Stand: 22.12.2017 00:00 Uhr

In memoriam Heinrich Böll

von Joachim Dicks

Am 21. Dezember 1917 wurde der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll ins letzte Kriegsjahr hineingeboren. Kaum 20 Jahre später wurde er als Soldat in den nächsten Krieg geschickt. Als er ihn überlebte, stand für ihn fest, er wolle Schriftsteller werden. Und zwar als Pazifist. Dass er der erste deutsche Schriftsteller nach 1945 sein würde, der den Literaturnobelpreis erhalten sollte, konnte er nicht ahnen.

Böll in Bildern

Ein typischer Böll-Satz. Kurz, knapp, prägnant. Mit klarer Haltung:

Mir ist ein guter Straßenfeger immer lieber gewesen als ein schlechter Fuhrpark-Direktor. Und umgekehrt. Heinrich Böll

Die einfachen Leute waren ihm immer am nächsten und am liebsten. Legendär die Geschichte, als er 1972 bei der Entgegennahme des Literaturnobelpreises erst kurz vor der Veranstaltung entschieden hat, der Etikette Genüge zu tun und einen Frack anzuziehen: "Wenn ich eine politische Leidenschaft habe, dann ist es das Demokratische bzw. das Republikanische. Manches, was mir so widerfährt, ist mir zu privilegiert. Positiv und negativ. Möglicherweise das, was sie mit dem Frack ausdrücken wollen, das empfinde ich nicht als abfällig, hängt damit zusammen, dass ich einfach nicht repräsentativ sein kann. Das ist kein Verdienst, das ist keine Bescheidenheit. Und das Gegenteil wäre auch kein Hochmut. Ich bin es einfach nicht."

Der freie Schriftsteller

Politisches Engagement und literarisches Schaffen waren für Heinrich Böll immer eins. Jenseits von Parteizugehörigkeit allerdings. Vereinnahmen lassen wollte er sich nie: "Ich glaube, dass der Schriftsteller, der sogenannte Freie Schriftsteller, eine der letzten Positionen der Freiheit ist. Wo die Freiheit bedroht ist, ist die Sprache bedroht und umgekehrt. Die Bedrohung fängt immer mit Sprachregelungen an und als zweites kommen dann die Bildenden Künste dran. "

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Am Grab von Heinrich Böll fand zu dessen 100. Geburtstag eine kleine Gedenkveranstaltung und Kranzniederlegung statt.

Er selbst hatte es am eigenen Leib erfahren. Nach seinem "Spiegel"-Artikel "Will Ulrike Meinhof Gnade oder freies Geleit?" unterstellten ihm verschiedene Medienvertreter Sympathisantentum mit der RAF. In der Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" klagte er die Hetzkampagnen der Boulevard-Presse an. Bis heute wurden weltweit 2,7 Millionen Exemplare dieser Erzählung verkauft. Seine großen Romane "Billiard um halbzehn", "Ansichten eines Clowns" und "Gruppenbild mit Dame" machten Heinrich Böll berühmt. Es war aber vor allem die kurze Form, die Short Story, die er selbst sehr schätzte:

"Diese Form, die Kurzgeschichte, ist mir die liebste. Ich glaube, dass sie im eigentlichen Sinn des Wortes modern, das heißt gegenwärtig ist, intensiv, straff, sie duldet nicht die geringste Nachlässigkeit. Und sie bleibt für mich die reizvollste Prosaform, weil sie auch am wenigsten schablonisierbar ist. Vielleicht auch, weil mich das Problem Zeit sehr beschäftigt, und eine Kurzgeschichte alle Elemente der Zeit enthält: Ewigkeit, Augenblick, Jahrhundert."

Der Glaube an die Kraft der Literatur

Eine schöne kleine Radio-Anekdote, von Böll erzählt, passt dazu: "Es ist ein ganz verhängnisvoller Irrtum, wenn etwa ein Redakteur zu einem Autor sagt, schreiben Sie uns doch einmal eine Kurzgeschichte. Sie können das doch. Es ist ungefähr so, als würde er sagen, holen Sie mal eben eine Sternschnuppe."

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Heinrich Böll in seiner Wohnung in Bornheim/Merten. Heißgetränke und Zigaretten waren zum Schreiben für ihn unerlässlich.

Interessant ist auch, was Böll über das Wesen eines guten Schriftstellers gesagt hat: "Ich glaube, er muss nur die Elemente des menschlichen Lebens kennen. Und die muss er, so scheint mir, spätestens bis zum Ende seines 21. Lebensjahres kennen. Im Zustand verhältnismäßiger Unschuld und Naivität. Was er später lernt, hat zu sehr Bildungscharakter, und ich glaube, Bildung im bürgerlichen Sinne schadet jedem Künstler oder zwingt ihn zu völlig überflüssigen Umwegen."

Beim Schreiben selbst pflegte er einen asketischen Arbeitsstil, abgesehen von ein paar Kleinigkeiten. Man beachte die Reihenfolge: "Beim Schreiben selbst brauche ich nur ein ruhiges Zimmer, sehr viel Zigaretten, alle zwei Stunden eine Tasse oder Kanne Kaffee und eine große Flasche Kölnisch Wasser und eine Schreibmaschine."

Ein Glaubensbekenntnis ist er nicht müde geworden abzulegen, so sehr er sich auch von der Institution der Katholischen Kirche entfernt hatte. Und daran sollten auch wir, seine Nachfahren, unbedingt festhalten: "Ich glaube noch, dass es möglich ist, das, was man autoritäre Strukturen nennt, religiöse, politische, ideologische, dass die noch durch die Literatur, die herkömmliche, gesprengt werden können. Das glaube ich immer noch."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 21.12.2017 | 16:20 Uhr

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