Eröffnungsfeier der Schweriner Synagoge im Dezember 2008 © picture alliance / dpa / Jens Büttner Foto: Jens Büttner

Jüdische Gemeinschaft in Mecklenburg wächst

Stand: 23.02.2021 15:30 Uhr

1990 gehörten der Jüdischen Landesgemeinde in Mecklenburg nur noch acht Mitglieder an. Heute sind es deutlich mehr.

von Axel Seitz

Im Büro von Janina Kirchner klingelt das Telefon. Viele Fragen versucht die Sozialarbeiterin der Jüdischen Gemeinde zu beantworten. Sie gibt Ratschläge und organisiert. Seit mehr als 26 Jahren lebt die im ukrainischen Czernowitz geborene Jüdin mittlerweile in Schwerin: "Erst mit 28 Jahren wusste ich, dass ich Jüdin bin. Aber in der Sowjetunion konnte ich mein Jüdischsein nicht ausleben. Hier konnte ich alles offen machen und bis jetzt ich freue mich, dass wir, ich und mein Mann, diese Entscheidung getroffen haben, weil wir hier offen leben." 

Valeriy Bunimov verließ 1994 seine Heimat im ukrainischen Charkow. Mit seiner Frau und zwei Söhnen im Alter von sieben und 17 Jahren zog die Familie nach Schwerin: "Warum hat sich meine Familie entschieden nach Deutschland zu kommen? Ich habe gewusst, dass meine Kinder dort eine gute Ausbildung haben können. Ich war 46 Jahre alt und meine Frau ungefähr auch. Ich habe verstanden, dass das mit meinen Berufen, ich bin Ingenieur und Elektromechaniker, sehr schwierig wird. Besonders mit der deutschen Sprache. Es war eine schwierige Situation, aber für die Kinder war es die klare und richtige Entscheidung."

Synagoge im Herzen Schwerins - Ort mit langer Geschichte

Das Jahr in dem die Familien Bunimov und Kirchner in Schwerin ein neues Leben in Deutschland anfingen ist auch die Geburtsstunde der neuen Jüdischen Gemeinde Schwerin. Im April 1994 hatten sich einige jüdische Emigranten entschlossen, eine Gemeinde zu gründen. Seit dem haben sich immer mehr jüdische Frauen und Männern der neuen Gemeinde angeschlossen, so dass die vorhandenen Räume kaum noch genügend Platz boten. Janina Kirchner erinnert daran, dass es einige Jahre dauerte, bis sich alle Beteiligten darauf einigten, die Synagoge genau dort zu errichten, wo auch beide Vorgängerbauten standen.

Schwerins erste Synagoge wurde 1773 errichtet, sie war zu jenem Zeitpunkt die erste im Herzogtum Mecklenburg-Schwerin, 1819 bauten die Juden an gleicher Stelle eine zweite, größere. Und die nunmehr dritte Synagoge konnte im Dezember 2008 eingeweiht werden, zweifelllos einer der Höhepunkt nicht nur für die Gemeinde, sondern auch für die Schweriner Stadtgesellschaft. 

Planung und Umsetzung: Schritt für Schritt

Valeriy Bunimov ist seit vielen Jahren der Vorsitzende des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in MV und in der Schweriner Gemeinde leitet der mittlerweile 71-Jährige seit langem die Verwaltung: "Mein Prinzip war: Schritt für Schritt. 1996 habe ich den Staatsvertrag unterzeichnet. Danach 2000 haben wir den jüdischen Friedhof geweiht. Danach haben wir unserer Gebäude Nummer drei und Nummer fünf saniert. Danach haben wir 2008 die Synagoge gebaut. Wir können nicht alles schaffen. Wir können Schritt für Schritt entwickeln."

Von antisemitischen Verbrechen wie zuletzt in Halle, in Hamburg oder in andere Städten Deutschlands ist die Schweriner Jüdische Gemeinde bislang verschont geblieben. Doch wie schaut sie aus, die Zukunft, wie wird jüdisches Leben künftig in Schwerin, in Mecklenburg-Vorpommern  wahrgenommen? Da gibt es keine einfachen Antworten. Und auf die Frage, wo denn seine Heimat sei, sagt der Jude Valeriy Bunimov: "Das ist eine besonders gute Frage. Die Heimat ist, wo meine Kinder glücklich sind."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 23.02.2021 | 14:20 Uhr