Stand: 04.08.2020 16:56 Uhr

Sommerliche Musiktage: "Das Kämpfen hat sich gelohnt"

Oliver Wille ist Geiger, Professor für Kammermusik an der Musikhochschule Hannover und im Projektbeirat des Deutschen Musikwettbewerbs. Er hat zudem die künstlerische Leitung des Internationalen Joseph-Joachim-Violinwettbewerbs Hannover übernommen und ist Intendant der Sommerlichen Musiktage in Hitzacker. Im Interview spricht er über das älteste Kammermusfestival Deutschlands, das im Jubiläumsjahr gezwungenermaßen ganz anders aussieht als zuvor.

Herr Wille, Sie feiern mit den Sommerlichen Musiktagen 75. Geburtstag. "Nähe durch Abstand" - so bringen Sie Ihr Corona-Sicherheitskonzept auf den Punkt. Wie sieht das aus?

Oliver Wille, Intendant Sommerliche Musiktage Hitzacker, im Porträt. © picture alliance/Julian Stratenschulte/dpa Foto: Julian Stratenschulte
Oliver Wille ist Intendant der Sommerlichen Musiktage Hitzacker.

Oliver Wille: Wir mussten reduzieren - ganz klar. Wir haben die Bühne ganz woanders positioniert: genau in der Mitte eines relativ breiten wie langen Saals. Wir haben in Zweier-Stühlen um die Bühne herum gebaut, fast wie eine parlamentarische Anordnung, und konnten somit in den bisher 650 Leute fassenden Saal etwa 150 hineinlassen - mit dem gebotenen Abstand, den unsere Hygieneverordnung und die Verordnung des Landes Niedersachsen zulässt.

Zusätzlich gibt es eine neue Open-Air-Bühne im benachbarten Kurpark. Dort können wir bis zu 350 Leute unterbringen. Durch das Mitmachen und den Beistand sowohl aller Organisatoren als auch der Künstlerinnen und Künstler werden die meisten Konzerte zweimal gespielt. Somit haben wir 600 Zuhörer statt 300 und kommen durch 37 Veranstaltungen in neun Tagen auf eine gewohnte Dichte von Konzerten und Musikvermittlungsveranstaltungen. Ich bin sehr glücklich und allen dankbar, die mir Rückenwind gegeben haben, dass wir fast als einziges deutsches Festival nicht abgesagt haben.

Sie feiern Halbzeit bei den Sommerlichen Musiktagen. Wie sieht Ihr Fazit nach den ersten Tagen aus?

Wille: Ich glaube, dass wir trotz allem Gegenwind alles richtig gemacht haben. Dieser Moment, in dem der erste Ton wieder erklang und viele Menschen Tränen in den Augen hatten - allein das gibt mir die Sicherheit, dass das Kämpfen sich gelohnt hat. Wir können zeigen, wie unter diesen Umständen Musikfestival funktionieren kann. Die Leute sind unglaublich diszipliniert. Wir haben sehr strenge Regeln im Ein- und Auslass, die Masken dürfen erst abgenommen werden, wenn das Konzert beginnt, alle müssen hinterher sitzen bleiben und dürfen nur in einer bestimmten Reihenfolge wieder aus dem Saal hinaus. Das funktioniert reibungslos - es gibt niemanden, der sich auch nur ein bisschen widersetzt.

Ist Musikgenuss so überhaupt noch möglich? Kann man sich völlig in Klängen verlieren, wenn man eine Maske tragen muss? Wie ist das Feedback Ihrer Besucherinnen und Besucher?

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Isabelle Faust bei den Sommerlichen Musiktagen Hitzacker 2020 © NDR.de Foto: Marcus Stäbler

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Wille: Im Konzert muss keiner Maske tragen. Alle sitzen durch diese neue Anordnung relativ dicht dran. In der Mitte des Saals ist die Bühne und drumherum sitzen die Leute. Es gibt keine schlechten Plätze, und man sitzt neben seinem Partner, seiner Partnerin oder allein auf diesen Zweier-Stühlen. Es ist eine luftige Bestuhlung, die aber im Saal gar nicht so weit voneinander entfernt scheint. Die Atmosphäre ist unglaublich dicht, keiner hustet, alle sind hochkonzentriert und genießen die Musik, genauso oder noch intensiver als vorher. Die Sicherheitsmaßnahmen kommen erst wieder in das Bewusstsein, wenn man den Saal wieder verlässt. Ich glaube, der Musikgenuss ist absolut ungestört, denn die Reaktion ist fantastisch. Wir entdecken jetzt, dass diese Bühnenanordnung akustisch sogar noch besser ist als die im Saal vorgesehene. Dadurch sind alle unglaublich glücklich und dankbar.

Und wie geht es den Musikerinnen und Musikern?

Wille: Für viele ist es das erste Konzert mit Publikum seit Langem, und man merkt, wie groß die Vorfreude ist und wie aufgeregt alle sind. Alle waren unglaublich flexibel, denn die Programme mussten teilweise verändert und etwas komprimiert werden. Denn wenn man zweimal spielt, kann man nicht 90-Minuten-Programme spielen. Sie sind ungefähr 60 bis 70 Minuten lang, ohne Pause, und werden dann noch einmal gespielt. Ich war in einigen Konzerten zweimal und habe erlebt, wie viel entspannter die Künstlerinnen und Künstler beim zweiten Mal sind und wie hochkonzentriert dieses erste Spielen vor Publikum, dieses gemeinsame Erleben von Hochkultur ist und auch wahrgenommen wird.

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Wille: Ich habe nicht darüber nachgedacht, hatte aber schlaflose Nächte. Es ist nicht so, dass ich größenwahnsinnig geplant und sämtliche Gefahren ignoriert habe - im Gegenteil. Ich hatte gehofft, dass die Zeit für uns spielt; ich hatte das sehr genau beobachtet. Ich habe vermisst, dass die Politik mit uns kommuniziert und über Perspektiven spricht, sodass wir die ganze Zeit im Dunkeln geplant und auf eine Verordnung gehofft haben, die absehbar war. Ich habe gehofft, dass eine zweite Welle nicht zu früh einsetzt und dass die Zahlen weiter runtergehen.

Das ist ein gutes Stichwort. Nach einer neuen Einschätzung des Ärzteverbandes Marburger Bund hat die zweite Welle Deutschland bereits erfasst. Besorgt Sie das in Bezug auf Ihr Festival?

Wille: Das besorgt mich natürlich. Auf der anderen Seite beruhigt es mich, dass nicht gleich wieder ein Lockdown stattfindet, sondern dass die lokalen Ausbrüche immer noch sehr gut unter Kontrolle sind, dass man sofort erfasst, wer mit wem zu tun hatte. Ich habe im Vorfeld sehr viel mit Ärzten, Virologen und Infektionsbiologen gesprochen. Wir hatten auch schon am ersten Tag, nachdem das möglich war, in Hannover Konzerte gespielt, und die waren gut vorbereitet. Meiner Erfahrung nach ist es so, dass der Weg zum Konzertsaal gefährlicher ist als das Konzert selbst. Ich hoffe, dass das Festival ohne Stopp zu Ende gehen kann, ohne diese zweite Welle, die uns erfassen könnte. Ich glaube nicht, dass das passiert, und ich hoffe, dass das alle genauso sehen.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich.

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Jens Spahn (CDU), Bundesminister für Gesundheit, schaut bei einem Rundgang in die Produktionsstätten von Allergopharma in Reinbek bei Hamburg. © picture alliance/dpa/dpa/Pool Foto: Christian Charisius

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.08.2020 | 19:00 Uhr