihrem Duden auf?

Kunkel-Razum: Ja. Von den 5.000 Wörtern sind eine große Reihe Neuschöpfungen. Wir erleben da ein kreatives Potenzial. Mir persönlich gefällt zum Beispiel das Wort "tindern" so gut. Hier wird der Markenname Tinder sehr kreativ ins deutsche Wortbildungssystem eingepasst und ein nach deutschen Wortbildungsregeln funktionierendes Verb daraus gebildet. Diesem Prozess kann ich sehr viel abgewinnen, da zeigt sich die Lebendigkeit unserer Sprache.

Wie übersetzen Sie das?

Kunkel-Razum: Mit Tinder nach einem Partner oder einer Partnerin im Internet suchen.

Es gibt Untersuchungen, die die These unterstützen, dass das Gesprochene sich immer mehr als Standardsprache durchgesetzt hat - der Linguist Gerhard Augst sagt das. Was halten Sie davon?

Kunkel-Razum: Ich glaube auch, dass sich zumindest Einflüsse des Gesprochenen immer stärker bemerkbar machen. Das wird auch gestützt durch eine weitere Studie, die in Nordrhein-Westfalen angefertigt worden ist, wo die Schreibleistungen von Schülern über viele Jahre hinweg beobachtet wurden. Das Ergebnis war auf der einen Seite, dass zwar die Rechtschreibleistungen nachgelassen haben, aber auf der anderen Seite, dass die Texte, die heutzutage geschrieben werden, viel lebendiger sind als die Texte, die vor 20 oder 30 Jahren geschrieben worden sind. Und auch da lässt sich nachweisen, dass Elemente des Mündlichen heute viel stärker ins Schriftliche eindringen und dort verwendet werden. Nichtsdestotrotz sind schriftlich und mündlich nach wie vor verschiedene Dinge, und es kommt auch in diesem Zusammenhang darauf an, darauf zu gucken, was man für einen Text anfertigt. In einem Geschäftsbrief oder in einer wissenschaftlichen Arbeit haben diese Elemente eher wenig bis nichts zu suchen.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 20.02.2018 | 19:00 Uhr

Übersicht

NDR Kultur

Journal

NDR Kultur

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr

Mehr Kultur

05:52
Kulturjournal
01:31
NDR 90,3

Hamburg nach dem Feuersturm: St. Michaelis

24.07.2018 10:00 Uhr
NDR 90,3
01:28
NDR 90,3

Hamburg nach dem Feuersturm: Hafen

24.07.2018 10:00 Uhr
NDR 90,3