Stand: 17.07.2018 10:20 Uhr

Ingo Schulze: Für die Freiheit der Kunst

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Ingo Schulze gehört zu den ersten Unterzeichnern der Brüsseler Erklärung.

Politiker und Kunstschaffende in Deutschland schlagen Alarm. Sie befürchten, dass rechtskonservative Parteien in Europa die Kultur zunehmend missbrauchen, um ihre Ideologien zu verbreiten. Die Petition "Brüsseler Erklärung - für die Freiheit der Kunst" plädiert nun dafür, dass Kunst frei sei, "sie muss nicht gefallen, sie darf nicht dienen". Auch der Schriftsteller Ingo Schulze hat unterschrieben. Im Gespräch mit NDR Kultur erklärt er, warum.

Herr Schulze, was gab Ihnen den Impuls, die "Brüsseler Erklärung - für die Freiheit der Kunst" zu unterzeichnen?

Ingo Schulze: Dafür gibt es eine ganze Menge von Gründen. Für mich ist es hauptsächlich ein Akt der Solidarität mit den Kolleginnen und Kollegen in Polen und Ungarn. Man muss dies aber auch auf Österreich ausdehnen, wo der Staat explizit Dinge fordert, die, werden sie nicht erfüllt, Kürzungen zur Folge haben.

In Deutschland sprechen rechtsnationale Bewegungen aber auch davon, eine "Entsiffung" des Kulturbetriebs in Angriff nehmen zu wollen oder auch linksliberalen Vielfaltsideologien, zum Beispiel im Theater, die Subventionen zu streichen. Handelt es sich darum um Provokationen Einzelner?

Schulze: Nein, also wenn es da eine parlamentarische Mehrheit für solche Positionen gibt, dann wird es nicht anders sein als in Österreich, Ungarn oder Polen. Ich denke nicht, dass es zu diesen parlamentarischen Mehrheiten kommen wird. Ich finde es durchaus richtig, dass die Gesellschaft Anforderungen an die Künste stellt, was aber auch ständig durch Rezensionen oder Kritiken passiert. Allerdings ist dieses staatlich-politisch Instrumentalisierte natürlich etwas, das überhaupt ich geht.

Es wird immer wieder gemahnt, mehr miteinander zu sprechen und unterschiedliche Positionen auszutauschen, gerade weil sich unsere Gesellschaft immer mehr in Lager teilt oder zu teilen scheint. Gehen Sie denn selbst offensiv in solche Diskussionen? Kann man mit einer Petition eigentlich eine Diskussion bewirken?

Schulze: Nein, man kann zunächst eine Stellung beziehen und versuchen, etwas, das als eine reale Gefahr empfunden wird, ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rufen. Dort, wo sich die Gelegenheit bietet, versuche ich dies zu tun. Das ist nicht immer einfach, weil die Gesprächssituation oftmals so ist, dass Moderatoren oder das Publikum nicht weiterdiskutieren wollen. Ich finde es immer wichtig nachzufragen, was genau gemeint ist. Was verstehen sie unter Kultur? Was meinen sie mit "Versiffung" und solchen Ausdrücken? Ich habe die Erfahrung in Dresden gemacht, dass, wenn man nachhakt, ein solches Gespräch oftmals gar nicht gewollt ist. Je konkreter etwas wird, desto besser lässt sich darüber sprechen. Irgendwann ist dann oftmals ein Punkt erreicht, an dem man Farbe bekennen muss - auf beiden Seiten natürlich. Das heißt nicht immer, dass man als Sieger vom Platz geht, doch dieser Versuch des Nachfragens und der Auseinandersetzung, der ist sehr wichtig und wird aus meiner Sicht heute viel zu wenig unternommen.

Machen Ihnen diese Prozesse Angst?

Schulze: Angst nicht, nur bereitet mir unsere demokratische Seite oftmals Sorge. Wir suchen viel zu selten die Konfrontation. In diese Richtung muss sehr viel mehr passieren. Es ist ja nicht so, dass wir in der besten aller Welten leben. Ich habe vielmehr Angst vor falschen Alternativen, also solchen zwischen neoliberal und nationalkonservativ. Gestern Abend saß ich in Thüringen in einem Bistro und da hörte ich jemanden am Nebentisch sagen, dass für das Erstarken der AfD jeder Einzelne verantwortlich sei - und das finde ich auch.

Das Interview führte Petra Rieß.

Der Schiftsteller Ingo Schulze im Studio von NDR Kultur. © NDR Foto: Pascal Strehler

Ingo Schulze über die "Brüsseler Erklärung"

NDR Kultur - Matinee -

Mit der Petition "Brüsseler Erklärung" plädieren Politiker und Kunstschaffende für die Kunstfreiheit. Sie stellen sich damit gegen rechtsnationale Regierungen in Österreich und Polen.

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