Stand: 09.01.2020 16:40 Uhr

Raubkunst: "Aufarbeitung muss Chefsache werden"

Im Rahmen einer Ringvorlesung über "Kolonialismus, Raubkunst und die Zukunft der Museen" hat die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy an der Universität Hamburg von ihren Forschungen berichtet. Sie hat herausgefunden, dass Frankreich und Deutschland die Problematik "Koloniales Raubgut" schon in den 70er-Jahren auf der Agenda hatten. Savoy hat einen Bericht aus Frankreich aus dem Jahr 1980/81 gefunden, in dem die Rückgabe von Gütern aus Afrika gefordert wurde. In deutschen Archiven hat sie ähnliche Belege gefunden. Aber die deutschen Museen haben sich offensichtlich systematisch verweigert, dies zu tun. Ein Gespräch mit Jürgen Zimmerer, dem Initiator der Vorlesungsreihe.

Herr Zimmerer, warum sind diese Zeugnisse so lange in der Versenkung gelandet?

Jürgen Zimmerer © UHH/Dingler Foto: UHH/Dingler
Jürgen Zimmerer ist Leiter der Forschungsstelle "Hamburgs postkoloniales Erbe".

Jürgen Zimmerer: Das war die große Überraschung, diese Beweise zu haben, dass in Frankreich, in Deutschland und wohl auch in anderen Ländern vor 30, 40 Jahren ein Stand erreicht wurde, den wir jetzt wieder erreichen, und dass das von Politik von Öffentlichkeit, von Museen beerdigt wurde. Wir wissen im Detail noch nicht genau, woran es gescheitert ist oder wer es beerdigt hat. Aber dass das einfach ignoriert wurde, nicht weiter verfolgt wurde, das ist schon eine große Überraschung und wirft die Frage auf, wie wir verhindern, dass das erneut passiert. Denn Tendenzen, dieses Thema nicht zu offensiv aufzufassen, etwas zu beerdigen, etwas abzulenken, haben wir auch heute wieder.

Die Museen agieren - wenn überhaupt - nur unter größerem Druck. Warum ist das so? Warum ist man sich dieser Verantwortung nicht bewusst oder stellt sich ihr nicht?

Weitere Informationen
Die Kunstwissenschaftlerin Bénédicte Savoy © picture alliance/dpa Foto: Soeren Stache

Rückgabe von Raubkunst: Eine Zwischenbilanz

Viele Museen weigern sich bis heute koloniales Raubgut an die Ursprungsländer zurückzugeben. Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy berichtete an der Hamburger Uni von ihren Forschungen. mehr

Zimmerer: Ich denke, die Museen sehen sich in einer gewissen Tradition als Hüter der ihnen anvertrauten Kunstschätze. Dazu gehören im kolonialen Kontext sehr viele geraubte Kunstschätze, und das wollen die Museen nicht wahrhaben. Sie lenken von dem Umstand ab, dass es Raubgut ist und dass man sich dazu positionieren muss. Es wird darüber dikutiert, man solle statt über Restitution lieber über Zirkulation reden, über Transparenz oder Kooperation, indem man Vertreter der Gesellschaften "auf Augenhöhe" einlädt. Das Interessante ist, dass Savoy auch Belege gefunden hat, dass man in den 80er-Jahren genauso argumentiert hat, dass es Handreichungen gab, wie man die damals formulierten Forderungen aus Afrika und auch aus Teilen der deutschen Gesellschaft und der Wissenschaft entschärft, indem man gewisse Sprachregelungen findet: dass man auf gar keinen Fall eine Rückgabepflicht anerkennen soll, dass man bezweifeln soll, dass die Objekte unter rechtlich illegalen Bedingungen von den Europäern an sich genommen wurden. Diese Sprachregelungen gab es genauso in den letzten zwei, drei Jahren, und da wird wieder die Grundlage gelegt, dass man es auch hier wieder beerdigen kann.

Und was müsste jetzt passieren? Was muss zum Beispiel die Politik machen?

Zimmerer: Das allerwichtigste ist, dass die Museen ihre Inventare offenlegen müssen. Wir brauchen Transparenz. Im Moment haben wir immer noch eine Situation, dass man zwar in die Museen reinkommt, aber dass das Einzelfallentscheidungen sind, wer was sehen darf. Das ist ein Appell, den Savoy, Sarr, ich und auch andere schon Ende letzten Jahres veröffentlicht haben.

Da müsste dann aber Druck kommen - von selbst machen sie es ja offensichtlich nicht.

Zimmerer: Im Grunde muss der Druck von der Politik kommen. Man hatte in den 80er-Jahren die Diskussion, und es führte nicht weiter - man hat jetzt die Diskussion, und man kommt nicht weiter. Die große Koalition hat sich in den Koalitionsvertrag geschrieben, dass die Aufarbeitung des kolonialen Erbes Regierungsziel ist, und es braucht jetzt eine Aktion der Bundeskanzlerin; das muss Chefsache werden. Man muss sagen: "Wir bekennen uns zur Aufarbeitung des Kolonialismus, der ein strukturelles, rassistisches Unrechtsregime war, und wir betrachten alle Erwerbungen im Lichte dieses historischen Sachverhaltes." Man müsste auch vom Bundespräsidenten endlich mal etwas hören. Wir haben keine Äußerung der Staatsspitzen zum Genozid an den Herero und Nama, wir haben nichts zu dieser Raubgut-Debatte - und das muss jetzt eingefordert werden.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass da jetzt tatsächlich etwas in Bewegung kommt?

Zimmerer: Es ist schwierig. Wir haben zum einen die Zivilgesellschaft, die Wissenschaft, die Medien, die dieses Thema endlich aufgreifen und dadurch Druck entfalten. Wir haben aber auf der anderen Seite rechtspopulistische Parteien in der Politik, die dieses Thema auch zunehmend besetzen und hier einen Rollback versuchen. Jeder, der nicht eindeutig für eine Anerkennung dieser historischen Verhältnisse ist, spielt wiederum den Verzögerern in die Hand.

An der Lüneburger Leuphana Universität ist die bundesweit erste Professur eingerichtet worden, die sich mit dem Thema beschäftigt. Haben Sie die Hoffnung, dass das irgendetwas bewirken kann?

Zimmerer: Das bewirkt auf jeden Fall etwas, weil Provinienzforschung damit systematischer gemacht wird. Aber wenn ich die Professur richtig verstehe, muss sie die Provinienzforschung im Kolonialismus, im Nationalsozialismus, unter Umständen auch unter den Bedingungen der DDR und in der gesamten historischen Breite berücksichtigen. Das ist ein Riesenthema. Wir brauchen zielgerichtet Provinienzforschungsprofessuren für koloniale Provinienz, wir brauchen Forschungszentren dafür, Lehrstühle für Kolonialgeschichte, wir brauchen ein zentrales Forschungszentrum, Denkmäler. Das geht also sehr viel weiter. Das werden zwei oder drei Universitätsstellen nicht nebenbei machen können, weil sie hauptsählich diesen Riesenkomplex der NS-Forschung machen.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 09.01.2020 | 19:00 Uhr

Übersicht

Drucker bei der Arbeit © dpa

Journal

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr