Stand: 19.02.2019 14:03 Uhr

Karl Lagerfeld: Legendärer Modezar mit Spleen

von Oliver Klebb, NDR.de

Mehr als 50 Jahre lang beherrschte er die Welt der Mode: Karl Lagerfeld. Er entwarf Kleider für die größten Modehäuser wie Balmain, Patou, Chloé, Fendi - und vor allem Chanel. Daneben verfolgte der gebürtige Hamburger und Wahlfranzose zahlreiche weitere Projekte, zeichnete Karikaturen, fotografierte, designte Inneneinrichtungen und gab sogar die Zeitung "Karl Daily" heraus. Lagerfeld war nicht nur ein Star-Designer, er war der letzte Pariser Modezar. Am 19. Februar 2019 starb er im Alter von 85 Jahren in einem Pariser Vorort.

Von Hamburg in die Pariser Modewelt

Rätselraten um sein Alter

Um sein tatsächliches Alter hatte Lagerfeld, der Anfang der 1980er-Jahre die kreative Leitung des Pariser Modekonzerns Chanel übernahm, ein Geheimnis gemacht. Er selbst behauptete zuletzt, im Jahr 1935 geboren zu sein. Damit alterte er quasi über Nacht um drei Jahre, hatte er doch zuvor standhaft verkündet, Jahrgang 1938 zu sein. Die Erklärung für die "buchhalterischen Unstimmigkeiten" in seiner Biografie war natürlich so genial einfach wie Lagerfelds Entwürfe: Mutti sei schuld gewesen. Sie habe einfach auf offiziellen Dokumenten ein wenig Zahlenkorrektur betrieben, so Lagerfeld.

Schon anlässlich früherer vermeintlich runder Geburtstage war in der Presse zu lesen, dass der Modekönig bereits im Jahr 1933 das Licht der Welt erblickt haben soll - diese "investigativen" Berichte stützten sich auf einen Taufregisterauszug. Einigkeit herrschte über den Tag seiner Geburt: der 10. September. Lagerfeld gehörte zu den Erfolgreichsten seiner Zunft. Der ergraute Zopf war neben der Sonnenbrille und in früheren Zeiten der Fächer das Markenzeichen des Modemachers - ebenso wie das nasale Hamburgisch des hanseatischen Kaufmannssohnes.

Stilikone mit vielen Geheimnissen

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Zopf und dunkle Brille waren die Markenzeichen von Karl Lagerfeld. Er liebte die Anzüge seines Designer-Kollegen Hedi Slimane von Dior.

Nicht nur seine Haute-Couture-Kreationen für die Laufstege weltweiter Modenschauen waren stilprägend, auch Lagerfeld selbst war ein Trendsetter: Damit ihm die Anzüge seines Designer-Kollegen Hedi Slimane passten, nahm er in den Jahren 2000 und 2001 in nur 13 Monaten fast 40 Kilo ab - für seine fast jungenhaft wirkende Figur standen täglich gedünsteter Fisch und Magermilch-Joghurt auf dem Speiseplan. Nicht jeder Fernsehmoderator konnte dem eloquenten Designer auf Anhieb folgen, wenn er bei Interviews mit dem Sprachduktus eines Schnellfeuergewehrs überraschende Antworten gab. Das Schnellsprechen habe ihm seine Mutter Elisabeth beigebracht, die ihn gebeten habe, seine langweiligen Geschichten möglichst rasch zu erzählen, antwortete der Modedesigner auf Nachfragen. Um sein Privatleben rankten sich Gerüchte: Lagerfeld offenbarte der Öffentlichkeit, mit Jacques de Bascher, der 1989 an Aids verstarb, eine platonische Beziehung geführt zu haben. Ob es später eine Person an seiner Seite gab, blieb sein Geheimnis.

Sohn eines betuchten Hamburger Kaufmanns

Karl Lagerfeld kam in den 30er-Jahren als Sohn eines reichen Hamburger Dosenmilch-Fabrikanten zur Welt. Um den Flächenbombardements der Hansestadt zu entgehen, zog die Familie 1944 gegen Ende des Zweiten Weltkriegs auf das Landgut Bissenmoor bei Bad Bramstedt. Dort besuchte der sprachbegabte Lagerfeld eine öffentliche Schule, bis er Anfang der 50er-Jahre nach Hamburg zurückkehrte. Im Jahr 1953 ging er zusammen mit seiner Mutter nach Paris. Dort beendete er seine Schulausbildung an der Privatschule Lycée Montaigne.

Talentwettbewerb öffnet Lagerfeld Tür zur Modewelt

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Erste Auszeichnung im Jahr 1954: Mit dem Entwurf eines Wollmantels gewinnt Lagerfeld einen internationalen Modewettbewerb.

Im Jahr 1954 nahm er mit einem selbst entworfenen Wollmantel an einem internationalen Designwettbewerb teil. Mit dem ersten Platz öffnete sich Lagerfeld die Tür zur Pariser Modewelt. Der renommierte Pierre Balmain stellte den jungen Designer als Assistenten ein und nahm Lagerfelds Entwurf in seine Kollektion auf. Es folgten Stationen bei berühmten Modehäusern wie Jean Patou, Valentino, Krizia oder Fendi, teilweise arbeitete er als Freiberufler. Bevor er 1983 die Leitung des traditionsreichen Modehauses Chanel übernahm, das zu diesem Zeitpunkt eher den Schick älterer Damen verkörperte, sorgte er mit Kollektionen für Chloé und Deco weltweit für Aufsehen. Ab 1984 verkaufte der Designer auch Parfüms und Mode unter seinem eigenen Namen. Doch nicht nur für den großen Geldbeutel entwarf Lagerfeld Mode: Auch bei einer schwedischen Kaufhauskette und bei einem deutschen Versandhaus heuerte er an.

Entdecker von Claudia Schiffer und Baptiste Giabiconi

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Der Meister und seine männliche Muse: Karl Lagerfeld zeigt sich mit Baptiste Giabiconi bei einem Besuch in Berlin.

Lagerfeld galt als Arbeitstier. Mit preußischer Disziplin nutzte er auch die Nacht für seine Entwürfe und stillte mit unzähligen Büchern seinen Wissensdurst. Sich selbst charakterisierte der Modepapst als Egoisten: "Ich interessiere mich nur für mich selbst und mein Spiegelbild", gab Lagerfeld in einem Interview zu. Und auch eine gewisse Schnelllebigkeit war bei dem Designer zu beobachten: Was er heute entworfen und kreiert hatte, langweilte ihn am nächsten Tag zu Tode. So war für Lagerfeld der Papierkorb das wichtigste Möbelstück. Zu spüren bekamen das auch seine Mitarbeiter und Models: Hielt er ihre Arbeit oder ihre Gesichter für überholt, suchte er ohne Rücksicht nach etwas Neuem. Diese Erfahrung musste auch Supermodel Claudia Schiffer machen, die Lagerfeld 1990 als Gesicht für Chanel entdeckte. Mit seiner blonden Muse aus Deutschland beendete er abrupt die Zusammenarbeit, bis er sie 2007 für seine Arbeit wiederentdeckte. Es folgten zahlreiche weitere Musen wie die Sängerinnen Lily Allen und Beth Ditto oder Kaia Gerber, die Tochter von Cindy Crawford. Als männliche Muse galt lange Zeit Model Baptiste Giabiconi, mit dem er sich häufig in der Öffentlichkeit zeigte.

Kreatives Multitalent - Designer, Fotograf und Verleger

Glosse

"Kochen? Ich kann eine Dose Cola aufmachen"

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Karl Lagerfelds Schaffen beschränkte sich nicht nur auf das Design von Kleidung und Parfüms. Als begnadeter Porträtfotograf - ein Fototermin im Haus des Gruselrockers Marilyn Manson ängstigte ihn ein wenig - sowie als Kostümbildner für Theater und Oper sorgte er ebenfalls für Furore. Ein origineller Coup gelang ihm mit einem Steiff-Teddy, der seinen maßgeschneiderten Anzug in Miniatur-Konfektion und eine schwarze Sonnenbrille trägt. Neben der Mode waren Bücher Lagerfelds große Leidenschaft: Unter dem Namen 7L unterhielt Lagerfeld einen Buchladen und einen Verlag in Paris. Zusammen mit dem deutschen Verleger Gerhard Steidl gründete er zudem 2010 die Lagerfeld Steidl Druckerei (LSD), dessen Verlagschef der Modezar war. Ende 2017 sorgte Lagerfeld in Hamburg für Aufsehen, als er seine jüngste Chanel-Kollektion in der eigens angemieteten Elbphilharmonie vor geladenen Gästen präsentierte.

Anfang 2019 Sorge um Gesundheitszustand

Spekulationen um den Gesundheitszustand Lagerfelds gab es Anfang 2019. Ende Januar fehlte er auf dem Laufsteg zum Finale einer Chanel-Show - erstmals überhaupt in seiner Zeit als Chanel-Kreativdirektor. Die offizielle Begründung: Lagerfeld habe sich müde gefühlt. Am 19. Februar schließlich bestätigte Chanel Meldungen französischer Medien, dass der Modedesigner im Amerikanischen Krankenhaus in dem westlichen Pariser Vorort Neuilly gestorben ist.

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NDR Kultur

Feature über Karl Lagerfeld

19.02.2019 20:00 Uhr
NDR Kultur

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 19.02.2019 | 13:00 Uhr

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