Buchcover: Martín Steinhagen - "Rechter Terror" © Rowohlt Verlag

Der Mord an Walter Lübcke und die Strategie der Gewalt

Stand: 01.06.2021 18:27 Uhr

Der Journalist Martín Steinhagen recherchiert seit vielen Jahren in der rechtsextremen Szene. Nun hat er das Buch "Rechter Terror" über den "Mord an Walter Lübcke und die Strategie der Gewalt" geschrieben.

Buchcover: Martín Steinhagen - "Rechter Terror" © Rowohlt Verlag
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Herr Steinhagen, gängig ist die These, dass Lübckes Mörder Stephan Ernst zwar rechtsextremer Gesinnung ist, aber ein Einzeltäter war. Inwiefern ist Ihrer Meinung nach der Mord an Walter Lübcke ein "Terrorakt" und Teil einer "Strategie der Gewalt"?

Martín Steinhagen: Man muss ganz klar vom rechten Terror sprechen. Das Ziel der Tat war ja, Angst zu verbreiten und eine Botschaft zu senden. Sie hat sich ganz konkret gegen Walter Lübcke gerichtet, aber damit sollte auch eine Botschaft an alle anderen ausgesendet werden, die sich zum Beispiel im Zuge der Diskussion für die Aufnahme von Geflüchteten stark gemacht hatten oder an die, die immer wieder aus der extremen Rechten bedroht werden.

Inwiefern hat sich der Attentäter des Echoraums im Netz bedient?

Steinhagen: Es gab ein fast schon bizarres Wechselspiel. Viele werden das kurze Video kennen, das von Walter Lübcke bei einer Bürgerversammlung gemacht wurde, wo ein Zitat von ihm aus dem Kontext gerissen und auf YouTube gestellt wurde. Gedreht hat dieses Video Markus H., ein damaliger Freund von Stephan Ernst, dem späteren Mörder. So gelangte das überhaupt in die Welt, und von dort aus hat sich eine enorme Welle des Hasses gebildet, weil dieses Video als Beleg herangenommen wurde, dass Walter Lübcke ein "Volksverräter" sei. So hat sich diese enorme Hasswelle aufgebaut. Dieses Video kam aus dem Umfeld das Täters selbst. Im Netz haben dann tausende Trolle mitgeschimpft und Walter Lübcke bedroht. Das ist wieder zurückgekommen zu denen, die das ausgesendet haben.

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Der spätere Täter Stephan Ernst, der dieses Video ins Netz gestellt hat, war aber eine ganze Weile unter dem Radar, er ist nicht beobachtet worden. Wie konnte das passieren?

Steinhagen: Das ist eine entscheidende Frage, und damit beschäftigt sich jetzt auch ein Untersuchungsausschuss im hessischen Landtag. Das hessische Landesamt für Verfassungsschutz hielt ihn für abgekühlt, also für einen Rechtsextremisten, der nicht mehr aktiv war. Man kannte ihn beim Inlandsgeheimdienst, weil er seit den 90ern immer wieder auffällig war und auch in den 2000ern immer wieder Straftaten begangen hat. Ab einem bestimmten Alter hat er sich bei den klassischen Szene-Veranstaltungen aber nicht mehr so oft blicken lassen und hat auch keine bekannten Straftaten begangen. Dabei hat man völlig übersehen, dass er sich zu dieser neuen Mischszene rundum Pegida und AfD umorientiert hat, die damals entstanden ist.

Können Sie diese Mischszene ein bisschen beschreiben?

Steinhagen: Wir beobachten schon seit langer Zeit, dass die klassische Neonazi-Szene ausfranst. Viele Menschen haben das Bild von Neonazis im Kopf, die nur gemeinsam in ihrer Kameradschaft auftreten. Wir sehen aber, dass sich die radikale Rechte gerade in den letzten Jahren und insbesondere mit der Diskussion um das Thema Asylpolitik viel stärker ausdifferenziert hat und dass sich verschiedene Milieus zusammenfinden und sich mischen. Deswegen das Wort Mischszene. Da kommen Leute aus dem Umfeld der AfD hinzu, die eher bürgerlich aussehen. Da kommen Leute hinzu, wie wie wir es bei Pegida gesehen haben, wie etwa Hooligans, aber auch ältere Rentnerinnen. Das mischt sich auf der Straße und auch im Netz, und das macht es immer unübersichtlicher.

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Aber muss man dann nicht auch davon ausgehen, dass das Gewaltpotenzial doch nur bei einer bestimmten Gruppe bleibt und nicht verallgemeinerbar ist auf "die Rechten"?

Steinhagen: Ich glaube, das lässt sich nicht so leicht trennen. Wir sehen, dass es in den vergangenen Jahren unterschiedliche Typen von Tätern gibt. Bei dem Mörder von Walter Lübcke haben wir es ja auch mich nicht mit jemandem zu tun, der das veraltete Klischee vom Neonazi mit Glatze, Springerstiefel und Bomberjacke erfüllen würde. Sondern mit jemandem, der als Vater von zwei Kindern relativ unauffällig gelebt hat, der der Schichtarbeit nachgegangen ist und im Verein aktiv war. Die Nachbarn haben kein böses Wort über ihn verloren und bei den Kollegen schien er einigermaßen beliebt gewesen zu sein. Er hat sich genau in dem Umfeld bewegt, wo diese Position, die er aus der Neonazi-Szene schon kannte, plötzlich viel breiter geteilt war. Das hat sicherlich eine Auswirkung darauf, dass Leute dann auch zur Tat schreiten, weil sie das Gefühl haben, sie sprechen für eine schweigende Mehrheit.

Im Untertitel Ihres Buchs heißt es: "Strategie der Gewalt". Können Sie beschreiben, was Ziel dieser Strategie ist?

Steinhagen: Das ist in den verschiedenen Phasen unterschiedlich gewesen. Es gibt in der extremen Rechten verschiedene Vorstellungen davon, was man mit politischer Gewalt erreichen will. Es gibt dort unter anderem die Vorstellung von einem sogenannten "Rassenkrieg", der entweder schon stattfindet oder den man auslösen möchte, indem man sich gegen den vermeintlichen "großen Austausch" wehren möchte. Es gibt gleichzeitig die Vorstellung, dass man durch solche Taten Fanale setzen kann, die wiederum andere anstiften, sodass man für Nachahmer sorgt und damit die politische Situation immer weiter zuspitzt. So ähnlich sehen wir das auch bei den Attentätern, die sehr stark darauf setzen, dass ihre Taten im Internet rezipiert werden - das sind eher jüngere als der Mörder von Walter Lübcke. Es gibt Vorstellungen von einem sogenannten Tag X, an dem die staatliche Ordnung zusammenbricht - zum Beispiel ausgelöst durch einen Anschlag oder eine Pandemie -, und dass man sich darauf vorbereitet dann zuzuschlagen. So gibt es unterschiedliche Strategien, die in der extremen Rechten mit der Gewalt verbunden werden - aber zugleich muss man auch sagen, dass es auch die strategielose Gewalt gibt, die nicht mehr erreichen will außer der Tat selbst, weil das zentral zum rechten Weltbild dazu gehört, dass man andere verachtet, geringschätzt und ihnen das Lebensrecht abspricht.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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NDR Kultur | Journal | 01.06.2021 | 18:00 Uhr