Stand: 12.08.2020 17:48 Uhr  - NDR Kultur

Kampnagel: Internationales Sommerfestival beginnt

Am Mittwoch hat auf dem Gelände der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel das Internationale Sommerfestival begonnen. Während die meisten anderen Festivals - hierzulande, aber auch international - wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden müssen, findet das Kampnagel-Festival statt, kuratiert unter anderem von Lena Kollender.

Frau Kollender, kaum etwas findet statt - außer dem Internationalen Sommerfestival. Was machen Sie besser als andere?

Lena Kollender © picture alliance/Christian Charisius/dpa
"Es ist unser Ziel, dass wir nicht eine Normalität fingieren, die nicht da ist", sagt Mitkuratorin Lena Kollender.

Lena Kollender: Wir haben zunächst bessere Grundvoraussetzungen als andere. Wir haben ein riesiges Gelände, die große Kampnagel-Fabrik mit Hallen, die weit auseinander liegen, wo man Publikum leichter führen kann, ohne dass sich die Leute ballen müssen. Wir arbeiten mit Gruppen, die auf Tour sind, und das bedeutet, dass die in Kurzzeit-Quarantäne gehen und auf Corona getestet werden können, und sie deshalb auf der Bühne die Abstandsregeln nicht einhalten müssen. Das kann man mit Leuten, die auch ihr Privatleben in der Stadt haben, nicht so einfach machen.

Das Festival geht bis Ende des Monats. Die Angst vor der zweiten Welle ist gerade sehr groß, die Infektionszahlen steigen wieder dramatisch. Ist das nicht ein bisschen riskant?

Kollender: Es ist unser Ziel, dass wir nicht eine Normalität fingieren, die nicht da ist. Darüber haben wir uns in einer großen Arbeitsgruppe und im engen Kontakt mit allen zuständigen Behörden sehr lange Gedanken gemacht. Die Situation in Hamburg ist einigermaßen überschaubar - anders als an anderen Orten. Wir haben uns das Ziel gesteckt, ein Festival zu machen, was das nicht ignoriert und trotzdem stattfinden kann. Wir haben uns auf unterschiedlichsten Ebenen Konzepte überlegt, wie das gehen kann. Gleichzeitig behaupten wir nicht, dass das alles easy ist und wir nicht nachjustieren müssen.

Das Sommerfestival ist seit jeher ein Festival, das zeitgenössischen Positionen eine Bühne bietet. Was heißt das für die Ausgabe 2020? Wie pandemisch, wie coronesk wird das diesjährige Sommerfestival?

Kollender: Absolut. Es sind nicht nur die Rahmenbedingungen: Wie man sich auf dem Gelände bewegt oder dass wir auch Online-Veranstaltungen haben, weil nicht alle Leute ins Theater kommen möchten oder können. Abgesehen davon ist das Festival in kürzester Zeit neu entstanden. Wir hatten unser Programm im März eigentlich fertig und mussten es komplett umwerfen. Die Künstlerinnen und Künstler haben ein bisschen die Eigenschaft, sich immer mit der Gegenwart zu beschäftigen, und fast alle neuen Arbeiten, die wir zeigen, beschäftigen sich inhaltlich mit dieser Krise. Die Arbeit des Künstlers Yan Duyvendak aus der Schweiz zum Beispiel heißt "Virus", und da kann man sein hobbyvirologisches Wissen, was man sich in der letzten Zeit angeeignet hat, ausprobieren und Entscheidungsträger in einer pandemischen Situation spielen.

Wie international kann so ein Festival in diesen Tagen überhaupt sein?

Kollender: Es ist natürlich nicht so international wie sonst. Wir haben sonst viele Positionen aus dem außereuropäischen Raum in unserem Programm, und davon mussten wir vieles streichen. Wir hatten eine große Uraufführung mit einer Gruppe aus Australien geplant, und da hat sich irgendwann herausgestellt, dass das nicht realistisch ist. Insofern haben wir viele Künstlerinnen und Künstler aus europäischen Ländern, haben aber auch internationalen Bezug.

Das Ganze findet auf Sparflamme statt. Was befürchten Sie, was macht das mit diesem Festival?

Kollender: Da bin ich auch total gespannt. Neben der Tatsache, dass wir uns sehr um die Sicherheit von allen bemüht haben, haben wir uns gleichzeitig Gedanken gemacht, wie man das trotzdem herstellen kann. Es gibt zum Beispiel den großen Sommergarten hinten am Kanal, wo sich alle Leute mit Abstand bewegen und sitzen können - trotzdem sind diese 300 Leute irgendwie präsent. Wir versuchen das so umzusetzen, dass man nicht das Gefühl hat, man sei alleine auf dem Gelände und die Anwesenheit der andern Menschen spürt, ohne ihnen nahekommen zu müssen.

Wir haben auch Veranstaltungen, die online stattfinden, und ich finde da gelingt es sehr gut, ein Gemeinschaftsgefühl herzustellen, was fast eine größere Intimität mit sich bringt, als wenn man nebeneinander im Theater sitzt.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Illustration: Internationales Sommerfestaival auf Kampnagel © picture alliance/Christian Charisius/dpa

AUDIO: Kampnagel: Internationales Sommerfestival beginnt (7 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 11.08.2020 | 19:00 Uhr