Stand: 14.07.2020 17:30 Uhr  - NDR Kultur

Ronen Steinke: "Antisemitismus ist kein Normalzustand"

Judentum in Deutschland heißt bis heute immer auch: ein gefährdetes, unsicheres, ein bedrohtes Leben. Der Jurist und Journalist Ronen Steinke hat sich vielfach mit der Thematik beschäftigt, so auch in seinem jüngst erschienenen Buch: "Terror gegen Juden".

Herr Steinke, Ihr Buch trägt den Titel: "Terror gegen Juden. Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt. Eine Anklage". Sie klagen an, nüchtern, genau recherchiert, sachlich. Warum aber so dezidiert "Terror"?

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"Terror gegen Juden. Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt" ist im Piper Verlag erschienen und kostet 18,00 Euro.

Ronen Steinke: Das Wort "Terrorismus" wird in Deutschland sehr schnell verwendet, wenn es um Gewalt geht, die sich gegen Mächtige im Staat richtet. Es wird sehr zurückhaltend verwendet, wenn es darum geht, Gewalt zu markieren, die sich gegen Marginalisierte richtet: Pogrome in Rostock-Lichtenhagen, Brandanschläge auf jüdische Synagogen - das ist etwas, was eher als Hasskriminalität oder Einzelfälle abgetan wird. Diese selektive Verwendung des Wortes "Terror" kann man nicht juristisch verstehen, sondern nur ideologisch. Das ist etwas, mit dem ich brechen möchte.

Sie untersuchen jüdisches Leben in Deutschland: in Schulen, in Synagogen, im öffentlichen Raum. Sie sagen, die Gewalt komme von allen Seiten - nicht nur von rechts oder von links. Was kennzeichnet antisemitische Gewalt?

Steinke: Antisemitische Gewalt geht mit edlen Begründungen einher. Der Antisemit - im Gegensatz zum plumpen Rassisten - begreift sich als jemand, der nicht nach unten tritt, sondern nach oben, gegen eine Gruppe, der er Macht zuschreibt. Das ist etwas, was dem Antisemiten ein besonders gutes Gewissen gibt, ein heroisches Gefühl. Das ist Kern der rechtsextremen Ideologie, dass die Übel der Gesellschaft, der Welt und der Politik bei Randgruppen abgeladen werden - aber es ist leider etwas, was auch für Linke immer wieder attraktiv ist: diese Vorstellung, dass es eine kleine Gruppe der Mächtigen da oben gibt. Denen kann man ein Gesicht geben. Das ist etwas, was die antisemitische Gewalt besonders gefährlich macht.

Ihrem Buch fügen Sie ein sehr gründliches Karten- und Zahlenmaterial bei: eine rund 100-seitige "Chronik antisemitischer Gewalttaten" - von 1945 bis Januar 2020. Ein Beispiel: Der Anschlag auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober 2019. Sie schreiben: "Antisemiten haben in den vergangenen Jahren immer weiter Hemmungen abgelegt, die Schlagzahl hat sich erhöht. (…) Der Staat hat auch zugelassen, dass es so weit kommt. Durch eine Polizei, die diese Gefahr vielerorts nicht abwehrt, sondern seit Jahrzehnten verwaltet. Durch eine Justiz, die immer wieder beschönigt." Haben Sie dafür eine Erklärung?

Steinke: Man hat sich in Deutschland in den letzten Jahrzehnten ein bisschen mit diesem Zustand eingerichtet. In der Politik und in weiten Teilen der Gesellschaft gibt es die Einstellung: Das ist halt so; jüdisches Leben muss geschützt werden. Da braucht es Polizei, da gibt es immer Attacken. Das werden wir nicht ändern und damit müssen wir uns einrichten.

Teilnehmer der Kundgebung "Steh auf! Nie wieder Judenhass!" des Zentralrats der Juden in Deutschland stehen am 14.09.2014 vor dem Brandenburger Tor in Berlin. © picture alliance/dpa Foto: Maja Hitij

Ronen Steinke: "Antisemitismus ist kein Normalzustand"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

In seinem Buch: "Terror gegen Juden. Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt" untersucht Journalist Ronen Steinke jüdisches Leben in Deutschland. Auf NDR Kultur spricht er darüber.

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Ich bin selber in der jüdischen Gemeinde aufgewachsen und wenn ich mich heute mit meinen jüdischen Freundinnen und Freunden unterhalte, gibt es auch im kleinen jüdischen Mikrokosmos ein bisschen diese Einstellung: Das ist eben unser Leben, das ist unser Normalzustand, den kennen wir nicht anders, so war das schon immer. Aber ich bin eigentlich der Meinung, dass wir uns damit nicht abfinden können; das ist kein Normalzustand, daran ist gar nichts normal! Man darf sich auch nicht einreden, dass diese Zustände so weitergehen können. Ich möchte nur darüber reden, wie man sie abstellen kann und wie man dem Rechtsstaat nachweisen kann, dass er hier seine eigenen Prinzipien aus den Augen verliert, indem er einen Zustand, der absolut inakzeptabel ist für eine Demokratie, nur verwaltet.

Haben Sie dafür eine Erklärung? Gibt es eine Analyse, die Sie aus Ihren Beobachtungen gemacht haben?

Steinke: Es ist etwas, was sich nicht nur auf antisemitische Attacken beschränkt, sondern es geht genauso um Hassattacken gegen Musliminnen und Muslime oder gegen Schwarze. Es gibt in den Sicherheitsbehörden, und überhaupt im Staat, ein zu gering ausgeprägtes Verständnis dafür, wer den Rechtsstaat eigentlich am dringendsten braucht. Die Starken, die Mehrheitsgesellschaft, die können sich ganz gut selber helfen - am dringendsten brauchen die Schwachen in der Gesellschaft einen Staat, der auf ihrer Seite steht: die Polizei, die Staatsanwaltschaft, die Sicherheitsbehörden. Vielfach gibt es aber in diesen Institutionen die Einstellung, dass man zuvorderst dafür sorgt, dass die Mehrheitsgesellschaft ein ruhiges Leben hat, und dass, wenn marginalisierte Gruppen auf ihre Nöte hinweisen, oft suggeriert wird, dass das Sonderwünsche seien, und um die kümmert man sich am Ende, wenn man Zeit hat. Das ist eine grundlegende Mentalität, die ich an vielen Stellen beobachte und die ich als Ursache für die Missstände kritisiere.

Sie listen viele Beispiele auf: In ganz Deutschland werden Menschen auf offener Straße bespuckt, beschimpft und bedroht. Sie stellen auch die Frage, die sich viele Juden in Deutschland stellen: Auswandern? Sie sagen: Könnte Euch so passen.

Steinke: Diese Frage muss jeder für sich selber beantworten. Aber ich glaube, es ist nicht gut, den Tätern den Triumph zu gönnen, dass sie einen vertrieben haben. Wenn man in ein anderes Land gehen möchte, gibt es viele schöne Gründe - aber die Begründung, dass man es in Deutschland nicht mehr ausgehalten habe, die möchte ich den Attentätern nicht gönnen. Und ich möchte auch den Staat nicht aus der Verantwortung entlasten. Dass man hier als in Deutschland geborener und aufgewachsener Mensch vertrieben werden kann, das kann man nicht akzeptieren. Und das kann man dem Staat nicht durchgehen lassen, dass solche Lebensgeschichten hier existieren.

Sie beenden Ihr Buch mit vier klaren Forderungen: Hassverbrechen stärker bestrafen, Antisemitismus benennen, Rechte aus der Polizei entfernen und jüdische Einrichtungen schützen. Das klingt so selbstverständlich, so einfach - warum tut man sich damit aber in Deutschland so schwer?

Steinke: Ich stelle da keine steilen Forderungen auf. Das ist ein absolutes Minimalprogramm, um sich überhaupt jüdisches Leben in Zukunft vorstellen zu können. Warum das nicht gelingt, hängt sicherlich damit zusammen, dass die jüdischen Gemeinden auch selber nicht deutlich genug darauf hinweisen, wie stark diese Missstände sind. Man möchte - das erlebe ich oft - nicht immer als Opfer in der Öffentlichkeit dastehen und möchte auch nicht Nachahmer auf den Plan rufen. Aber ich glaube, mit dieser Bescheidenheit sind wir nicht gut gefahren. Mein Ansatz ist, damit aufzuhören.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.07.2020 | 19:00 Uhr

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