Stand: 27.07.2020 15:22 Uhr

Jordi Serangelis Lieblingsstücke im Paläon

von Carmen Woisczyk

Das Forschungs- und Erlebniszentrum in Schöningen, das Paläon, hat in der archäologischen Fachwelt einen großen Namen. Dort wurden bei Grabungen die ältesten Jagdwaffen der Menschheit gefunden: Acht 300.000 Jahre alte Holzspeere. Immer wieder entdecken Archäologen auch etwas Neues: Knochen von Pferden, Bären, Hirschen und sogar Säbelzahnkatzen - lauter Lieblingsstücke, findet jedenfalls Jordi Serangeli, der viele davon selbst ausgegraben hat, bevor sie im Paläon ausgestellt wurden.

Im zweiten Stock des Paläon liegen in Dutzenden Vitrinen tausende Knochen. Archäologen haben sie direkt vor dem Gebäude im ehemaligen Schöninger Tagebau ausgegraben. Zum Beispiel die 300.000 Jahre alten Überreste eines Auerochsen mit Hörnern, so lang wie der Arm eines Menschen, schwärmt Grabungsleiter Jordi Serangeli. Dieses Lieblingsstück, ein Vorfahre der heutigen Kuh, hat er selbst vor mehr als zehn Jahren entdeckt. "Wenn man das sieht, weiß man nicht genau: Bin ich in Europa oder in Afrika?" erzählt Serangeli. "Diese Tiere haben wirklich hier gelebt, genau wie Elefanten und Wasserbüffel."

Elefanten in Niedersachsen

Direkt neben dem Skelett des Auerochsen liegen zwei riesige Stoßzähne eines Elefanten. Davor an der Wand hängt der Schädel eines Nashorns - eigentlich sind es alles Lieblingsstücke, findet der Archäologe. Das Besondere daran: allein schon die Vorstellung, dass diese Tiere hier in Schöningen durch eine uns fremde Welt, eine dschungelartige Landschaft, umhergewandert sind. Die Knochen beweisen es. Die Suche danach, das sei wie nach einem Schatz zu graben: "Zuerst hat man einen Knochen, dann zwei, dann 20, dann weiß man, das Tier ist fast vollständig da. Diese Funde waren 300.000 Jahre unter der Erde!" Natürlich sei man durch die Neugier auch aufgeregt. "Aber wir sind Archäologen - machen also ganz langsam und vorsichtig", erzählt Serangeli.

Archäologen brauchen Fantasie

Denn jeder einzelne Knochen kann wertvolle Hinweise darüber liefern, wie das Leben in Niedersachsen damals ausgesehen hat. Im Labor des Forschungszentrums werden sie deshalb genau unter die Lupe genommen. Gibt es zum Beispiel Schnittspuren von Werkzeugen darauf, die darauf schließen lassen, dass ein Mensch dieses Tier erlegt hat? Es ist wie ein Rätsel, das jedes Mal entschlüsselt werden muss.

Genau das findet der Archäologe so faszinierend: "Um als Archäologe Erfolg zu haben, muss man viel Fantasie haben. Wie ist das Tier gestorben? Auf natürliche Weise oder weil der Mensch es gejagt hat? Also versucht man, immer mehr rauszukriegen. Es ist ein Prozess und eine Herausforderung."

Elefantenkuh Nelly: Fund im Tagebau-Krater

Knochen sind für ihn nicht nur leblose Zeugnisse, sagt er, während er nach draußen geht. Sie erzählen eine Geschichte, die sich allerdings nur langsam, Stück für Stück, offenbart. Wie die von Nelly, einer Elefantenkuh. Ihre Überreste hat er gerade erst am Rande des riesigen Kraters, dem ehemaligen Tagebaugebiet, entdeckt und ausgegraben - an einem Hang, an dem eine Treppe aus schwarzen und braunen Erdschichten zu sehen ist.

Schichten in der Erde - und auf dem Schreibtisch

"Hier waren die Stoßzähne, und hier auf der Seite die Rückenlinie und die Beine. Der Schädel ist auseinandergebrochen", erzählt Serangeli. "Und hier graben wir weiter", zeigt er. "Man sieht die ganz feinen Linien, das sind unsere Schichten. Das was oben ist, ist jünger als das, was unten ist. Wie auf meinem Schreibtisch: Das was unten ist, liegt auch schon länger da", scherzt der Archäologe. Und wer weiß, vielleicht liegt genau dort, zwischen den Erdschichten, sein nächstes Lieblingsstück.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 28.07.2020 | 06:40 Uhr