Kolbenhof-Areal in Hamburg-Ottensen © NDR Foto: Peter Helling

Jahrbuch "Architektur in Hamburg": Wie Alt und Neu harmonieren

Stand: 24.01.2021 06:00 Uhr

Wie sieht die Architektur von morgen aus? Über Trends für Hamburg informiert das aktuelle Jahrbuch "Architektur in Hamburg". Seit 1989 gibt die Hamburgische Architektenkammer das unabhängige und kritische Buch heraus.

von Peter Helling

Unterschiedliche Orte werden von unterschiedlichen Autoren besucht - um die interessantesten Bau-Entwicklungen in der Stadt zu beschreiben. Im nördlichen Ottensen ist ein Hotspot der Hamburger Stadtentwicklung. Claas Gefroi hat darüber einen Text im aktuellen Jahrbuch geschrieben, er nennt den Ort ein "Pionierprojekt".

Umgestaltung des Kolbenhof-Areals als "Pionierprojekt"

Claas Gefroi im Kolbenhof-Areal in Hamburg-Ottensen © NDR Foto: Peter Helling
Claas Gefroi schreibt im Jahrbuch "Architektur in Hamburg" über das Kolbenhof-Areal.

Der Wind pfeift über das Gelände. Lkw tragen Sand ab, der Regen prasselt. Jahrzehnte lang wurden hier Flugzeug- und Schiffskolben hergestellt. Das ist lange her. Auf einer weitläufigen Brache, dem sogenannten Kolbenhof-Areal, entstehen Visionen für die Stadt von morgen. So etwas beginnt manchmal mit einem Abriss. Zweistöckige Hallen, dahinter ragt wie ein großer weißer Zahn ein Hochhaus hinaus, wie Claas Gefroi es beschreibt: "Diese Maßstabs-Sprünge, diese Materialkontraste, so nah beieinander, das hat natürlich seinen ganz eigentümlichen Reiz."

Claas Gefroi zeigt auf die gestaffelten Backstein-Dächer, Klinkerwände, Schornsteine und dahinter: die weißen Scheiben des Hochhauses direkt über den Gleisen der S-Bahn Bahrenfeld. Ein vertrauter Anblick für jeden, der hier mal ausgestiegen ist oder hier wohnt. Jetzt wird das imposante Gebäude abgerissen.

Claas Gefroi bedauert das, dafür entsteht gleich nebenan etwas ganz Neues. Eine alte Fabrikhalle ist von innen hell erleuchtet, mitten im Dreck der Baustelle tut sich was. Es ist die Halle 7. Vor das historische Gebäude wurde ein neuer Anbau gesetzt. Der tut so, als wäre er alt - und fügt sich sehr elegant ein. Die neuen Backsteine erstrahlen selbst im Hamburger Nieselregen freundlich und warm. "Als hätte es hier immer schon gestanden, es ist modern, aber es fügt sich trotzdem perfekt in diesen alten Kontext ein", sagt Gefroi.

"Gelungener Mix aus Alt und Neu"

Im Architektur Jahrbuch wird dieser Ort als besonders gelungener Mix aus Alt und Neu beschrieben. Im alten Teil der Fabrikhalle findet man eine Schlosserei mit offenem Feuer, eine Tischlerei, eine Autowerkstatt, in der Oldtimer aufpoliert werden: Von oben fällt das Licht durch schräge Fabrik-Fenster. Perfekte Orte für schweißtreibende Arbeit. "Was eigentlich hier auffällt: Wie wunderbar wenig man hier gemacht hat. Das ist der eigentliche Clou, denn es ging nur darum auszubessern, wieder zu öffnen und diese anderen neuen Nutzungen hier rein zu bringen. Man wollte den Charakter des Alten erhalten", beschreibt Gefroi.

Gleich daneben: die verloren wirkenden Stirnseiten einer abgerissenen Halle, die auf ihr neues Zwischenstück warten. Noch erinnern sie an eine etwas halb abgebaute Filmkulisse. Noch, denn hier entsteht etwas ganz Neues. 675 Wohnungen, Büros, kleine Freiflächen, Höfe. Kleine Quartierparks seien eben auch wichtige Orte, betont Gefroi: "Orte, die man sich eigentlich überall in Wohngebieten viel stärker wünscht, als bisher." Gerade jetzt, gerade in Corona-Zeiten, wo immer mehr Menschen ihr Zuhause zum Büro machen müssen.

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Nähe von Wohnen und Arbeiten in gemischten Quartieren

Das Zauberwort heißt "gemischte Quartiere": die Nähe von Wohnen und Gewerbe. Das Architektur Jahrbuch 2020 zeigt die neuesten Trends und Tendenzen in Hamburgs Baulandschaft. Unabhängig und kritisch. "Es geht einfach darum, Impulse zu setzen, Dinge vielleicht auch anders zu sehen, und das muss manchmal auch nicht die Meinung einer Senatorin oder eines Oberbaudirektors, eines Architekten sein", sagt Gefroi.

Kolbenhof-Areal als Schaufenster ins Morgen

Heute heißt kluge Architektur immer öfter: Umnutzung des Alten. Hippe Beton- oder Glas-Geniestreiche mit großem Namen, also: viel Schein, wenig Sein? Die wirken schon fast wie Dinosaurier. "Es gibt auch Architektbüros und Planer, die mittlerweile sagen: 'Hört auf zu bauen, verbietet das Bauen - eigentlich gar kein Neubau mehr, sondern arbeitet mit dem Bestand'."

Im neuen Jahrbuch gibt es viele solcher Beispiele. Sie zeigen das Hamburg von morgen. Es wird Alt und Neu, Wohnen und Arbeiten, Café und Werkstatt, Kultur und Maloche - einander näher bringen. Und das Kolbenhof-Areal ist ein Schaufenster ins Morgen.

Architektur in Hamburg

von Hamburgische Architektenkammer (Herausgeber)
Seitenzahl:
240 Seiten
Zusatzinfo:
Jahrbuch 2020/21; 30 cm x 24 cm, 200 Farb- und Schwarz-Weiß-Abbildungen
Verlag:
Junius
Bestellnummer:
978-3-96060-526-3
Preis:
39,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 29.01.2021 | 19:00 Uhr