Stand: 08.11.2019 13:51 Uhr  - NDR Kultur

Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?

von Jürgen Kaube
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Jürgen Kaube

"Zukunft Bildung": Diesem wichtigen Thema widmet sich die diesjährige ARD-Themenwoche. Jürgen Kaube ist Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", ihr Bildungsexperte - und dreifacher Vater. Er ist kein Fan unseres Bildungssystems. Aus seiner Sicht werden die Schulen überfrachtet mit Erwartungen, die sie nicht erfüllen können - und es ihm zufolge auch gar nicht sollen. Nicht Schulen können die gesellschaftliche Zukunft sichern oder sozialen Aufstieg für alle garantieren, so Kaube. Im Zentrum des Unterrichts und damit der Bildungspolitik sollte vielmehr stehen: den Schülern das Denken beizubringen. Kaube kritisiert auch die Digitalisierungsfantasien und den Zentralismus im Schulsystem.

Keine Woche vergeht, in der nicht hitzig über die Schulen debattiert wird. Über Lehrermangel, über Sprachdefizite der Schüler, über die Forderung nach einem bundeseinheitlichen Zentralabitur, über die Verstärkung sozialer Ungleichheit durch das Bildungssystem, über die Digitalisierung der Schulen - und so weiter.

Falsche Erwartungen

Auffällig an solchen Debatten sind die Erwartungen, die sie an die Schulen herantragen. Mitunter entsteht nämlich der Eindruck, die Schulen sollen alles wieder gut machen, was der Gesellschaft missglückt. Durch Unterricht, so die Vorstellung, können die Probleme von armen Familien ebenso gelöst werden wie die der Einwanderungspolitik oder die von Stadtvierteln, die man "soziale Brennpunkte" nennt. Außerdem soll durch Unterricht der Wirtschaftsstandort gesichert werden. Die Schule soll überdies sozialen Aufstieg für alle ermöglichen und dabei auch noch für Toleranz, Umweltbewusstsein und digitale Kompetenz sorgen.

Der Sinn der Schule liegt dann jeweils außerhalb der Schule.

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Die Schule soll aufs Leben vorbereiten

Das sehen auf ganz eigene Weise auch viele Schüler so. Sie empfinden die Schule oft als einen Warteraum, in dem für sie vor allem Zeit vergeht. Das eigentliche Leben, diesem Eindruck können sich viele Schüler auch ihres Medienkonsums halber nur schwer entziehen, findet woanders statt. Das aber ist eine deprimierende Einsicht, wenn man beispielsweise bis zum Abitur etwa 15.000 Schulstunden in der Schule zu verbringen hat.

Schließlich die Eltern. Auch sie machen sich oft weniger Sorgen um das, was in der Schule stattfindet, sondern darüber, welche Folgen das für ihre Kinder hat. Schaffen sie den richtigen Abschluss? Genügt die Note für das Wunschstudium? Bereitet die Schule hinreichend auf die Berufswelt vor?

Früher hieß es viel allgemeiner: Die Schule soll aufs Leben vorbereiten. Das Leben aber erschöpft sich nicht im Berufsleben. Die Erwachsenen sind Wählerinnen und Konsumenten, sie sind religiös oder nicht, sie lieben, kochen, schließen Verträge und werden krank, gehen auf Reisen oder gehen ins Theater und gründen vielleicht eine Familie. Auch auf dieses Leben bereitet die Schule vor.

Doch wodurch tut sie das? Die Antwort ist schon in den Bildungsreformen um 1800 gegeben worden, die das moderne Schulsystem begründet haben. Wenn die Zukunft eines Individuums unbekannt ist, so hieß es damals, weil es in seinem Lebenslauf nicht einfach den Spuren seiner Eltern oder seines Standes folgen wird, muss Erziehung auf alle denkbaren Zukünfte vorbereiten. Die Schulen sollten unterrichten, was unter allen Umständen und in jeder Zukunft nützlich ist.

Wissen vermitteln und ins Denken einüben

Was aber ist unter allen Umständen nützlich? Die Antwort hierauf hat zwei Teile.

Zum einen sind Lesen-, Schreiben-, Reden- und Rechnenkönnen in jeder Zukunft nützlich. Ohne diese Kulturtechniken findet man sich heute in keiner denkbaren Welt zurecht. Zum anderen ist die Fähigkeit, über die Welt nachzudenken, in jeder Zukunft nützlich. Da man aber die ganze Welt nicht kennen kann, was auch schon vor 200 Jahren so war, wurde der Bildungsbegriff um den Gedanken ergänzt, dass Bildung dort vorliegt, wo jemand sich von einem bestimmten Punkt aus die Welt erschließen kann. Die Aufgabe der Schule ist es darum, an exemplarischen Weltausschnitten ins Denken einzuüben.

Das geht nicht, ohne zuvor Wissen zu vermitteln. Denn alles Denken ist "gebietsspezifisch". Die Fähigkeit, ein Problem zu lösen, hängt immer von vorhandenem Wissen und gemachter Erfahrung ab. Die Lösung eines mathematischen Problems erfordert dabei andere Fertigkeiten und Kenntnisse als die eines historischen, eines chemischen oder eines musikalischen Problems. Das Denken folgt aber stets dem Wissen, das Können folgt stets dem Geübt-Haben.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 10.11.2019 | 19:00 Uhr

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