Im Vordergrund verschwommene Aktenordner, dahinter sieht man "Arolsen Archives" auf einem Computer stehen. © picture alliance/dpa | Swen Pförtner Foto: Swen Pförtner

"Jeder Name zählt": Digitales Denkmal für NS-Opfer

Stand: 27.01.2021 17:02 Uhr

Vergangenes Jahr haben die Arolsen Archives die Initiative "Every Name Counts" gestartet. Freiwillige sollen helfen, die umfassende Sammlung historischer Dokumente zur NS-Verfolgung zu digitalisieren

von Daniela Remus

Vor 76 Jahren befreite die Rote Armee Auschwitz, deshalb ist der 27. Januar der Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts. Dieses Jahr wird es nicht möglich sein, das Gedenken öffentlich zu begehen. Das Internationale Zentrum zur Erforschung der NS-Verfolgung mit dem Namen Arolsen Archives arbeitet derzeit an einer etwas anderen Gedenkstätte. "Baut mit uns ein digitales Denkmal" heißt es auf der Webseite.

"Every Name Counts": Dokumente sollen umfassend digitalisiert werden

Ob Deportationslisten, Vermerke über Todesmärsche oder Häftlings-Personal-Karten: Über 26 Millionen Dokumente haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Archivs, das die Alliierten nach 1945 eingerichtet haben, eingescannt. Was fehlt, ist ihre digitale Erfassung.

"Wir haben in unserem Archiv sehr viele Namen aus sehr vielen Dokumenten, aber die meisten sind nicht einsehbar, die kann man nicht direkt recherchieren", erklärt Floriane Azoulay, die Direktorin des Archivs. "Und uns war es wichtig, dass Angehörige oder Leute aus der ganzen Welt diese Namen auffinden können."

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NS-Dokumente: Mehr als zwei Millionen Unterlagen bereits digitalisiert

Die Freiwilligen übertragen die Daten von Häftlingskarten oder Deportationslisten in Computer, Laptop oder Smartphone. "Hier hat man jetzt aber auch Glück, weil das Dokument ist ja wirklich ziemlich gut leserlich", sagt der 23-jährige Student Simon. "Es gab auch andere Dokumente, die waren handschriftlich, da war das ziemlich schwer zu erkennen, was das heißen sollte, aber hier kann man es eigentlich ganz gut sehen."

2,5 Millionen Dokumente haben sie auf diese Weise bereits digitalisiert. Crowd Sourcing oder auch Crowd Working heißt das Vorgehen. "Wir haben heute über 10.000 registrierte Freiwillige, die regelmäßig mitmachen", erzählt Floriane Azoulay. "Darunter User, die so kompetent sind, dass sie im Grunde mit moderieren und uns helfen mit speziellem Wissen die Daten wesentlich besser aufzubereiten."

Einer dieser User ist Andreas Weber. Der Berliner ist von Haus aus Physiker, beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit dem Holocaust: "Ich bin in dieses Archiv gekommen und fand es ganz großartig aufbereitet und habe dann gleichzeitig dieses Projekt entdeckt, dass die online Leute, Freiwillige suchen, die dort mitmachen." Mittlerweile habe er bereits über 4.000 Dokumente digitalisiert. "Ich habe sehr viel vom Smartphone aus eingegeben, ich hab einen langen Arbeitsweg - etwa 1,5 Stunden - man sitzt in der S-Bahn und tippt Sachen ein"

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Bei dem Projekt geht es um zwei Ziele: Um die Digitalisierung der historischen Dokumente und um eine zeitgemäßere Form der historischen Erinnerung. "Uns geht es wirklich darum, jüngere Generationen anzusprechen und sie dafür zu motivieren, an diesem digitalen Denkmal mitzumachen: Indem sie mit ihrem Beitrag, mit ihrem eigenen Namen ein Zeichen setzen und die Namen von Opfern und deren Familien aufnehmen", so Floriane Azoulay. Gerade jetzt, wo sich antisemitische Verschwörungsideologien im Netz verbreiteten und Politiker die NS-Zeit als Vogelschiss der Geschichte abtun, sei es wichtig, dem etwas entgegenzusetzen und sich aktiv, durch das Mitmachen, mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

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NDR Info | Kultur | 27.01.2021 | 07:55 Uhr