Stand: 29.04.2016 15:42 Uhr

Eine Medizin namens Tanzen

von Silke Rudolph
Prof. Dr. Gunter Kreutz von der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg. © Universität Oldenburg
Professor Gunter Kreutz sieht im Tanzen einen Segen - der viel zu selten genutzt wird.

"Der ideale Abgang von dieser Welt ist auf einer Tanzfläche", findet Professor Gunter Kreutz. Er forscht an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Dort lehrt er seit 2008 Systematische Musikwissenschaften. Dabei interessieren ihn besonders psychologische, körperliche und soziale Bedeutungen von Musizieren, Singen und Tanzen unter Laien - ein Interview zum Welttanztag und zum Tanz in den Mai am Sonnabend.

NDR Niedersachsen: Herr Kreutz, am Wochenende tanzen wieder Millionen in den Mai. Am Freitag ist auch der von der UNESCO ausgerufene Welttag des Tanzes. Was halten Sie davon?

Gunter Kreutz: Im Grunde sehe ich das positiv, weil endlich auch ein Phänomen die Aufmerksamkeit bekommt, die es tatsächlich verdient. Tanzen hat mehr mit unserem Leben zu tun, als es zunächst oberflächlich erscheint.

Wird Tanzen unterschätzt?

Kreutz: Ja, es wird total unterschätzt. Man fragt sich, wo sind eigentlich die ganzen Tänzer? Wo sind die ganzen Männer? Es ist in Tanzschulen ähnlich wie beim Singen: Auch Chöre bestehen zu zwei Dritteln aus Frauen.

Woran liegt es, dass Männer weniger tanzen?

Kreutz: Schwierig zu sagen, welche kulturelle Entwicklung dahinter steckt. Eine natürliche Affinität je nach Geschlecht, mal mehr, mal weniger zu tanzen, sehe ich jedenfalls nicht. Denn schon bei den Hominiden (Menschenaffen, Anmerkung der Redaktion) spielt Tanzen eine wichtige Rolle für den Gruppenzusammenhalt.

Aber nicht alle können tanzen, oder?

Kreutz: Das ist ganz verbreitet: Man redet sich selbst ein, dass man etwas nicht kann. Psychologen nennen das "self-handicapping". Eine wohl kulturell bedingte Vermeidungsstrategie: Man meint, mehr mit rezeptiven als mit produktiven Angeboten glücklicher zu werden. Aber das Gegenteil ist der Fall: Bewegung ist der allerbeste Stimmungsaufheller, den es gibt. Aber wir sind süchtig nach allem, was von irgendwelchen Oberflächen, Bildschirmen, Lautsprechern kommt: Wir sind Junkies. Dabei hat Tanzen auch Suchtpotential, aber eben nur mit positiven Nebenwirkungen.

Welche denn?

Kreutz: Tanzen verbindet Menschen, egal welchen Alters, welchen Geschlechts, welcher Nationalität und Kultur. Die menschlichen Unterschiede fallen beim Tanzen nicht so sehr ins Gewicht, die Gemeinsamkeiten sind viel wichtiger: Spaß zu haben und etwas zu erleben.

Tanzen wir heutzutage zu wenig?

Kreutz: Ja, absolut. Mit Tanzen kann man andere nicht täuschen. Gemeinsam zu tanzen, schafft Vertrauen. Gerade wenn jetzt Menschen aus fremden Kulturen zu uns kommen, erzeugt das auch Misstrauen. Und die kulturellen Techniken wie Singen, Tanzen, und Musizieren bieten Möglichkeiten, sich vertrauensvoll zu begegnen, auf sehr menschliche Art.

Aber so ganz automatisch wird das ja kaum funktionieren.

Kreutz: Das ist eine Generationenaufgabe. Das geht im Kindergarten los. Man trifft dort auf bewegungsbegeisterte, offene Kinder, die sich sehr gut anleiten lassen. Dann, in den Grundschulen, sind die Klassen so heterogen wie nie. Die Politik verlangt, dass die Kinder gemeinsam lernen, möchte Inklusion und Integration. Dann muss sie auch dafür sorgen, dass Werte geteilt werden, dass die Kinder gemeinsam etwas erleben. Da landet man automatisch beim Tanzen, denn jeder hat diese Fähigkeit in sich drin. Wir brauchen noch nicht mal irgendwelche Geräte, nur unseren Körper, unsere Sinne. Tanzen ist etwas, mit dem man Menschen erreichen kann, auf eine positive Art.

Wie kann das gelingen?

Kreutz: Nicht, indem man von jetzt auf gleich einen Schalter umlegt: "So jetzt fangen wir alle an zu tanzen", das wird nicht funktionieren. Der Mensch ist träge, und wenn er mit seiner Erziehung durch ist, gibt es nur noch wenig Varianz. Wir müssen bei den Kindern anfangen, das lohnt sich auch gesundheitlich.

Inwiefern?

Kreutz: Tanzen stärkt die Muskeln und die Koordination, zeigen einzelne Studien. Insgesamt beschäftigt sich die Wissenschaft aber wenig damit, wie sich Tanzen auf die menschliche Entwicklung und Gesundheit auswirkt. So sollten Menschen mit Parkinson es auch mal mit Tanzen probieren. Zum Beispiel mit Rollator-Tanzen, wie es Tanzschulen anbieten. Studien haben gezeigt, dass Menschen, die tanzen, im Alltag weniger stürzen und damit oft auch selbstbestimmter leben können. Gerade in den Zeiten von Pflegenotstand ist das unheimlich wichtig. Unser Ziel ist es doch, bis ins hohe Alter ein erfülltes Leben zu haben. Ich finde, der ideale Abgang von dieser Welt ist auf einer Tanzfläche. Irgendwann brechen wir beim Tanzen bewusstlos zusammen und sinken in die ewigen Jagdgründe. Das ist doch eigentlich das, was wir uns wünschen.