Stand: 08.08.2018 17:45 Uhr

Lehrermangel: "Die Abordnungskarawane zieht weiter"

In Niedersachsen fängt das neue Schuljahr an und wieder einmal fehlt es an Personal, es herrscht Lehrermangel. Eine ungute Situation, die zuverlässig wiederkehrt. Das Kultusministerium sagt: Von 2.000 ausgeschriebenen Stellen sind zum Schuljahresbeginn 1.883 besetzt. Das klingt nicht schlecht. Trotzdem werden wieder Gymnasiallehrerinnen und -lehrer an Haupt-, Real-, Ober- und Grundschulen aushelfen müssen. Der Philologenverband Niedersachsen ist laut Selbstbeschreibung "die führende Berufsvertretung der Gymnasiallehrerinnen und -lehrer". Vorsitzender des Verbands ist Horst Audritz.

Herr Audritz, Kultusminister Grant Hendrik Tonne hat kurz vor Schulbeginn nicht so schwarzsehen wollen wie Sie. War die Botschaft, die er heute in seiner Pressekonferenz verkündet hat, zufriedenstellender?

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"Werbung für den Lehrerberuf ist notwendig", stellt Horst Audritz fest.

Horst Audritz: Sie war nicht zufriedenstellend und ich glaube auch, er hat sich unwohl in seiner Haut gefühlt. Denn er weiß ja, was an den Schulen läuft. Er hat nicht alle Stellen besetzen können, er ist von seiner Aussage abgerückt, dass die Abordnungskarawane beendet werden muss. Die Karawane zieht weiter und sie wird sogar größer. Mehr Lehrer sind nicht in Sicht, sodass die Eltern sich große Sorgen machen um die Fortführung des Unterrichts. Da können in Einzelfällen an vielen Schulen Kürzungen auftreten, da können Klassen zusammengelegt werden, AGs und Zusatzaufgaben gestrichen werden. Das trifft insbesondere die Gymnasien, weil wir trotz der Zahl "100 Prozent", die da immer genannt wird, enger gestrickt sind als andere Schulformen. Wir haben nicht so viel Luft im System, weil fast alles, was Lehrer am Gymnasium machen, in den Unterricht geht.

Der Minister hat heute Zahlen genannt: Insgesamt 18.500 Stunden müssten an anderen Schulen unterrichtet werden, von rund 2.000 Lehrkräften. Zunächst war das Ministerium von einer geringeren Zahl ausgegangen. Welche Versäumnisse werfen Sie dem Minister vor?

Audritz: Das Versäumnis ist, dass man nicht mittelfristig und langfristig plant. Schulen werden oft so behandelt wie Wirtschaftsunternehmen: Wenn man feststellt, dass die demografische Rendite es ermöglicht, Lehrerstellen einzusparen, dann tut man das. So funktioniert aber Schule nicht. Wir hatten 2015 einen massiven Zuzug von Flüchtlingen, die beschult werden müssen - gut, das kann man nicht voraussehen. Wir haben aber Verschiebungen im Zulauf zu den Schulen, wir haben eine Masse von Reformen, die Lehrerstunden kosten. Und man kann nicht von heute auf morgen Lehrer einstellen - die müssen erst ausgebildet werden. Das dauert bei Lehrern fünf bis acht Jahre. In diesen Zyklen muss man denken. Wenn man das nicht tut, dann sind plötzlich zu viele Lehrer da oder zu wenige. Leider war das in der Vergangenheit immer so.

Sie kritisieren auch, dass viele der neu eingestellten Lehrkräfte nur in Teilzeit arbeiten werden. Das Teilzeitmodell eröffnet aber vielen Menschen überhaupt erst eine realistische Arbeitsmöglichkeit. Hieße das nicht, dass diejenigen, die als Teilzeitkräfte arbeiten würden, gar nicht zum Zug kämen, wenn man darauf verzichtete? Das würde das Problem ja noch vergrößern.

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Audritz: Das Problem an der Schule ist: Teilzeit erhöht die Zahl der Köpfe, die man braucht. Man rechnet Vollzeitlehrereinheiten seitens der Statistik und sagt: Wir brauchen beispielsweise 1.000 Vollzeitlehrereinheiten. Wenn Leute in Teilzeit gehen und die Hälfte der Stundenzahl unterrichten, brauchen wir plötzlich 2.000 Köpfe, um diese 1.000 Vollzeitlehrereinheiten zu bestücken. Die Köpfe sind einfach nicht auf dem Markt. Wenn die alle in Vollzeit gingen, dann wäre das eins zu eins deckungsgleich - es ist bloß leider nicht so.

Vielleicht ist der Beruf nicht mehr attraktiv genug. Wäre da nicht ein Verband wie der Ihre gefragt, dafür zu werben, dass wieder mehr junge Leute an die Schule wollen?

Audritz: Ich denke, wir werden so eine Initiative ergreifen. Werbung für den Lehrerberuf, eine Imagekampagne ist notwendig, aber dazu gehören auch Rahmenbedingungen. Die Arbeitszeit ist ein ganz wesentlicher Punkt. Denken Sie daran, dass Weihnachts- und Urlaubsgeld schon vor langer Zeit gestrichen worden sind für Lehrkräfte. Das macht alles den Beruf nicht attraktiv. Man setzt immer auf das Prinzip, dass ein Pädagoge guten Willen zeigen muss - zeigt er auch in der Regel: Wenn Bedarf ist, unterrichten Kollegen eine Klasse mehr und machen Überstunden, die eigentlich abgebummelt werden müssen. Das wird immer wieder verschoben, manchmal verfällt es auch, und das ist nicht Sinn der Sache.

Ein anderes Beispiel: Vertretungs-Lehrkräfte werden zu den Ferien entlassen, bekommen einen befristeten Vertrag. Die wird man nicht im System halten mit solchen Angeboten. Es sind 1.600 arbeitslose Lehrer in Niedersachsen gemeldet - wenn Lehrerknappheit herrscht, ist das eigentlich ein Unding. Bundesweit ist die Zahl natürlich noch weitaus höher. Wir brauchen einen Masterplan Bildung, eine Bildungsoffensive, die die Bildung nicht an der Zahl der Ganztagsschulen misst, sondern an Unterricht. Denn die größte Bildungsoffensive ist, dass Unterricht kontinuierlich erteilt wird. Das ist im Wesentlichen verantwortlich auch für benachteiligte Kinder.

Würde das nicht bedeuten, dass Politik und beispielsweise der Philologenverband aus der Konfrontation, in der sie sich seit Jahren immer wieder befinden, herausfinden müssten, um eine neue Form von Kooperation zu entwickeln? Welche Handreichungen wären da denkbar?

Audritz: Wir sind immer kooperativ gewesen, wir legen den Finger in die Wunde, selbstverständlich, das ist unsere Aufgabe. Gerade in einer Großen Koalition, da gibt es keine Opposition, das ist Aufgabe der Verbände, den Finger in die Wunde zu legen. Wir haben in der Vergangenheit gezeigt, wie man Probleme lösen kann und daran mitgearbeitet. 2007/08 hatten wir auch schon mal so eine Krise der Unterrichtsversorgung - das geht nur in Zusammenarbeit mit den Verbänden an runden Tischen. Denn wir müssen unsere Mitglieder überzeugen, Lehrer muss man mitnehmen, das kann man nicht ex cathedra verordnen. Da haben wir entsprechende Angebote gemacht, auch diesem Kultusminister gegenüber. Vieles sind altbekannte Maßnahmen, etwa, dass man Teilzeit-Lehrkräfte bittet, ihr Deputat zu erhöhen - natürlich gegen mehr Bezahlung. Es gab auch früher schon Maßnahmenkataloge, aber die müssen auch umgesetzt werden, das muss konkretisiert werden, da muss man mit dem Finanzminister reden, da muss Geld lockergemacht werden. Dann wird man zu entsprechenden Ergebnissen kommen. Vor allem müssen auch Versprechungen gegenüber den Lehrern verlässlich sein.

Haben Sie zum Abschluss noch eine froh stimmende Botschaft, die Lust auf Schule macht, für die, die jetzt dahin kommen im neuen Schuljahr?

Audritz: Schule ist nicht so, wie sie vor 50 Jahren war. Schule macht Spaß, von den Inhalten her, von den Lehrkräften her. Lehrer sind heute modern und nicht altbacken - was immer man unter modern versteht. Aber sie können sich auf Augenhöhe mit Schülern verständigen.

Das Interview führte Ulrich Kühn

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 08.08.2018 | 19:00 Uhr

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