Szene aus dem israelischen spielfilm "Honeymood" von Talya Lavie, der Premiere bei den ersten Jüdischen Filmtagen Hamburg feiert © West End Films

Jüdische Filmtage in Hamburg mit Filmen aus vier Ländern

Stand: 06.08.2021 12:05 Uhr

Vom 8. bis 12. August laufen die ersten Jüdischen Filmtage in Hamburg im Abaton-Kino. Bereits seit 1995 wird der jüdische Film mit einem Festival in Städten wie München, Frankfurt am Main und Wien gefeiert.

Szene aus dem Film "Endlich Tacheles", der bei ersten Jüdischen Filmtagen Hamburg läuft © Real Fiction Filmverleih
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von Heide Soltau

Veranstaltet von der jüdischen Gemeinde in Zusammenarbeit mit dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden und dem Abaton-Kino starten am Sonntag die Jüdischen Filmtage Hamburg. Bis zum 12. August stehen Filme aus den USA, Russland, Israel und Deutschland auf dem Programm.

Jüdische Filmtage Hamburg: bescheiden und anspruchsvoll

Es ist ein bescheidener Anfang, kein opulentes Festival wie in Berlin. Dafür hing die Messlatte bei der Auswahl für die Jüdischen Filmtage Hamburg relativ hoch, betont Andreas Brämer, kommissarischer Leiter des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden: "Je mehr Filme man zeigt, desto mehr Kompromisse muss man schließen. Und ich bin sehr froh, dass wir diese Auswahl, die wir im Konsens getroffen haben, auf die Beine stellen können."

Andreas Brämer kennt sich aus mit der Materie. Er betreut seit 2012 den jüdischen Filmclub des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden. Sein persönlicher Favorit für die jetzt beginnenden Filmtage in Hamburg ist der russische Spielfilm "The Humorist" von Mikhail Idov.

"The Humorist": Film über Situation von Juden in der UdSSR

Das Abaton Programmkino in Hamburg © NDR Foto: Juliane Bergmann
Austragungsort der rsten Jüdischen Filmtage Hamburg ist das Abaton-Kino im Grindelviertel.

Im Mittelpunkt steht ein berühmter Komiker, der 1984 durch die UdSSR reist und das Publikum zum Lachen bringt, während er selbst immer stärker an sich zweifelt und vom sowjetischen Geheimdienst KGB überwacht wird. "Der Film thematisiert im Grunde die ambivalente gesellschaftliche Situation von Juden in der Sowjetunion. Auf der einen Seite hatten Juden die Möglichkeit, gesellschaftlichen Erfolg zu haben und auch beruflich weit aufzusteigen. Auf der anderen Seite ist es eine Person, die auch im Alltag immer mit Antisemitismus, der tief in dem politischen System verankert ist, konfrontiert ist."

Interessant sei der russischsprachige Film besonders für Juden mit einem Migrationshintergrund aus der ehemaligen Sowjetunion, so Brämer. Vielleicht fänden sie darin ein Stück ihrer eigenen Vergangenheit wieder.

Filme auch für das junge Publikum

An ein jüngeres Publikum richtet sich der deutsche Spielfilm "Ein nasser Hund" von Damir Lukačević. Felix Grassmann von Abaton-Kino freut sich, dass es gelungen ist, ihn in einer Preview zeigen zu können. Inspiriert von der Autobiografie Arye Sharuz Shalicas, einem Sohn iranischer Juden, der mit seiner Familie nach Berlin-Wedding zieht, erzählt der Film, wie der 16-Jährige aus Angst, zum Außenseiter zu werden, seinen jüdischen Hintergrund verheimlicht. Er schließt sich sogar einer Jugendgang an, die von einem Muslim geführt wird.

"Es gibt dieses schöne Zitat von Arye Sharuz Shalicar: "Für die Deutschen war ich ein Kanake, für die Moslems ein Jude, für die Juden ein krimineller Jugendlicher aus dem Wedding." Das beschreibt sehr schön diese Stellung, zwischen allen Stühlen zu sitzen. Deswegen, finde ich, ist das ein sehr aktueller und sehr brisanter und auch sehr gelungener Film.", findet Grassmann.

"Endlich Tacheles" sorgt für Diskussionen

Brisant ist auch die Dokumentation "Endlich Tacheles" von Jana Matthes und Andrea Schramm. Der Film hat schon auf dem DokFest in München und Kassel für kontroverse Diskussionen gesorgt. Es geht um die Shoah und ihre Auswirkungen auf die dritte Generation, also die Enkel der Holocaust-Überlebenden. Zwei junge Männer, ein Jude und ein Nicht-Jude, wollen zusammen ein Computerspiel entwickeln, das sich mit der Thematik beschäftigt. Angeregt von der eigenen Familiengeschichte stehen im Zentrum ein jüdisches Mädchen und ein SS-Offizier.

Szene aus dem Film "Endlich Tacheles", der bei ersten Jüdischen Filmtagen Hamburg läuft © Real Fiction Filmverleih
In der Dokumentation "Endlich Tacheles" geht es um die Shoah und ihre Auswirkungen auf die dritte Generation.

"Es ist in seiner Darstellung sehr kontrovers. Teilweise provokativ. Ich finde aber, dass es wichtig ist, so eine Dokumentation zu zeigen, einfach um darüber zu reden.", so Elisabeth Fiedler von der jüdischen Gemeinde Hamburg, die an der Filmauswahl beteiligt war. "Das Problematische an dem Film war für mich, dass in dem Spiel vorgesehen war, dass der SS-Offizier sein Verhalten ändern kann, also Gutes tun kann. Und dann ist die Frage: Relativiert man damit auch Geschichte? Aber genau darüber kann und soll man diskutieren."

Raum für Gespräche, Diskussionen und Einführungen im Abaton-Kino

Zu Gesprächen und Diskussionen mit Gästen laden die Jüdischen Filmtage jeweils im Anschluss an die Vorstellungen im Abaton-Kino ein. Zu einigen Filmen finden auch Einführungen statt, so wie für die beiden Komödien "Honeymood" von Talya Lawie aus Israel und "An American Pickle" aus den USA. "Bei den Komödien, die wir ausgewählt haben kommt ein feiner, subtiler Humor zum Tragen, der immer leicht ins Absurde kippt. Ich weiß nicht, ob man das als jüdischen Humor bezeichnen kann, aber man findet ihn öfter in Filmen von jüdischen Regisseuren wie Billy Wilder und Ernst Lubitsch", so Grassmann.

Aber wie in allen Komödien steckt auch in diesen Filmen ein ernster Kern. Die ersten jüdischen Filmtage in Hamburg finden im Rahmen des Festjahres 2021 - 1.700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland - statt. Die Veranstalter wünschen sich im kommenden Jahr eine Fortsetzung - ein wenig größer vielleicht und wenn möglich, ohne Maske.

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Das Abaton Kino in Hamburg.  Foto: Ina Kast

Kulturpartner: Abaton Kino Hamburg

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 06.08.2021 | 14:40 Uhr