Stand: 06.09.2019 09:49 Uhr

Houellebecqs "Serotonin" im Hamburger Schauspielhaus

von Katja Weise

Der Soloabend "Unterwerfung" nach dem Roman von Michel Houellebecq mit Edgar Selge war ein Riesenerfolg am Hamburger Schauspielhaus. Jetzt hat dort ein weiteres Werk des französischen Provokateurs den Weg auf die Bühne gefunden: "Serotonin", erst Anfang des Jahres erschienen. Wieder im Mittelpunkt: der alternde, weiße Mann auf der Suche nach dem Glück. Ein Bericht von der Uraufführung.

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Hauptfigur Florent-Claude Labrouste gleich vierfach auf der Bühne.

Gleich vierfach steht er hier am Anfang auf der Bühne: Florent-Claude Labrouste, 46 Jahre alt. Der schwarze Bademantel ist präzise über dem Bauch geschlossen, die Füße stecken in weißen Frotteeschlappen. Sexy ist das nicht, aber Sex spielt im Leben dieses Mannes auch nur noch theoretisch eine Rolle. Schuld daran ist eine kleine weiße ovale, teilbare Tablette. Sie soll Depressionen bekämpfen, die Ausschüttung des Glückshormons Serotonin befördern, aber: "Die bei Captorix am häufigsten beobachteten unerwünschten Nebenwirkungen waren Übelkeit, Libidoverlust, Impotenz."

Drei Männer liegen mit einem Gewehr auf dem Boden

Welt-Premiere: "Serotonin" am Schauspielhaus

Hamburg Journal -

Start in die neue Saison am Deutsche Schauspielhaus - und das mit einem Stück, das schon als Buch für Furore gesorgt hat. "Serotonin" des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq.

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Erstaunlich nah an der Vorlage

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Schauspieler Carlo Ljubek sitzt in einem Fellkostüm auf einem Stuhl.

Falk Richter, der zuletzt am Hamburger Schauspielhaus Elfriede Jelineks "Am Königsweg" und das David-Bowie-Musical "Lazarus" inszeniert hat, zwei überaus opulente, wilde, mitreißende Arbeiten, bleibt erstaunlich nah an der Vorlage von Michel Houellebecq. Die vier Schauspieler im Bademantel sind zunächst vor allem Erzähler, referieren den Romantext, mal allein, mal im Chor, während im Hintergrund Videoprojektionen flackern. Erst allmählich beginnen sie zu spielen. Aber Richter hat einen klaren Zugriff auf den Stoff, er konzentriert sich auf einige Schlüsselszenen des Romans - im Fokus der einsame, garstige, nach Liebe suchende Mann.

Es geht um die zunehmende Vereinzelung

Es ist klug, dass Richter Houellebecqs Romanhelden nicht mit einem Schauspieler besetzt. Er vergibt vielmehr Stimmen, unabhängig vom Geschlecht; und so spielt jeder Schauspieler - auch die beiden Frauen, die etwas später dazukommen - Florent-Claude Labrouste und dessen verflossene Geliebte Claire und Camille. Dadurch gibt er auch den wie immer bei Houellebecq sehr explizit machomäßig beschriebenen Sexszenen eine etwas andere Wendung. Außerdem macht der Regisseur durch den Verzicht auf klare Zuschreibungen deutlich, dass es nicht um ein Einzelschicksal, sondern um ein Phänomen geht: die zunehmende Vereinzelung, gepaart mit Empathielosigkeit und Narzissmus.

Am Ende gab es viel Applaus für die Schauspieler und den Regisseur, der sich der Vorlage mit Witz und Respekt widmet und dabei auch die große Geste nicht scheut.

Houellebecqs "Serotonin" im Hamburger Schauspielhaus

Bei Michel Houellebecqs "Serotonin" steht wieder der alternde Mann auf der Suche nach dem Glück im Mittelpunkt. Falk Richter bleibt bei seiner Inszenierung am Schauspielhaus nah an der Vorlage.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Deutsches Schauspielhaus
Kirchenallee 39
20099  Hamburg
Telefon:
(040) 24 87 13
Preis:
9 - 53 Euro
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 07.09.2019 | 07:20 Uhr