Bundesparteitag " Die Grünen" in der Westfalenhalle in Dortmund am 21.06.1980. © picture alliance / Klaus Rose | Klaus Rose

Joseph Beuys und sein Kampf für Autonomie

Stand: 10.05.2021 05:53 Uhr

Joseph Beuys wollte die Politik zur Kunst machen. Im Zentrum seines Wirkens lag die Selbstbestimmung.

von Jürgen Werth

"Ich bin ja kein Mensch, der sich gern so einem Extrem zuwendet", sagte Beuys und erzählte weiter: "Ich bin weder optimistisch, noch pessimistisch. Das heißt, ich versuche, die Sache sachlich, von der Sache her weiterzuentwickeln." Joseph Beuys versuchte einmal, das Wetter zu beeinflussen - durch seinen Gesang: 1982 trat er mit dem Spruch "Wir wollen Sonne, statt Reagan. Ohne Rüstung leben!" für die Sonne und gegen den US-Präsidenten auf und tauschte sein Atelier gegen einen Platz vor den Massen. Er sei kein Extremist, weder Optimist, noch Pessimist und wenn es um die Sache gehe, dann sei er sachlich. So stellte er sich vor in seinem Bewerbungsschreiben zum Politiker. Begonnen aber hatte die Karriere mit der Gründung der Deutschen Studentenpartei am 21. Juni 1967. Briefe an die ruhmreiche Schwester-Organisation in Berlin, den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), mit dem der Name Rudi Dutschke verbunden war - diese Briefe blieben unbeantwortet. Mangels Masse verwandelt Beuys die Partei in das "Büro der Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung". "Freie Volksabstimmung und Selbstbestimmung", so Beuys damals: "Man muss die Menschen ja in eine Machtposition hineinorganisieren."

Düsseldorfer Akademie-Besetzung

Joseph Beuys im Gespräch mit dem Leiter der Düsseldorfer Kunstakademie, Professor Eduard Trier. © picture-alliance / dpa | Wilhlem Leuschner
Beuys im hitzigen Gespräch mit dem Leiter der Düsseldorfer Kunstakademie. Mit etwa 30 Studenten besetzte er am 15. Oktober 1971 das Sekretariat der Akademie.

Am Abend des 21. Februar 1973 die Bewährungsprobe: 54 Studenten besetzen zusammen mit Beuys das Sekretariat der Akademie. Ziel: Auch nicht-immatrikulierten Kunstliebhabern soll der Zugang zum Studium ermöglicht werden. Der Wissenschaftsminister Johannes Rau hebt den Fehdehandschuh auf: "Ich habe, nachdem sich Prof. Beuys nicht entschließen konnte, das Sekretariat zu räumen, daraufhin Herrn Prof. Beuys aus seiner Tätigkeit in der Kunsthochschule und als Landesbediensteter entlassen." Jahre später wird die Kündigung gerichtlich annulliert. Beuys bekommt zwar seine Lehrerlaubnis nicht zurück, darf aber Atelier und Professoren-Titel behalten.

Joseph Beuys: "Wollen uns jetzt selbstbestimmen"

Revolution ist einmal definiert worden: Wenn die da oben nicht mehr können und die da unten nicht mehr wollen. Und? Was passiert, wenn man keine Barrikaden hat, sondern nur Wahlurnen? "Wir haben erkannt, es hat keinen Sinn mehr, seine Stimme zu delegieren an einen Mann", konstatierte Beuys und ergänzte: "Wir wollen uns jetzt selbstbestimmen und wollen zur Volksabstimmung schreiten - über den Punkt Produktionsmittel zum Beispiel."

Joseph Beuys im Gespräch mit jugendlichen Demonstranten bei einer Demonstration gegen US-Präsident Ronald Reagan in Bonn, 09.06.1982. © picture-alliance / Sven Simon | SVEN SIMON
Beuys 1982 im Gespräch mit Jugendlichen bei einer Demonstration gegen US-Präsident Ronald Reagan in Bonn.

Wer seine Lage erkannt hat, wie sollte der aufzuhalten sein, fragte schon vor 1933 der naive Bertolt Brecht. Beuys muss gelernt haben, wie einfach das alles geht: "In dem Augenblick, wo die Mehrheit erkannt hat, wo ihre Interessen liegen und wie sie ihre Interessen durchsetzen kann, in dem Augenblick werden die Verhältnisse sich ändern."

Idealismus und Anarchismus scheinen Hochzeit zu feiern. Wie Marx und Engels mit dem Netzwerk der II. Internationale korrespondierten, so hält Beuys in der linken Hand das Mitgliederverzeichnis und in der rechten einen Globus.

Autonomie als Schlüsselwort

"Meine Partei zählt im Augenblick 300 Mitglieder, die außerordentlich aktiv sind. Dazu sehr viele Interessenten in Deutschland, in Düsseldorf erstmal. Dazu muss gesagt werden: im Ausland. Denn dieser Gedanke wurde konzipiert als eine internationale Partei, mit einer - sagen wir - deutschen Sektion, mit einer dänischen, mit einer holländischen, einer französischen", so Beuys als er auf seine Partei zu sprechen kam.

Im Parteiprogramm hat ein Begriff seinen Ehrenplatz eingenommen: "Autonomie". Das Zauberwort steht an der Spitze der Agenda. "Die Autonomie der Universitäten, die Autonomie des Schulwesens, die Selbstverwaltung jeder kulturellen Instanz. Das würde eine Folge haben, dass es sich ausbreiten müsste auf das Wirtschaftsleben", sagte Beuys.

Rücktritt als Bundestagskandidat der Grünen

So nimmt die Befreiung ihren Ausgang vom Atelier und bahnt sich ihren Weg bis in die Konzernzentralen. Wie hat der Meister einmal gesagt: "Ich will nicht Kunst in die Politik hineintragen, sondern die Politik zur Kunst machen." Mit der Präzision eines Grabsteins hat Beuys dem Politischen gedient: Vom 21. Juni 1967 bis zum 22. Januar 1983. Dem Tag, als er sich auf einem hinteren Listenplatz der Grünen wiederfand und er als Bundestagskandidat zurücktrat.

Bei einem seiner letzten Auftritte vor seinem Tod, seiner Rede über Deutschland, verabschiedet er sich vom Begriff des Politischen: "Ich will mal den Begriff des Politischen ganz herausnehmen, da er sich mir als ein immer fatalerer, unbrauchbarerer herausstellt. Mir wird der Begriff des Politischen ein immer unmöglicherer." Was waren das noch für Zeiten, als er Kampflieder gesungen hatte.

Eine politische Attacke hat sich Joseph Beuys nicht nehmen lassen. Immer hat ihn etwas an der Berliner Mauer gestört. Nur was? Plötzlich ging ihm ein Licht auf. Auf der Stelle protestierte er bei den zuständigen Behörden der Deutschen Demokratischen Republik: Die Mauer müsse unbedingt erhöht werden - um fünf Zentimeter - und zwar aus ästhetischen Gründen.

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Dieses Thema im Programm:

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