Stand: 13.11.2018 17:25 Uhr

EKD will Missbrauch aufarbeiten

Bisher hat die evangelische Kirche das Thema sexueller Missbrauch nicht zentral behandelt, doch das ändert sich nun. Auf ihrer Synode in Würzburg berät die EKD in diesen Tagen, wie sie mit solchen Fällen umgehen will. Nun stellte die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs den Bericht des Rates der Evangelischen Kirche vor. Jan Ehlert aus der Redaktion Religion und Gesellschaft ist in Würzburg vor Ort.

Herr Ehlert, wie will die evangelische Kirche nun die bekannt gewordenen Missbrauchsfälle aufarbeiten und wie will sie zukünftige verhindern?

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"Es sind wichtige Maßnahmen, mit denen etwas in Bewegung gerät", findet Jan Ehlert.

Jan Ehlert: Kirsten Fehrs hat einen Elf-Punkte-Plan vorgestellt, also elf Maßnahmen angerissen, wie zukünftig die Aufarbeitung und die Prävention passieren kann. Wobei man sagen muss, dass im Bereich der Prävention in der Vergangenheit schon einiges passiert ist. Es gibt ein Präventionsgesetz, was die Nordkirche auf ihrer letzten Synode verabschiedet hat. Nur der Punkt der Auseinandersetzung mit der Aufarbeitung ist bis jetzt etwas zu kurz gekommen.

Die für mich wichtigsten Punkte von diesen elf, das ist u.a. die Einrichtung einer zentralen unabhängigen Ansprechstelle für Betroffene, wo sich diejenigen melden können, die sexuellen Missbrauch innerhalb der evangelischen Kirche erlebt haben und sich nicht an Vertreter der Kirche selbst wenden müssen. Das hatte in der vergangenen Woche auch die unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs gefordert.

Desweiteren will die EKD zwei Studien in Auftrag gegeben: Eine, die das sogenannte Dunkelfeld ergründen soll, also den Bereich, in dem Missbrauch stattfindet, von dem bislang noch nichts bekannt geworden ist. Bislang weiß man von 480 Fällen - die Dunkelziffer liegt vermutlich weitaus höher. Eine zweite Studie soll sich der institutionellen Aufarbeitung widmen: Wie kann es sein, dass dieser Missbrauch nicht nur stattfand, sondern dass er verschwiegen und vertuscht wurde, dass nicht genau hingeschaut wurde? Hier regte Fehrs an, das Seelsorgegeheimnis in bestimmten Fällen aufheben zu können - mit Einverständnis der Betroffenen. Denn im Ahrensburger Fall 2010, wo ein Pastor über Jahre Kinder missbraucht hat, vertrauten sich die Betroffenen den Seelsorgern an, dort wurde es aber wegen des Seelsorgegeheimnisses nicht weitergeleitet.

Ein weiterer wichtiger Punkt: Es soll einen fünfköpfigen Beauftragtenrat geben. Es sollen also konkret Personen benannt werden, die nicht - wie bisher - nur für einzelne Landeskirchen sprechen, sondern für die gesamte evangelische Kirche als Verantwortliche für den Prozess der Aufarbeitung zuständig sind.

Das klingt nach einem ganzen Maßnahmenpaket. Reicht das aus Ihrer Sicht?

Ehlert: Es sind sicherlich wichtige Maßnahmen, mit denen etwas in Bewegung gerät. Und das ist der entscheidende Punkt, dass dieses Thema jetzt ganz stark in den Mittelpunkt gerückt wird. Ganz wichtig ist sicherlich der Punkt der unabhängigen Ansprechpartner. Das hat jetzt auch das Beispiel des katholischen Bistums Hildesheim gezeigt: Dort hatte der Bischof Heiner Wilmer Betroffene persönlich aufgerufen, sich bei ihm oder den unabhängigen Ansprechpartnern zu melden. Und das Bistum gab heute bekannt, dass sich dadurch ein weiterer Betroffener, inzwischen 70 Jahre alt, an das Bistum gewandt hat und erstmals davon erzählt hat, wie er vom damaligen Bischof Heinrich Maria Janssen sexuell gedemütigt wurde. Es gibt noch immer eine große Hemmschwelle von Betroffenen, sich zu melden - was ja auch verständlich ist -, und gerade dafür braucht es unabhängige Ansprechpartner.

Weitere Kritikpunkte, die man anmerken kann: Es ist immer noch nicht geklärt, ob Betroffene Akteneinsicht bekommen dürfen, um zu schauen, wer damals eigentlich was gewusst hat. Die ganz entscheidende Frage wird sein: Alle diese Maßnahmen helfen nichts, wenn der Mentalitätswandel nicht gelingt, wenn nicht das Umdenken innerhalb der EKD selber stattfindet, dass man sagt: Ja, es ist ein Thema, dem wir uns als Kirche stellen müssen, an dem wir als Kirche auch Schuld tragen und wo wir genauer hinschauen müssen, nicht nur was damals geschah, sondern auch was heute geschieht. Denn die ersten Missbrauchsfälle innerhalb der EKD wurden vor acht Jahren bekannt, weil Betroffene an die Öffentlichkeit gingen - nicht Mitarbeiter der Kirche. Innerhalb der Kirche wurde viel verschwiegen, viel vertuscht, und auch wenn mittlerweile viel passiert ist, insbesondere in der Nordkirche, gibt es immer noch zehn Landeskirchen, die keine unabhängige Kommission zur Aufarbeitung des Missbrauchs gebildet haben. Es gibt also immer noch viele, die nicht so genau hinschauen und sich mit diesem Thema auseinandersetzen wollen. Und da ist es gut, dass das jetzt von Kirsten Fehrs ins Zentrum der EKD gerückt wird, dass man sagt: Nicht die einzelnen Landeskirchen sind verantwortlich, sondern wir als evangelische Kirche Deutschlands.

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Gibt es schon erste Reaktionen auf den Bericht?

Ehlert: Eine ganz eindeutige Reaktion gab es hier auf der Synode selbst: Die Kirchenparlamentarier haben mit stehenden Ovationen auf diese Rede von Kirsten Fehrs reagiert und in sehr bewegenden Wortbeiträgen geschildert, wie stark sie das, was sie gehört haben, bedrückt und erschüttert hat. Es ist sicherlich auch Fehrs zu verdanken, dass dieses Thema überhaupt auf der Synode diesen Raum einnimmt.

Es gibt aber auch Kritik von Opferverbänden; einige Vertreter waren zwar eingeladen, reden durften sie hier aber nicht. Nun ist einer der Punkte in diesem Elf-Punkte-Plan die stärkere Partizipation von Betroffenen. Dass heute hier keiner da war, dass wieder über sie, statt mit ihnen geredet wurde, das muss man sicherlich kritisch sehen.

Ich persönlich hätte mir noch eine stärkere Auseinandersetzung damit gewünscht, warum diese Schritte erst jetzt kommen, denn Sätze wie: "Wir müssen uns als Kirche der Verantwortung stellen" - die haben wir auch vor acht Jahren schon gehört. Dass endlich darüber geredet wird, ist ein guter Schritt, aber es gibt einiges aufzuarbeiten, nicht nur in der Zeit vor 2010. Und daran, wie es jetzt weitergeht, wie diese Aufarbeitung stattfindet, daran wird sich die evangelische Kirche dann messen lassen müssen.

Das Interview führte Katja Weise

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 13.11.2018 | 19:00 Uhr