Cornelia Zetzsche © Bayerischer Rundfunk

Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2021: "Jung, weiblich, bunt"

Stand: 16.06.2021 16:41 Uhr

Wer gewinnt den diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis? Heute beginnt das Wett-Lesen in Klagenfurt - eine Veranstaltung mit "kleinen Revolutionen", erzählt Cornelia Zetzsche, Kulturredakteurin des BR, im Interview.

Cornelia Zetzsche © Bayerischer Rundfunk
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Frau Zetzsche, Sie haben sich im Vorfeld schon mit vielen der teilnehmenden Autorinnen und Autoren unterhalten. Welchen Eindruck haben Sie von diesem Jahrgang?

Cornelia Zetzsche: Ich habe den Eindruck, der ist sehr jung, sehr weiblich, sehr bunt - auch im Hinblick darauf, dass das Lyrikerinnen sind, Theaterleute, Hörspieler, Fotograf*innen. Das verspricht eine große stilistische Vielfalt. Es gibt mit Heike Geißler, dem Musiker Timon Karl Kaleyta oder dem Theatermann Necati Öziri drei bekannte Namen. Ansonsten sind fast alle unbekannte Stimmen. Die beiden jüngsten sind 25 Jahre alt: die Klagenfurterin Verena Gotthardt, die extra aus Wien ins Elternhaus zurückfährt, damit sie in Klagenfurt den Wettbewerb erleben kann, und Katharina Johanna Ferner, auch ein völlig unbekannter Name. Viele der Autoren sind vielsprachig: Persisch, Polnisch, Türkisch sind im Spiel. Magda Woitzuck etwa ist mit Polnisch aufgewachsen. Sie sagt, sie schreibe Deutsch, sie Träume und denke aber Deutsch, Polnisch, Spanisch und Englisch. Zugleich gibt es die Gegenbewegung von Necati Öziri mit türkischen Hintergrund, der sagt: Ich mache deutsche Literatur, ich schreibe auf Deutsch und Punkt. Bei manchen verfließen die Grenzen - das sieht man an der Autorin Nava Ebrahimi die in Graz lebt. Sie tritt an für Deutschland, Iran und Österreich - die Nationalitäten spielen also gar nicht mehr so eine große Rolle. Mein erster Eindruck ist eine große Buntheit, sehr viel Jugend, sehr viele Frauen. Neun von 14 Kandidat*innen sind Frauen.

Das ist ja für eine Traditionsveranstaltung wie den Ingeborg-Bachmann-Preis fast schon perfekt, in Zeiten, wo ganz viel über dieses Gendergerechte und Diverse in der Literatur diskutiert wird. Ist das neu? Oder beobachten Sie das schon seit vielen Jahren?

Zetzsche: Ich beobachte das eigentlich seit vielen Jahren. Ich finde, dass der Bachmann-Preis, der ja stilgebend, richtungsweisend ist, schon immer die Diversität ins Spiel gebracht hat. Es war schon immer so in etwa halbe-halbe. Das Ungleichverhältnis bestand eigentlich nur darin, dass es oft viele Berliner Autorinnen gab und zu wenig Schweizer. Diesmal sind zwei Schweizer im Rennen, aber ich habe noch nie einen Schweizer gewinnen sehen, obwohl ich schon lange die Sache verfolge. Es sind kleine Revolutionen, die aber in Klagenfurt ganz normal wirken.

Man hat sich schwer getan mit diesem digitalen Format, das war letztes Jahr sehr umstritten. Ich glaube, dass es gut war, dass das stattgefunden hat und der Bachmann-Preis nicht einfach dem Rotstift zum Opfer gefallen ist. Und jetzt wird es so ein Hybrid werden: die Jury vor Ort und die Lesungen aufgezeichnet. Wir werden also Konserven sehen. Man könnte meinen, die Autorinnen können sich jetzt zurücklehnen, aber sie sind alle sehr nervös.

Der Live-Charakter macht eigentlich den Reiz dieses Wettbewerbs aus, die Inszenierung spielt eine wichtige Rolle. Das fällt jetzt weg. Inwiefern wird das den Wettbewerb beeinflussen?

Zetzsche: Es fällt ja nur dieses Lampenfieber vor dem Live-Lesen weg. Aber die Jury ist vor Ort und diskutiert wieder wie eh und je. Und für viele hängt etwas davon ab. Es sind Texte eingereicht, die speziell für die Tage der deutschsprachigen Literatur verfasst worden sind. Es gibt Texte, die von der Jury initiiert worden sind, und es gibt andere Autoren wie den Münchner Leander Steinkopf, der hofft, dass seine Texte aus der Schublade einen Verlag finden. So war das auch früher mal, aber zwischendrin hat sich das geändert. Für alle hängt also etwas davon ab. Selbst jemand wie Kaleyta, der ja großes Publikum gewohnt ist, hat gesagt: Jetzt merke ich doch, dass ich sehr nervös bin, denn ich brauche die Anerkennung von Institutionen wie dem Bachmann-Preis.

Diese Texte werden streng geheim gehalten. Lässt sich aus dieser jungen, diversen, weiblichen Autorinnenschaft etwas über die Texte, die da vorgetragen werden, ableiten?

Zetzsche: Nicht wirklich. Ob eine Katharina Johanna Ferner, die mit Naturlyrik arbeitet, mit Dialekt experimentiert, das auch in dem Klagenfurter Text machen kann, hat sie mir nicht verraten. Ob ein Necati Öziri, der mit einer rhythmischen Theatersprache Furore gemacht hat, die auch in Prosa umsetzt - keine Ahnung. Rausgekriegt habe ich nur, dass Magda Woitzuck, deren erster Roman ein Psychothriller war, uns wieder eine Leiche liefert. Dass Timon Karl Kaleyta wieder an seiner eigenen Biografie entlangschreibt, diesmal allerdings einen berechnenderen Helden bringt und einen ernsteren Stoff. Und dass Nava Ebrahimi einen szenischen Text vorträgt. Aber ich kann mich nur auf das Jury-Votum verlassen. Jurymitglied Klaus Kastberger verspricht allergrößte Vielfalt und Jury-Sprecherin Insa Wilke spricht auch von thematischer Vielfalt und Strenge in der Form. Also lassen wir uns überraschen.

In der Jury gibt es Veränderungen: Die Literaturkritikerin Mara Delius und die Schriftstellerin Vea Kaiser ersetzen die ehemaligen Jurymitglieder Hubert Winkels und Nora Gomringer. Inwiefern werden diese Neuzugänge den Wettbewerb prägen können?

Zetzsche: Ich hoffe, dass sie es tun. Mit dem scheidenden Jury-Vorsitzenden Hubert Winkels hatten wir viel professorale Monologe, und ich glaube, dass Insa Wilke das Gesprächsmoment noch mehr fördern kann. Ich bin neugierig, wie sich die zwei jungen, sehr profilierten Jurorinnen behaupten werden, denn von der Jury hängt viel ab. Sie sind das Live-Element, sie haben die Autor*innen eingeladen. Wir können der Jury beim Denken zuhören, beim Meinungsbildungsprozess zuschauen. Preise gibt es viele, aber das ist der einzige, wo die Urteile so transparent werden: Wie es ein Text gearbeitet, welche Kriterien gelten für die Jury, was ist zwischen den Zeilen zu lesen? Es ist zum ersten Mal eine weibliche Übermacht in der Jury, und Klaus Kastberger wird sicherlich wieder für den Humoranteil und für Zwischenrufe sorgen. Ich glaube, dass da mehr Schwung reinkommt.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 16.06.2021 | 18:00 Uhr