Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, gibt im Innenhof seiner Residenz ein Statement vor der Presse. © picture alliance/dpa Foto: Peter Kneffel

Kardinal Marx bietet Rücktritt an: Neuanfang für die katholische Kirche?

Stand: 04.06.2021 17:26 Uhr

Am Freitagnachmittag hat Kardinal Reinhard Marx, Bischof von München und Freising und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, öffentlich seinen Rücktritt angeboten. Ein Gespräch mit Florian Breitmeier aus der Redaktion Religion und Gesellschaft.

Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, gibt im Innenhof seiner Residenz ein Statement vor der Presse. © picture alliance/dpa Foto: Peter Kneffel
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Herr Breitmeier, was hat Kardinal Marx dazu gesagt, warum bietet er dem Papst seinen Rückzug an?

Florian Breitmeier: Es ist deutlich geworden, dass er noch einmal in sich gegangen ist. Er sprach von einem monatelangem Prozess, zu prüfen, wie er mit den Fällen sexualisierter Gewalt umgegangen ist. Nach dieser kritischen Selbstreflexion ist er zu der Überzeugung gelangt, dass es manchmal nötig ist, Worten auch Taten folgen zu lassen und auch in der Ich-Person über Verantwortungsübernahme zu sprechen. Er sah hier einen ganz entscheidenden Punkt, durch einen Rücktritt einen Neuanfang in der katholischen Kirche zu ermöglichen - so seine Begründung.

Ist das stichhaltig? Ist das, was er sich selber vorwirft, tatsächlich so gravierend, dass es diesen Schritt rechtfertigt?

Breitmeier: Das ist jetzt noch schwierig zu sagen. Es wird im Sommer ein Gutachten geben, das auch im Erzbistum München und Freising die Verantwortung der Erzbischöfe in den vergangenen Jahrzehnten beleuchtet hat. Es ist durchaus denkbar, dass Kardinal Marx da auch kritisch auf seine eigene Person schaut. Ich glaube, dass er auf der einen Seite kein Getriebener sein möchte, wie die Debatte um Kardinal Woelki in Köln zeigt. Auf der anderen Seite ist es möglich, dass er durchaus Verfehlungen aus seiner Zeit in Trier für sich selbst erkannt hat. Es ist aber auch wichtig, dass Kardinal Marx einen "toten Punkt" erreicht sieht, in dem die katholische Kirche, auch als Reaktion auf den Missbrauchsskandal, konkrete Reformen angehen muss, und es nicht reicht, "nur Akten zu wälzen, unabhängige Gutachten in Auftrag zu geben und sich wortreich zu entschuldigen".

Man kann seinen Brief an den Papst durchaus auch als eine Kritik an den Vatikan sehen und an Bischöfe in Deutschland, die sich diesem Reformprozess sehr kritisch gegenüberstellen.

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Gibt es schon Reaktionen auf diesen Vorstoß von Kardinal Marx?

Breitmeier: Die lassen sich unter der Überschrift "Respekt und Bedauern" zusammenfassen. Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode ist sehr traurig darüber, dass mit Kardinal Marx eine gewichtige Stimme in diesen Reformprozess nun dem Papst seinen Rücktritt angeboten hat. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, hat gesagt, mit Reinhard Marx gehe der Falsche. Auch Kardinal Woelki aus Köln hat für diesen Schritt Respekt bekundet.

Es wird auch eine spannende Frage sein, wie jetzt andere Bischöfe, Weihbischöfe, Kardinäle auf diesen Schritt reagieren, so denn das Rücktrittsgesuch angenommen wird. Denn das kann den Druck auf manche Amtsträger erhöhen. Ich glaube, es ist auch kein Zufall, dass unmittelbar vor dem Besuch der apostolischen Visitatoren, die im Erzbistum Köln prüfen, was da los ist, auf einmal dieses Ansinnen von Kardinal Marx öffentlich geworden ist. Das weist er von sich, er wollte das nicht als eine direkte Spitze gegen irgendjemanden konkret sehen. Aber es löst schon etwas aus. Der Druck auf Kardinal Rainer Maria Woelki etwa wird durch diese Entscheidung nicht kleiner.

Formal hat Marx den Papst nur darum gebeten, entbunden zu werden - da kann der Papst fast gar nicht nein sagen, oder? Und wenn er es tut - wie geht es dann weiter?

Breitmeier: Der Papst kann natürlich frei entscheiden, er hat alle Vollmachten, wie ein Monarch. Aber ich gehe schon davon aus, dass er dieses Rücktrittsgesuch annehmen wird, auch weil Reinhard Marx in diesem Brief sehr deutlich darum bittet. Er hat für sich erkannt, dass die katholische Kirche ohne diesen Schritt, ohne neue Köpfe, ohne einen Aufbruch, aus ihrer Glaubwürdigkeitskrise nur schwer herauskommen kann.

Erwarten Sie Reaktionen von der Kirche selbst, beispielsweise von Kardinal Woelki in Köln?

Breitmeier: Das wird die Zukunft zeigen. Der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, hat seinen Rücktritt beim Papst eingereicht, genauso der Hamburger Erzbischof Stefan Heße und der Kölner Weihbischof Dominikus Schwaderlapp. Es gibt seit Wochen und Monaten Rücktrittsforderungen an den Kölner Erzbischof. Das sind Erschütterungen, die in der katholischen Kirche in Deutschland sicherlich noch für viel Bewegung sorgen werden. Ich rechne in der Zukunft durchaus noch mit weiteren Rücktritten von Bischöfen in Deutschland.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.06.2021 | 18:00 Uhr