Stand: 20.03.2017 09:51 Uhr

"Unterwerfung": Dekadenz im Boxring

von Birgit Schütte

Als Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung" am Tag der Anschläge auf die Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" erschien, war der Aufschrei groß. Seine fiktive Zukunftsversion eines muslimisch regierten Frankreich gilt als ziemlich provokativ: geschmacklos, islamophob für die einen, eine Warnung vor einer immer radikaleren Gesellschaft für die anderen. Zurzeit werden unterschiedlichste Theaterfassungen an vielen deutschen Theatern aufgeführt. Fast immer wird der höchst aktuelle Stoff heiß diskutiert. Am Sonntag hatte eine weitere Bühnenfassung am Emma-Theater, der Studiobühne des Theaters Osnabrück, Premiere.

Untergang des Abendlandes

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François (Stefan Haschke) kann dem Leben nicht mehr viel abgewinnen.

Die Bühne steht wie ein Boxring in der Mitte des Raums. Die Zuschauer sitzen drum herum und hören zu, wie François von bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Frankreich erzählt: "Man sah Gruppen maskierter Männer herumlaufen - bewaffnet mit Sturmgewehren und Maschinenpistolen. Auf der einen Seite die identitäre Bevölkerung, deren Credo es ist: 'Wir sind Europas Urbevölkerung und wir sind gegen diese islamische Kolonisierung', auf der anderen Seite junge Dschihadisten."

Ein kaputter Hochschullehrer erlebt den Untergang des Abendlandes: In schludriger Bundfaltenhose, Feinripp-T-Shirt, großer schwarzer Brille und immer eine Zigarette in der Hand. Glänzend spielt Stefan Haschke diesen Zyniker, der dem Leben nicht mehr viel abgewinnen kann. Er schafft es, die Zuschauer zu fesseln mit seinem Monolog, der nur am Anfang und am Ende unterbrochen wird, als der neue muslimische Direktor der Sorbonne dazukommt. Die einzigen Requisiten, die sich anhäufen: leere Flaschen, Gläser oder Aluschachteln. Sinnbild für das einsame Leben von François, das sich abspielt zwischen Fertiggerichten, Rotwein - und ab und zu mal Sex. Denn ansonsten interessieren ihn andere Menschen nicht: "Sie widern mich sogar an. Ich betrachtete die Mitmenschen keineswegs als meine Brüder und ich tat es umso weniger, wenn ich nur einen kleinen Teil in Augenschein nahm."

Rezension

Weder islamfeindlich noch skandalös

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"Der verfallene westliche Europäer"

Wofür leben wir eigentlich noch? Können wir mit unserer Freiheit nichts mehr anfangen? Ist das die Lücke, in die der Islam eindringt? Oder rechte Parteien und Gruppen wie zum Beispiel der Front National. Diese Fragen untersucht Regisseur Robert Teufel aus der Sicht von François: "Wir wussten, dass uns die Parallelführung zweier Weltsichten interessiert. Der verfallene westliche mittelalte Europäer, der jeder Transzendenz losgesagt hat und darin zugrunde geht, jede Vitalität, jeden Lebensmut verliert und jemand, der sagt: 'Ich hab eine religiöse Ordnung' und der dadurch vor Vitalität strotzt."

Anders als bei Houellebecq rückt in der Osnabrücker Inszenierung die Gesellschaftssatire etwas in den Hintergrund. Trotzdem ist die Aufführung provokativ. Sie hinterfragt auch die dekadente westliche Lebensart, verkörpert von François. Er hat mit seiner Gleichgültigkeit einem muslimisch regierten Frankreich nichts entgegenzusetzen. Ihn interessiert es nicht, dass nun die Schulpflicht nach der Grundschule endet oder Frauen aus dem Arbeitsleben verschwinden. Er hat längst keine Ideale mehr und ihm ist es auch völlig egal, ob er Christ, Atheist oder Moslem ist. Hauptsache sein Gehalt stimmt. Es würde sogar für drei Ehefrauen reichen, sagt ihm der neue muslimische Präsident der Sorbonne. Da spricht er doch gerne die Formel und konvertiert. Das Premierenpublikum applaudiert begeistert.

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Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Theater am Domhof
Domhof 10/11
49074  Osnabrück
Telefon:
Kartentelefon: (0049) 541 76 00 076
E-Mail:
info@theater.osnabrueck.de
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NDR Kultur | Journal | 20.03.2017 | 06:20 Uhr

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