Stand: 23.10.2019 15:07 Uhr

"Katholische Kirche soll auch verheiratete Priester haben"

Der renommierte Kirchenhistoriker Hubert Wolf hat über seine aufsehenerregenden Forschungen zahlreiche Bücher verfasst. Oft konfrontiert er die katholische Kirche mit unbequemen Wahrheiten. Aber auch in die aktuelle Reformdebatte in Deutschland mischt er sich ein. So müsse der synodale Weg zwischen Bischöfen und Laien in Reaktion auf den Missbrauchsskandal zu konkreten Reformen führen.

Herr Wolf, Sie haben vor einigen Wochen ein Buch zum Thema Zölibat veröffentlicht: "Zölibat. 16 Thesen". Ist es Zeit, den Pflichtzölibat - also die Ehelosigkeit römisch-katholischer Priester - abzuschaffen?

Bild vergrößern
Hubert Wolf plädiert für konkrete Reformen in der katholischen Kirche.

Hubert Wolf: Nach meiner Ansicht, ja. Und zwar deshalb, weil alle Untersuchungen zu dem schrecklichen Thema des Missbrauchs nahelegen, dass der Zölibat zwar nicht die Ursache, aber ein wesentlicher Risikofaktor ist. Und wenn man Kinder und Jugendliche einem Risiko aussetzt, wenn die Bischöfe das in ihrer eigenen Studie sich haben reinschreiben lassen, dann müssen sie doch handeln. Zudem ist die seelsorgerliche Situation - nicht nur bei uns, aber noch schlimmer in Lateinamerika - derartig katastrophal, dass fast nirgendwo mehr Eucharistie gefeiert werden kann. Wo keine Eucharistie gefeiert wird, da kein Katholizismus - das sagt jedenfalls das Zweite Vatikanische Konzil. Die Eucharistiefeier sei Quell- und Höhepunkt.

Deshalb würde ich sagen: Nein, wir müssen den Zölibat eigentlich gar nicht abschaffen, denn es gibt ja schon alternative Modelle - die werden nur nicht wahrgenommen. Wir haben in unserer Kirche selbstverständlich verheiratete Priester - in den katholischen Ostkirchen ohnehin, bei den konvertierten evangelischen und anglikanischen Pfarrern auch. Wir haben sie schon, und es ist keine Spaltung. Wir sollten nur das, was wir schon können, in weiterem Maße möglich machen.

Viri Probati

Das lateinische "viri probati" bedeutet wörtlich "bewährte Männer". In der Diskussion um die Voraussetzungen für das Priesteramt in der katholischen Kirche steht dieser Ausdruck für die Überlegung, verheiratete Männer, die nach katholischen Werten leben, zur Weihe zuzulassen. Gegenwärtig wird diese Möglichkeit im Kontext der Amazonas-Synode diskutiert, die noch bis zum Sonntag in Rom stattfindet. Durch die viri probati könnte dem Priestermangel der katholischen Kirche in dem weitläufigen Amazonasgebiet begegnet werden. Befürworter erhoffen sich durch entsprechende päpstliche Entscheidungen nach der Synode auch Veränderungen für die Kirche in Deutschland.

Bei der Amazonas-Synode wird es auch in irgendeiner Form um den Zölibat, um die 'viri probati', die verheirateten Männer gehen. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass es da zu einem Durchbruch kommt?

Wolf: In der Agenda steht das Thema drin - das ist ja schon mal etwas. Der Papst hat ja gebeten, mutige Vorschläge zu machen, und dass dass jetzt diese Diskussion stattfinden kann - ich glaube, dass 'viri probati' in Brasilien möglich werden. Wenn die nicht möglich werden, ist der Pontifikat von Franziskus vorbei. Dann haben diejenigen gewonnen, die ohnehin glauben, dass dieser Papst möglichst schnell zurücktreten soll.

Eine heilige Messe an einem Flussufer in Brasilien

Brasilien: Das Ende des Zölibats im Amazonas?

Weltbilder -

Im Amazonas ist der Mangel an Priestern groß. So könnte es passieren, dass der Papst erstmals Verheiratete als "katholische Agenten" zulässt, die die Eucharistie und Salbung durchführen.

0 bei 0 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Das heißt aber, wenn es 'viri probati' in Amazonien geben sollte, dann ist es auch logisch, dass es die zum Beispiel in Deutschland auch geben müsste.

Wolf: Wir haben ja in Deutschland den synodalen Weg, ein Begriff, den ich schon sprachlich überaus mag. Dieser synodale Weg ist übrigens rechtlich nichts.

Das hat der Vatikan ja noch mal deutlich gemacht.

Wolf: Man hätte eigentlich eine Provinzialsynode machen müssen, eine richtige Synode mit Beschlusskompetenz. Aber immerhin hat Kardinal Marx und die Mehrheit der Bischöfe sich für diesen Weg entschieden und Themenfelder genannt. Das Thema Zölibat ist ein Themenfeld, und ich glaube schon, dass dieses Thema eines der Themen ist, das noch am leichtesten zu lösen ist, weil es von der Tradition der Kirche her eigentlich gedeckt ist. Das wird bei der Weihe von Frauen viel, viel schwieriger.

Geht es bei den ganzen Reformfragen nicht im Kern auch darum, sich von dem Klerikalismus zu verabschieden? Also das Laienelement zu stärken und demokratische Strukturen einzuführen?

Wolf: Es geht zunächst mal darum, dass nicht zwei Dinge gegeneinander ausgespielt werden. Es passiert im Moment folgendes: Die sogenannten Konservativen sagen: "Die Reformleute möchten Strukturen verändern - denen geht es aber nicht um Glauben. Wir möchten Neuevangelisierung." Das ist ein Widerspruch, den es gar nicht gibt. Worum geht es also eigentlich bei Reformen und bei Strukturveränderungen? Es geht immer darum, dass die Glaubwürdigkeit der Botschafter der Verkündigung Jesu, plausibel und durchsichtig ist. Das ist Evangelisierung. Aber wenn die Kirche selber der Neuevangelisierung im Weg steht, dann brauchen wir Reformen. Die Geschichte lehrt uns doch, dass die Kirche ihren Verkündigungsauftrag immer nur dann erfolgreich wahrnehmen kann, wenn sie diese Inkulturationsschritte jeweils vollzieht.

Das komplette Gespräch zum Nachhören

Es geht immer wieder weiter, und die Geschichte zeigt, dass das Christentum, wenn es in einen neuen Kulturkreis hineingeht, manchmal Voraussetzungen schaffen muss, damit es in diesem Kulturkreis überhaupt verstanden wird. Und dadurch ändert sich auch das Christentum selber, nicht nur die Verpackung. Wenn man das ernst nimmt, dann muss es heute genau darum gehen. Wir leben in Mitteleuropa in einer anderen Situation als die eine oder andere afrikanische oder lateinamerikanische Gesellschaft. Aber das Christentum muss jeweils in dieser Gesellschaft präsent sein.

Katholizismus heißt vom Wort her "gemäß des Ganzen" - das ist keine fundamentalistische Enge. Katholizismus heißt Pluralismus, das Ganze muss in den Blick kommen. Und wenn wir uns das klarmachen, warum soll dann nicht eine Anpassung an Verständnisse und Kontexte, wie wir sie zum Beispiel heute in Europa haben, möglich sein? Die haben etwas mit Demokratisierung zu tun, mit Selbstverantwortung und auch mit einer anderen Sexualmoral.

Das Gespräch führte Michael Hollenbach

Weitere Informationen
NDR Info

Bischofskonferenz: Am Ende müssen Reformen stehen

NDR Info

Mit großer Mehrheit haben sich die deutschen Bischöfe zu angedachten Reformen in der katholischen Kirche bekannt. Aber es dürfe nicht nur geredet werden, meint Florian Breitmeier. mehr

NDR Info

Zahl der Kirchenaustritte im Norden gestiegen

NDR Info

Immer mehr Menschen kehren der Kirche den Rücken. 2018 hatten evangelische und katholische Landeskirchen im Norden mehr Austritte zu verzeichnen als im Vorjahr. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Das Gespräch | 12.10.2019 | 18:00 Uhr

Übersicht

NDR Kultur

Journal

NDR Kultur

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr

Mehr Kultur

28:40
NDR Fernsehen
28:40
NDR Fernsehen
28:43
NDR Fernsehen