Stand: 13.08.2020 19:49 Uhr

Idealer Reiseführer in Corona-Zeiten: "Handbuch für Zeitreisende"

"Die goldene Ära des Zeitreisens ist angebrochen. Zeitreisen sind heute sicherer, komfortabler und erschwinglicher denn je." So beginnt das "Handbuch für Zeitreisende", das uns zurückführt vom Fall der Mauer bis zu den Dinosauriern. Verfasst haben den nützlichen Reiseführer der Astronom und Wissenschaftsautor Aleks Scholz und die - wie sie sich selbst bezeichnet - "Sachbuchautorin und Sachenausdenkerin" Kathrin Passig.

Ihr "Handbuch für Zeitreisende" ist ein "Loblied der Zeitreise". Warum? Was macht Zeitreisen so reizvoll?

Kathrin Passig © picture alliance/dpa Foto: Arno Burgi
"Ich kann nur davon abraten, Zeitreisen nur zum Zweck des Besserwissens zu unternehmen", warnt Kathrin Passig.

Kathrin Passig: Auf diese Frage gibt es viele verschiedene Antworten. Angefangen mit der einfachsten: Ich habe - wie viele Menschen - schon immer gerne über Zeitreisen nachgedacht. Mit dieser Vorstellung im Hinterkopf, dass eine Zeitreise optimal für Leute ist, die gerne besserwissen, weil man in eine Zeit zurückreisen würde, in der die anderen Leute viel weniger wissen. Das klang mir nach einer sehr bequemen Situation.

Mir ist aber schon lange vor dem Schreiben klargeworden, dass es so überhaupt nicht ist. Ich kann nur davon abraten, Zeitreisen nur zum Zweck des Besserwissens zu unternehmen. Erstens funktioniert das nicht und zweitens macht man sich damit genauso unbeliebt wie in der Gegenwart.

Wie geht das überhaupt mit dem Zeitreisen? Wenn ich zum Hauptbahnhof gehe und sage, ich würde gerne ins Mittelalter reisen, habe ich wenig Erfolg, oder?

Passig: Das kommt drauf an, wo und vor allem wann dieser Hauptbahnhof ist. Vielleicht wird diese Sendung auch mal später oder woanders gehört, und dann kann das schon ganz anders aussehen. Unser Buch spielt in einer Gegenwart oder Zukunft - schwer zu sagen -, in der es Zeitreisen gibt. Darum erklären wir auch gar nicht so genau, wie das funktioniert, weil in anderen Reiseführern ja auch nicht drinsteht, wie Flugzeuge funktionieren.

In welcher Zeit war es für Sie am schönsten? Was wäre Ihre schönste Zeitreise?

Buchcover: Kathrin Passig und Aleks Scholz - Handbuch für Zeitreisende © Rowohlt Verlag
"Handbuch für Zeitreisende. Von den Dinosauriern bis zum Fall der Mauer" ist im Rowohlt Verlag erschienen und kostet 20,00 Euro.

Passig: Mir ist beim Schreiben vor allem klargeworden, dass die Vergangenheit in mancher Hinsicht bequemer ist, als ich sie mir vorgestellt hatte. Ich hatte zum Beispiel diesen Irrglauben, dass bis zur Erfindung der Zentralheizung und der privaten Badewanne nie gebadet wurde - das ist natürlich Quatsch. Aber in vieler anderer Hinsicht ist es noch unbequemer und unpraktischer, als ich eh schon dachte. Schon in der Gegenwart sind meine privaten Reisepräferenzen eher so, dass ich gern dorthin reise, wo eigentlich die Zukunft ist. Die Schweiz zum Beispiel ist aus der Sicht von Deutschland Zukunft. Japan stelle ich mir auch so vor, obwohl ich da noch nie war. Ich habe es gerne, wenn es eine möglichst lückenlose Mobilfunkversorgung gibt, und damit sieht es in der Vergangenheit noch düsterer aus als in der Gegenwart.

Was passiert, wenn Zeitreisende in der Vergangenheit zu sehr in die Gegenwart eingreifen, wenn sie also selber Geschichte machen? Da wird es dann fast schon philosophisch, oder?

Passig: Das ist naturgemäß ein ganz beliebter Stoff in Zeitreisefilmen und Romanen, dass man die vorhandene Gegenwart verändert. Wir haben uns in langen Diskussionen vor dem Schreiben auf ein anderes Zeitreisemodell geeinigt, in dem man durch jede Zeitreise einen neuen Seitenstrang der Zeit erzeugt, in dem alles seinen eigenen Gang geht. Man bestimmt indirekt eine andere Art der Zukunft mit, aber das ist nicht die, die man selbst erlebt, wenn man zurückkehrt.

Zeitreisen sind eindeutig Bildungsreisen. Auf jeder einzelnen kann man sehr viel lernen. Aber kann man aus der Geschichte insgesamt auch etwas lernen, oder sind das alles einzelne Mosaiksteine?

Passig: Ich kann nur sagen, dass ich beim Schreiben des Buchs sehr viel gelernt habe. Das ist ideal, weil man sich beim Schreiben nicht so sehr langweilt, wenn man nicht schon alles weiß, was man schreiben will. Das lässt mich hoffen, dass man auch aus der tatsächlichen Geschichte etwas lernen könnte.

Der Rowohlt Verlag bewirbt ihr Buch als "nützlichsten Reiseführer aller Zeiten". Es ist zumindest der ideale Reiseführer für die Couch-Tour in Corona-Zeiten, oder?

Passig: Absolut. Ich habe gerade gesehen, dass die Umsätze im Buchhandel in den letzten Monaten im Vergleich zu der selben Zeit im Vorjahr um zehn bis 20 Prozent zurückgegangen sind - mit Ausnahme von Reiseführern: Da waren es über 30 Prozent. Wir haben es einerseits falsch gemacht, weil wir in dieser Zeit einen Reiseführer veröffentlicht haben, aber andererseits alles richtig gemacht. Das ist ein Reiseführer, den man nicht nur trotz Corona ganz gut zur Reisevorbereitung schon mal lesen kann, er enthält außerdem auch noch drei, vier Kapitel, in denen es um nichts anderes geht als um Seuchenprophylaxe und Hygienefragen. Die helfen nicht nur gegen Corona, die helfen auch in allen anderen Zeiten, gesund zu bleiben.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 13.08.2020 | 19:00 Uhr