Stand: 09.06.2020 17:01 Uhr

Jörn Klare über sein Feature "Jenseits des Ponyhofs"

Der Autor Jörn Klare hat drei Menschen mit Handicap begleitet, sich mit ihnen über ihr Leben unterhalten, über ihr Selbstverständnis und ihre Träume. Daraus ist das Feature "Jenseits des Ponyhofs" entstanden.

Herr Klare, die drei haben körperliche oder geistige Handicaps. Haben Sie also "Jenseits des Ponyhofs" mit ihnen geredet?

Jörn Klare © picture alliance/dpa Foto: Jens Kalaene
Auch Jörn Klares Eltern hatten im Alter mit Behinderungen zu kämpfen.

Jörn Klare: Das ist eine schöne Frage. Es geht ja um dieses Klischee: Wenn das Leben nicht so perfekt ist, dann ist es nicht der Ponyhof, und dann ist es viel schwieriger. Ich dachte, sie wären jenseits des Ponyhofes, aber insbesondere Ramona, die das auch sehr schön am Ende der Sendung benennt, hat mich eines Besseren belehrt. Sie sagt, ein Ponyhof sei auch viel Arbeit: Da müsse man auch die Ställe ausmisten und so weiter. Man hätte also nicht nur Spaß auf einem Ponyhof, und so sei es auch in ihrem Leben.

Ihre Protagonisten hatten große Träume. Jonas wollte Schauspieler werden, Ramona Musikwissenschaftlerin. Vieles ist durch die Behinderung schwieriger, wenn nicht sogar unmöglich geworden. Da stellt sich die Frage, die Sie im Untertitel des Features aufwerfen: "Verliert ein eingeschränktes Leben seinen Wert?"

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Hinweisschild für gehbehinderte Menschen und Rollstuhlfahrer © picture-alliance / dpa Foto: Fredrik von Erichsen

Jenseits des Ponyhofs

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Klare: Nein, das würde ich nicht sagen. Das war ja für mich eine Motivation, mich mit diesem Thema und mit diesen drei Menschen zu beschäftigen. Meine eigenen Eltern, die mittlerweile verstorben sind, hatten es am Ende nicht leicht: Meine Mutter hatte Demenz, mein Vater eine Querschnittslähmung. Dann kam immer wieder der Satz: "So ein Leben ist nichts wert." Das hat mich immer sehr betroffen gemacht, denn auch ein Leben, das bestimmte Beeinträchtigungen hat, kann durchaus wertvoll sein. Man kann auch seine Ziele revidieren, ob man eine Behinderung hat oder nicht. Das passiert uns ständig im Leben: Man hat bestimmte Ziele, die man sich erträumt hat, aber es klappt nicht ganz. Wobei Jonas ein durchaus erfolgreicher Schauspieler ist und Fernsehsendungen und Hollywood-Produktionen synchronisiert. Bei Ramona haben sich durch die Behinderung die Schwerpunkte verändert: Sie hätte durchaus noch Musikwissenschaftlerin werden können, aber ihr waren andere Sachen wichtiger.

Ramona sagt kurz vor Ende des Features einen Satz, der mir wirklich hängen geblieben ist: "Ich sitze im Rollstuhl, aber ich bin gesund." Ist das Trotz?

Klare: Nein. Es hat mich auch umgehauen. Ich habe mir gedacht: Wie kann sie das sagen? Nein, sie empfindet sich tatsächlich so. Ja, sie hat eine starke Einschränkung und bestimmte Schwierigkeiten, mit denen sie im Alltag kämpfen muss, aber sie selbst sagt, dass man sich ganzheitlich wahrnimmt - obwohl sie den Ausdruck gar nicht benutzt. Sie hat ein komplettes Leben - natürlich mit diesen Einschränkungen -, und sie bezeichnet das als gesund. Als ich die drei begleitet habe, dachte ich manchmal: Wo liegt denn jetzt genau die Behinderung? Sind die für diese Sendung eigentlich behindert genug? Weil im Alltag mit ihnen merkt man, dass das, was man von außen leicht in solche Schicksale projiziert, sich aus der Innensicht oft ganz anders darstellt.

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Immer wieder taucht in dem Feature der Fall Walter Jens auf. Der berühmte Intellektuelle hatte zu Zeiten, als er noch kerngesund war, seine Frau Inge um Sterbehilfe gebeten. Als er dement wurde, hat sie ihm dieses Versprechen dann verweigert. Warum haben Sie diesen Fall wie einen roten Faden durchgezogen?

Klare: Weil er für mich eine große Bedeutung hatte, als ich mich mit der Demenz meiner Mutter auseinandersetzen musste. Da war ich am Anfang sehr geschockt, wie wohl die meisten Angehörigen, und wusste nicht damit umzugehen. Ich stellte mir auch all diese Fragen: Was ist das noch für ein Leben? Was bedeutet das? Ungefähr zu dieser Zeit machte Inge Jens diese Geschichte publik und sagte: "Nein, ich habe mich entschieden, meinen Mann nicht bei einem Suizid zu unterstützen, weil ich von außen sein Leben durchaus als lebenswert wahrnehme." Sie konnte das auch sehr schön begründen und erzählen, wie sie zu diesem Schluss gekommen ist. Das war für mich damals sehr hilfreich, und deswegen taucht das im Feature immer wieder auf.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Jörn Klare © picture alliance/dpa Foto: Jens Kalaene

AUDIO: Jörn Klare über sein Feature "Jenseits des Ponyhofs" (7 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 09.06.2020 | 19:00 Uhr