Stand: 02.04.2021 07:10 Uhr

Karfreitag: Im Wunder steckt die Wunde

von Florian Breitmeier
Florian Breitmeier © NDR Foto: Christian Spielmann
Florian Breitmeier ist Leiter der Redaktion Religion und Gesellschaft

Der Karfreitag ist ein sperrig-stiller Feiertag. Ein Tag, so sperrig wie ein Stein vor einem Felsengrab. Und wie ein vorübergehend festgefahrenes Containerschiff im Suez-Kanal, so steht der Karfreitag verstörend quer zur wachsenden Vorfreude auf das Osterfest. Gerade und vor allem in Zeiten wie diesen. Sprühende Osterfunken entfachen im düsteren Angesicht der Pandemie? Das fällt schwer. Corona, lateinisch "die Gekrönte", setzt vielen Menschen fast schon spöttisch eine schmerzende Krone auf und scheint zu krächzen: "Das Leiden ist noch nicht vorbei!"

Es ist das zweite Mal während der Pandemie, dass Christinnen und Christen in aller Welt der Kreuzigung eines Menschen gedenken, dessen Folterer ihm spöttisch eine Dornenkrone aufsetzten. Der qualvolle Tod verstörte, enttäuschte, verunsicherte. Da war das schmerzhafte Gefühl der totalen Verlassenheit. Eine menschliche Tragödie.

Ein Gefühl von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein

Viele Menschen fühlen sich heute auch verlassen, sie sind wütend oder einfach nur erschöpft, verärgert über Zickzack-Kurse der Politik, frustriert wegen verschobener Operationstermine, tief verunsichert durch wirtschaftliche Not und finanzielle Sorgen. Anstatt des großen Masterplans herrscht an diesem Karfreitag vielerorts ein Gefühl von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein. Hoffnung - auf was?

Corona hat viele Wunden geschlagen: tiefe Wunden in die Herzen derer, die liebe Menschen durch das gnadenlose Virus verloren haben. Angehörige, die vielleicht allein in Heimen und auf Intensivstationen starben. Wunden durch den Verlust des Arbeitsplatzes, Wunden durch so viele geplatzte Träume.

Der Karfreitag steht für Dasein, Hinschauen, Mitleiden

Karfreitag, das bedeutet zunächst das bewusste und schonungslose Anschauen einer extremen Situation. Der Karfreitag steht für das Wahrnehmen von Gewalt, die wir unverschuldet in unserem Leben erleiden mussten. Aber auch für das Wahrnehmen von Gewalt, die wir Mitmenschen zufügen - direkt und indirekt: zum Beispiel durch einen Impfstoff-Egoismus, der zu Lasten der Schwächsten in Afrika, Asien oder Lateinamerika geht. Die DNA des Karfreitags verlangt danach, alles Menschenmögliche für das Leben sowie für die Begleitung von schwer Erkrankten und Sterbenden zu tun. Das ist die Erbinformation der Humanität.  Dasein, hinschauen, mitleiden, dafür steht auch der Karfreitag.

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Auch die Kirchen stehen symbolisch vor einem Karfreitag. Sie spüren, dass ihre Macht und Deutungshoheit massiv schwindet. Viele Menschen verlassen die Kirchen, wenden sich wegen Missbrauchsskandalen angewidert ab, treten aus. Die Gestalt der Kirche ändert sich. Die Gesellschaft ändert sich. Derzeit herrscht Krise.

Karsamstag: Der schroffste Lockdown des Lebens

Aber ohne die klaffende Karfreitagswunde kann es kein Osterwunder geben. Im Wunder steckt die Wunde. Es gibt kein softes Hinübergleiten von der bitteren Erfahrung des Karfreitags in die freudig-strahlende Osternacht. Dazwischen liegt der Karsamstag: der schroffste Lockdown des Lebens. Grabesruhe. Jesus ist tot. Aber für Christinnen und Christen kommt da noch was.

Die gute Hoffnung darauf, dass eine schwere Krise nicht endlos dauert, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, dass es irgendwie weitergeht, wenn auch verändert - diese Hoffnung sollten wir uns nicht nehmen lassen. Ganz gleich, ob wir an ein Osterwunder glauben oder nicht.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 02.04.2021 | 13:40 Uhr