Stand: 07.11.2017 17:44 Uhr

"Archäologie einer untergegangenen Welt"

Der Sturm auf das Petersburger Winterpalais jährt sich zum 100. Mal. Es war der Beginn der Oktoberrevolution, mit der das "sowjetische Jahrhundert" begann. So auch der Titel der umfangreichen Studie des Historikers Karl Schlögel.

Herr Professor Schlögel, was vor 100 Jahren geschah, war nach der Februarrevolution ein dreiviertel Jahr vorher, ein zweiter Schritt. Wie folgerichtig war es, wie unausweichlich, dass es im Oktober/November noch einmal zu einer Revolution kommen würde?

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Karl Schlögel ist einer der bekanntesten Osteuropaexperten.

Karl Schlögel: Unausweichlich - das kann man im Nachhinein sagen. Wir wissen ja, wie es ausgegangen ist. Aber das Schwierigste für uns heute ist, sich vorzustellen, dass die Situation ganz offen war. Wir sehen im Rückblick alles in einer gewissen Logik, und die Schwierigkeit ist, die Situation gedanklich noch einmal zu öffnen. Es war nicht klar, wie es ausgehen würde. Es gibt gewisse Radikalisierungen in diesem Prozess. Aber dass es folgerichtig und unausweichlich gewesen ist, das würde ich nicht sagen. Man kann diese Geschichte einfach nur rekonstruieren und nacherzählen.

Wer ist da gegen was aufgestanden? Es personifiziert sich immer sehr stark in der Figur Lenin - aber er war es nicht alleine.

Schlögel: Zunächst glaube ich, man ist nicht gegen etwas aufgestanden, sondern man hat einen Prozess, der im Gange war, angefeuert und weiterbetrieben. Das ist zunächst keine Revolution, sondern die Desorganisation des Reiches. Das war im vollen Gange durch den Krieg, die Flucht von den Fronten, das Zurückfluten der Soldaten und Bauern aufs Land, die dabei sein wollten, wenn das Land aufgeteilt wird. Das Genie Lenins könnte man so beschreiben, dass er den Augenblick begriffen hat und dass er das, was im Gange war, benutzt und angefeuert hat. Wir reden heute so viel von "failed states", von gescheiterten Staaten - das russische Reich war am Ende des Krieges in einer solchen Situation.

Lenin propagierte den Marxismus, praktizierte aber so etwas wie seine eigene Sache, den Leninismus. Was ist am Ende dabei herausgekommen?

Buchtipp

Das sowjetische Jahrhundert - Archäologie einer untergegangenen Welt
von Karl Schlögel
C. H. Beck Verlag
Seiten: 912
ISBN: 978-3406715112
Preis: 38,00 Euro

Schlögel: Leninismus ist so eine Wortschöpfung im Nachhinein. Ich glaube, dass er, wie fast alle Angehörigen der Intelligenzija und der revolutionären Opposition im späten Zarenreich, zum Teil ganz gewöhnliche Vorstellungen hatte, was das werden müsste: ein Russland, das auf der Höhe der Zeit ist; das diese Autokratie absprengt und ins 20. Jahrhundert hineingeht. Es gibt aber doch etwas Besonderes: Ich glaube, dass er ganz entscheidend gewesen ist, er hat gegen den Strom, gegen den innersten Kreis der bolschewistischen Partei an der Kunst des Aufstandes, am geplanten Aufstand festgehalten. Diese Härte und Unnachgiebigkeit zeichnete ihn aus im Gegensatz zu vielen anderen, die diese Entschiedenheit nicht hatten. Der Spruch "Wir stürzen uns ins Getümmel - man wird dann weitersehen" hat ihn geprägt, das war seine Haltung.

Entstanden ist dann das, was Sie titelprägend das "sowjetische Jahrhundert" nennen. Das Jahrhundert ist vor einem guten Vierteljahrhundert zu Ende gegangen - warum sprechen Sie trotzdem von einem "Jahrhundert"? Was ist in den vergangenen 25 Jahren davon noch geblieben?

Karl Schlögel © picture-alliance / Ulrich Baumgarten Fotograf: Ulrich Baumgarten

"Archäologie einer untergegangenen Welt"

NDR Kultur -

Die Oktoberrevolution jährt sich zum 100. Mal. Der Historiker Karl Schlögel hat eine umfangreichen Studie zu diesem Thema geschrieben: "Das sowjetische Jahrhundert".

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Schlögel: Wenn sich ein politisches sich aufgelöst hat, ist die Lebensform damit nicht erledigt. Es geht weiter, man hat die Erziehung, die Routinen, den Alltag im Kopf. Dass man sich heute - nach einer Zeit von Turbulenzen und Verunsicherungen - danach sehnt, dass es eine stabile Ordnung gegeben hat, ist verständlich. Aber diese Ordnung war nicht so stabil, wie sich viele Menschen im Nachhinein einbilden.

Wie erklären Sie sich, dass heute das gestürzte Zarenreich, also die vorsowjetische Ära, viel sinnstiftender ist, als die Zeit der Sowjetunion?

Schlögel: Der positive Hauptbezugspunkt in dem ganzen Erinnerungskomplex liegt im Großen Vaterländischen Krieg. Das Zarenreich - das ist heute der Versuch, eine andere historische Erzählung zu produzieren. Ich glaube, dass die offizielle Geschichtspolitik versucht, so etwas wie einen Versöhnungsnarrativ zu entwickeln: das Reich, das sowohl von den Roten wie von den Weißen verteidigt wurde gegen den äußeren und den inneren Feind. Die Revolution, die Unruhe, der Aufbruch in etwas Neues nach dem Ende des Zarenreiches wird mehr oder weniger tabuisiert und verschwiegen.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 07.11.2017 | 19:00 Uhr

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