Stand: 16.09.2020 16:18 Uhr

Jan Philipp Reemtsma über "Helden und andere Probleme"

"Helden und andere Probleme" - so lautet der Titel des neuen Buchs von Jan Philipp Reemtsma. Der Wallstein Verlag schreibt dazu: "Die Zivilisation steht auf dünnem Eis. Hier riskiert ein Intellektueller einen Blick in die abgründige Tiefe!"

Herr Reemtsma, Ihr neues Buch versammelt Essays und Vortragstexte der vergangenen anderthalb Jahrzehnte. Man merkt schon beim Aufschlagen, dass da ein Konzept dahinter steckt. Nach welchen Kriterien haben Sie diese Auswahl zusammengestellt?

Jan Philipp Reemtsma © picture alliance / dpa Foto: Daniel Reinhardt
"Der Held ist außer Kurs geraten", stellt Jan Philipp Reemtsma fest.

Jan Philipp Reemtsma: Es ist keine Auswahl zu einem bestimmten Thema, sondern die verschiedenen Aufsätze reichen sich die Hand.

Dem Titel nach sind "Helden" problematisch. Warum? Sollten sie nicht das genaue Gegenteil sein: tugendhaft und vorbildlich?

Reemtsma: Zum einen stimmt das gar nicht, was Sie sagen. Wir sind doch in einer Zeit - und nicht erst seit ein paar Tagen -, die den Helden nicht mehr mag, die ihn immer kritisch sieht, die schon die Attribuierung des Heldenhaften mit gerunzelter Stirn zur Kenntnis nimmt. Davon erholen wir uns gerne, wenn wir schöne Helden in Filmen sehen - das dürfen wir. Aber sonst ist der Held eigentlich außer Kurs geraten.

Aber inszenieren wir nicht doch immer wieder Helden, beispielsweise im Sport?

Reemtsma: Gut, vielleicht habe ich den Sport hier etwas unterbelichtet. Aber problematisch ist er doch in allerlei Hinsicht. Meistens sind Helden ja etwas gewalttätig. Was mich interessiert hat, ist, ob es eigentlich den Helden außerhalb seiner Heldentat gibt - ganz egal, wie wir zu ihr stehen. Und da sehen wir, dass das schon antik als ein unlösbares Problem angesehen wurde: Helden gehen nicht in Pension, sie hören nicht auf und sitzen dann auf der Parkbank oder ziehen sich auf ihre Ländereien zurück, sondern sie stehen quer im Leben und sind meistens immer noch gefährlich. Man kann sie nicht unterbringen, und das ist ein Problem, mit dem sich schon die Antike beschäftigt hat.

Sie zitieren die Antike sehr häufig als Beleg. Was sagt uns das über das Hier und Heute? Sind diese Texte nicht ziemlich angegraut?

Reemtsma: Nein, ganz und gar nicht. Man sagt ja, dass die Nachricht von gestern schon uralt ist - unsere Gegenwart altert also sehr schnell. Wohingegen die guten Texte bleiben, und bestimmte grundsätzliche Probleme schon immer abgehandelt wurden. Da kann man nur klüger werden, wenn man sieht, dass jemand Fragen schon immer behandelt hat, und man sich fragt, wie er es denn gemacht hat.

Buchcover: Jan Philipp Reemtsma - Helden und andere Probleme © Wallstein Verlag
"Helden und andere Probleme" ist im Wallstein Verlag erschienen und kostet 28,00 Euro.

Was sind das für Grundsatzfragen?

Reemtsma: Wenn ich noch mal das Heldenthema anspreche: Eigentlich ist der Held jemand, der die Wirklichkeit in Ordnung bringt, bevor wir kommen. Wir bauen unsere Städte, wir richten unsere Zivilisation ein, wir verlassen uns auf Institutionen. Aber es gibt eine Zeit, bevor das alles gegriffen hat - da räumt der Held auf. Das haben wir auch im Western: Das ist so eine ungeordnete Gegend, in der jemand, der schneller zieht, für Ordnung sorgt. Aber wenn dann die Stadt gebaut wird und die Rechtsanwälte ihre Kanzleien aufmachen, was macht man dann mit dem Helden? Meistens geht es für ihn traurig aus. Es gibt einen wunderschönen Film: "Der Mann, der Liberty Valance erschoss". Da ist das das große Thema. Und solche Themen kommen immer wieder. Es ist doch ganz interessant zu gucken, wie das gemacht worden ist, ob in der Literatur, auf der Bühne oder im Film.

Die Gewalt zieht sich immer wieder durch viele dieser Texte. Sie nennen das an einer Stelle sogar eine "attraktive Lebensform", aber auch notwendig im Zusammenhang mit der Zivilisation. Wie sehen wir da Gewalt?

Reemtsma: Man fragt Sozialwissenschaftler immer gerne nach Erklärungen. Und ich halte vom Erklären nicht besonders viel. Unter Erklären versteht man meistens, dass jemand ein Geheimnis enthüllt. Was man meistens vermeidet, ist sich zu sagen, dass wenn jemand etwas tut, er es doch in der Regel deswegen macht, weil er es gerne tut. Und dann kann ich mich fragen, warum. Diese Frage beantworte ich meistens, indem ich beschreibe, was er tut. Und das versuche ich hier auch. Ich versuche in der Literatur, aber auch in der Wirklichkeit - ich spreche über die Buddenbrooks, aber ich spreche auch über die "urban riots" im modernen Städten, wenn etwa Leute versuchen, das Reichstagsgebäude zu stürmen. Was bringt die dazu? Und zunächst muss man feststellen, dass es ihnen einen Riesenspaß macht.

Also sehen Sie Spaß als Grundmotivation von Gewalt?

Weitere Informationen
Jan Philipp Reemtsma © picture alliance / dpa Foto: Daniel Reinhardt

Jan Philipp Reemtsma: Ein Hamburger Mäzen

Spätestens seit seiner Entführung kennt fast jeder seinen Namen. Seine Leidenschaft gilt der Literatur. mehr

Reemtsma: Nein, das natürlich nicht. Es gibt ja unendlich viele verschiedene Formen der Gewalt. Aber ich habe gerade über diese Form des Versuches, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, mit spektakulären Aktionen, aber auch mit Zerstörung. Auch der G20-Gipfel muss hier genannt werden. Das sind doch nicht Leute, die dieses aus einer Depression heraus tun und aus einer Ausweglosigkeit, weil sie nicht wissen, was sie sonst tun sollen. Nein, sie wollen, was sie wollen - und machen es dann.

Glauben Sie in diesem Zusammenhang an so etwas wie Moral?

Reemtsma: Ja, natürlich. Ich befürworte das ja gar nicht. Ich bin ein großer Anhänger der Zivilisation. Ich bin ein großer Anhänger von Fensterscheiben, die nicht eingeschlagen werden und ähnlichem. Aber deshalb möchte ich mich doch nicht vor einer genauen Betrachtung dessen, was passiert, drücken.

Glauben Sie an so etwas wie Gerechtigkeit? Das spielt bei Ihnen in mindestens einem Aufsatz eine große Rolle, wie Täter, wie Opfer vor allem in der Öffentlichkeit gesehen werden. Gibt es da eine Gerechtigkeit?

Reemtsma: Ja, Man muss nur wissen, wie man das genau bestimmt. In unserem Rechtssystem geht es darum, nach Maßstäben zu agieren und zu urteilen. Ohne das würde unsere Zivilisation gar nicht funktionieren. Das ist eine entscheidende Angelegenheit. Das heißt nicht, dass jeder, der von einem Gerichtsurteil betroffen wird, das einsehen und damit glücklich sein muss. Es muss nur insgesamt funktionieren.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Jan Philipp Reemtsma © picture alliance / dpa Foto: Daniel Reinhardt

AUDIO: Jan Philipp Reemtsma über "Helden und andere Probleme" (8 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 16.09.2020 | 18:00 Uhr