Stand: 12.10.2018 11:31 Uhr

Jenny Erpenbeck über "Wirklichkeit" in Büchern

Wie kommt "Wirklichkeit" ins Buch? Es muss nicht immer ein Roman sein - ein schönes Beispiel ist das neue Buch der 1967 in Ost-Berlin geborenen und zigfach ausgezeichneten Jenny Erpenbeck: "Kein Roman". Es enthält Reden und Texte aus 25 Jahren bis in die Gegenwart.

Frau Erpenbeck, in einem Ihrer Texte habe ich den Satz entdeckt: "Kein Material ist so gut wie die Wirklichkeit." Und doch standen am Beginn ihres Lebens Märchen aller Arten. Wie geht das zusammen?

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Ulrich Kühn hat die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck auf der Frankfurter Buchmesse befragt.

Jenny Erpenbeck: Ich glaube, gute Literatur beruht darauf, dass derjenige der schreibt, Erfahrungen in der Wirklichkeit gemacht hat. Literatur ist ja ein Medium, mit dem Menschen sich verständigen über Situationen, die mitunter problematisch sind. Man möchte wissen, wie man Dinge besser verstehen kann, welche Strukturen man unterlegen könnte, um die Sachen, die einem schwierig sind, noch einmal neu anzuschauen. Literatur ist zwar nicht dazu da, die Dinge in der Wirklichkeit zu lösen, aber sie ist natürlichen ein Ausdrucksmittel für wirkliches Erleben und wenn man Figuren erfindet, wenn man fantastische Dinge schildert, würde das niemand lesen, wenn nicht Wirklichkeitserfahrung zugrunde liegen würde.

Mir ist aufgefallen, dass bei ihrem intensiven Nachdenken über das Schreiben ein paar Phänomene immer wieder in den Blick kommen - eins davon ist die Zeit. Die Dankesrede, die Sie zur Verleihung des Joseph-Breitbach-Preises gehalten haben, heißt sogar "Was macht die Zeit mit dem Schreiben?" Ich habe mir überlegt, ob man die Frage auch umdrehen könnte: Was macht das Schreiben mit der Zeit? Kann es der Zeit vielleicht sogar eine Art Räumlichkeit verpassen, in der Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit gewissermaßen neu arrangiert werden, sodass man mehr versteht über die eigene Zeit?

Erpenbeck: Das Schöne an dem Buch ist, dass man diese verschiedenen Zeitschichten in einer Biografie oder in einer Geschichte so anordnen kann, dass so etwas wie parallele Wahrheit entsteht. Ich glaube, die guten Leser sind die, die manchmal zurückblättern oder die Dinge, die sie am Anfang des Buches gelesen haben, über das ganze Buch hinweg in ihrem gegenwärtigen Kopf behalten. Was mich immer interessiert hat, war, diese Zeitschichten als gleichzeitig zu denken und diese chronologische Abfolge zu hinterfragen, die immer so unausweichlich aussieht. Bei dem Breitbach-Text, den Sie angesprochen haben, geht es auch darum, dass man sich selber noch einmal neu begegnet durch die verschiedenen Zeiten hindurch. Im Laufe des Lebens lernt man neue Dinge, man sammelt andere Erfahrungen und man wird jemand anders, man ist immer in Verwandlung. Und das Schreiben ist plötzlich so ein Zeugnis, was einem wie fremd entgegenkommt. Für mich war es bei der Zusammenstellung des Busses interessant, dass ich micht in den frühen Texten erkenne - aber sie sind mir auch fremd.

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Interessant ist auch in dem Zusammenhang, dass "Die Metamorphosen" von Ovid ein Ihnen besonders wichtiges Buch ist. Es gibt offenbar ein zweites für Ihr Schreibdenken wichtiges Phänomen: die Grenze. Das scheint durchaus mit dieser Nachdenkerei über Räumlichkeit und Zeitlichkeit zusammen zu hängen. Es findet besonders klaren Ausdruck in der Beschreibung, die Sie - geboren und aufgewachsen in Ost-Berlin - damals in der DDR für ihr eigenes Leben finden: Zwischen der ersten Hälfte ihres Lebens und der zweiten sei seither eine Grenze aus Zeit. Lässt die sich denn auch schreibend nicht mehr überbrücken, wenn Sie sagen, Sie entdecken da jemanden wieder, der Sie schon gar nicht mehr sind?

Erpenbeck: Nein, die Frage ist: Will man das überhaupt überbrücken? Will man nicht vielleicht eher die Verschiedenheit sichtbar machen und auch die verschiedenen Möglichkeiten, die einer Person innewohnen? Natürlich hat das Überschreiten von Grenzen jeglicher Art auch viel mit Identität zu tun und damit, dass Menschen sich unter anderen Umständen wieder neu zusammensetzen müssen. Das kann bei einer Flucht sein, so wie bei meinem letzten Buch: Es ist ganz klar, dass bei den afrikanischen Flüchtlingen, um die es geht, die Biografie plötzlich wie abgeschnitten ist. Hier in Europa müsste etwas anderes anfangen, und die Frage ist: Was ist überhaupt ein Übergang, wie lange dauert der und wo geht es hin? Das ist eine interessante Frage, das versteht man ja nicht. Man sieht, dass sich etwas ändert, aber man kann es eigentlich nicht greifen. Der Mensch ist immer noch derselbe, trotzdem passieren andere Dinge mit ihm. Bei Ovid ist es oft Gewalt, die zu der Verwandlung von jemandem führt.

In Ihrem letzten Buch "Gehen, ging, gegangen" hadert Richard, ein pensionierter Altphilologe, mit der Zeit: Vergehen soll sie, aber auch nicht vergehen - so heißt es. Er kommt dann auf ungeahnte Weise mit seiner Zeit in Kontakt, indem er auf geflüchtete Menschen trifft, über sie nachdenkt, sich für sie einsetzt. Ein Rezensent meinte, Sie hätten da einen bedeutenden Tatsachenromanen geschrieben. Können Sie mit diesem Wort "Tatsachenroman" etwas anfangen, ist das überhaupt ein brauchbares Wort?

Erpenbeck: Man kann das vielleicht so nennen, aber die Frage ist, ob sich die Beschreibung des Buchs darin erschöpft und was es überhaupt einem nützt. Natürlich ist eine Sache, die man beschreibt, nie die Sache selber. Und auch wenn die Dinge, die faktisch geschildert sind, auf wirklichen Ereignissen beruhen, ist der Blick selber eine eigene Sache. Man trifft Entscheidungen: Was kommt in das Buch, was kommt nicht in das Buch? Welche Dinge kombiniert man, welche Szene folgt auf welche Szene? Und da ist gar nicht mehr von Bedeutung, ob man sagt: Der Mensch hat mir tatsächlich diese Geschichte erzählt. Das Einzige, was mir wichtig war, war, dass die Erzählung über die verlorene Kindheit dieser Flüchtlinge, dass diese Dinge so, wie sie mir erzählt wurden, in dem Buch sind, weil das Dinge sind, die ich nicht kenne und die ich auch durch Erfindungen nicht überbrücken möchte. Ich finde, das steht mir nicht zu, und das ist auch nicht der Sinn der Sache. Das sind Dokumente, und Dokumente haben auch in einem Roman einen wichtigen Platz.

Fast ein bisschen erschütternd fand ich die Härte, mit der sie beschreiben, dass da eine Grenze ist, die zuletzt definitiv überschritten wird und das Vergehen der Lebenszeit ein für allemal beendet, also der Tod. Da heißt es: "Wenn man gerade zu begreifen anfängt, wird ja schon wieder abgeräumt, wird man abgeräumt." Das klingt sehr düster, könnte man finden, wenn man sich davor fürchtet. Anderswo dann wiederum: "Unbestritten aber ist das Potential an Lebendigkeit, das Geschriebenem grundsätzlich innewohnt." Wenn Sie so viel in Archive gehen und dieses lebendige Geschriebene dort auffinden, das aus Zeiten stammt, die schon überlebt sind, ist das ein bisschen Trost gegen diese Aussicht aufs Abgeräumtwerden?

Erpenbeck: Ich finde das Abgeräumtwerden eigentlich nicht schlecht. Natürlich ist es tragisch, wenn es einen selber betrifft oder wenn es Leute betrifft, die man liebt. Aber insgesamt gesehen ist es eine ungeheure Chance, das immer wieder neue Menschen geboren werden, die mit anderen Ideen daherkommen. Ich glaube, man muss in größeren Zeiträumen denken. Die Lebenszeit ist im Vergleich zur Menschheitsgeschichte relativ kurz, aber jede Lebensgeschichte hält das gemeinsame Nachdenken lebendig. Und da gebe ich gerne meinen Posten ab, wenn ich ein gewisses Alter erreicht habe.

Das Interview führte Ulrich Kühn

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 11.10.2018 | 19:00 Uhr

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