Stand: 28.11.2019 15:26 Uhr

John Neumeier inszeniert "Die Glasmenagerie"

von Peter Helling

John Neumeier wagt sich an einen modernen Theater-Klassiker: "Die Glasmenagerie" von Tennessee Williams. Ein wortreiches, hoch psychologisches Stück. Mit 17 hat Neumeier das Stück zum ersten Mal gesehen - in Hamburg macht er es nun mit einer Top-Besetzung zu einem Tanzstück ganz ohne Worte. Am 1. Dezember wird die Inszenierung in der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführt. Ein Besuch bei den Proben.

John Neumeier (vorne) und Tänzer des Hamburg Balletts bei den Proben zu "Die Glasmenagerie". © Kiran West
John Neumeier (vorne) und Tänzer des Hamburg Balletts bei den Proben zu "Die Glasmenagerie". Der Choreograf hat das Stück mit 17 Jahren das erste Mal gesehen. Es war für ihn ein Schlüsselmoment.

Wie tanzt eine Frau, die eigentlich gar nicht tanzen kann? Eine Gehbehinderte? Laura steht vor einer tapezierten Wand. Dann tastet sie sich unmerklich voran, zerbrechlich - wie aus Glas. So eine Aufgabe konnte John Neumeier nur einem absoluten Weltstar anvertrauen: "Der wichtigste Grund, weshalb ich das Stück jetzt mache, ist Alina Cojocaru. Sie verkörpert die Rolle der Laura wirklich hervorragend", sagt Neumeier.

In den Augen anderer ist Lauras Handicap ein Makel

Es ist eine beklemmende Welt: Laura und ihr Bruder Tom leben wie eingesperrt bei ihrer Mutter, der Vater ist lange abgehauen. In ihrem ärmlichen Zuhause gibt es Plattenspieler, Küchentisch, Lampe - und die titelgebende Glasmenagerie. Eine kleine Vitrine mit Glas-Tierchen, Lauras ganzem Schatz. Ihre Mutter will sie verkuppeln. Nur: Es findet sich keiner. Lauras Behinderung ist in den Augen ihrer Umwelt ein Makel.

Lauras Gehbehinderung tänzerisch darzustellen, war eine Herausforderung für den Choreografen Neumeier. Nun steckt einer der Füße Alina Cojocarus in einem Schuh mit Absatz, der andere in einem Spitzenschuh. Immer wieder schwankt und fällt sie. "Wenn Alina Cojocaru normal geht, geht sie wie jemand, der gehbehindert ist", erklärt Neumeier.

Höhenflug, tiefer Sturz - all das schichtet sich übereinander

Tänzer des Hamburg Balletts bei den Proben zu "Die Glasmenagerie" © Kiran West
Bei den Proben zu "Die Glasmenagerie": Alina Cojocaru (r) tanzt die Laura in dem Stück, das am 1. Dezember uraufgeführt wird.

Dann wieder scheint Laura alles - ihr Handicap und ihre bedrückende Umgebung - wie im Rausch zu vergessen. Das sind Momente, in denen das Glück zum Greifen nahe ist: Arm in Arm mit einem Arbeitskollegen ihres Bruders Tom, den er mitgebracht hat - als lang ersehnten Heiratskandidaten. Höhenflug, tiefer Sturz, all das schichtet sich hier übereinander. "Es fasziniert mich, wie viele Schichten ich übereinanderlegen kann, damit das Stück das Publikum rührt, weil es sich damit identifizieren kann und etwas über sich selbst kommuniziert bekommt", erklärt Neumeier.

John Neumeier hat "Die Glasmenagerie", diesen modernen Klassiker, zum ersten Mal mit 17 gesehen. Für ihn war es damals ein Schlüssel-Moment: "Es war am Universitätstheater", erinnert er sich. "Der Regisseur dieser ersten Produktion, die ich gesehen habe, Father John Walsh, wurde dann später mein wichtigster Mentor."

Bruder Tom blickt auf gemeinsames Leben zurück

Was im Theater die Sprache ist, ist beim Hamburg Ballett die Stille der Tänzer und Tänzerinnen, kleine Gesten, die Lauras Sehnsucht zeigen - ein Klaps, eine Berührung, ein Händeschütteln. Erzähler der Geschichte ist Lauras Bruder Tom, der auf ihr gemeinsames Leben zurückblickt. Das Publikum sieht zu, wie Toms Erinnerungen entstehen. "In unserem Leben ist alles gleichzeitig da", sagt Neumeier. "Unsere Kindheit, unsere Jugend, alles, was wir erlebt haben - das tragen wir alles gleichzeitig mit uns herum." So sieht man in dem Stück manchmal Tom und Laura als Kinder neben ihren erwachsenen Pendants. John Neumeier will tiefer und tiefer dringen, bis an den Grund der Erinnerung: "Ich habe versucht, die Welt von Tennessee Williams zu erfassen: Es gibt kein Stück von ihm, das autobiografischer ist als dieses."

Laura wirkt nicht wie ein Opfer

John Neumeiers Laura kann man sich auch als glückliche, starke Frau vorstellen - wie ein Opfer wirkt sie nicht. Damit sieht er sich mit Tennessee Williams auf einer Linie, der in einem Gedicht über seine Schwester Rose, die psychisch krank war, schrieb: "Wir hatten keine Worte, Abschied zu nehmen, sie hätte Worte gehabt."

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 27.11.2019 | 19:00 Uhr