Stand: 14.11.2019 18:21 Uhr

Hochwasser in Venedig: "Das ist menschengemacht"

Hochwasser ist in Venedig keine Seltenheit - doch so nasse Füße wie in den letzten zwei Tagen haben die Bewohnerinnen und Bewohner der Lagunenstadt seit dem Jahr 1966 nicht mehr bekommen: Das Telefonnetz ist in Teilen zusammengebrochen, der öffentliche Nahverkehr eingestellt, Schulen bleiben geschlossen. Und das in einer Stadt, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Was bedeutet das Hochwasser für die Kunst, die Kirchen, die Kulturgeschichte in dieser Stadt? Der Autor Thomas Steinfeld ist ein Kenner und Liebhaber Venedigs.

Herr Steinfeld, Sie haben mit Ihren Freunden in Venedig Kontakt gehabt. Was haben Sie von dem Zustand der Stadt und von den Menschen dort erfahren?

Thomas Steinfeld, Autor © dpa - Fotoreport
Thomas Steinfeld war fünf Jahre lang Kulturkorrespondent der "Süddeutschen Zeitung" in Venedig.

Thomas Steinfeld: Die Reaktionen gehen da ein bisschen auseinander. Das schlimmste Erlebnis für alle, die ich dort kenne, war das Erlebnis 1966 - das ist sehr lange her. Die Leute, die jetzt mit ihren Eimern, Pumpen und Wischfeudeln zugange sind, sind noch guten Mutes. Aber die anderen, etwa der Architekturhistoriker Marco de Michelis, sagen, das sei eine Katastrophe und die Folgen würden wir noch lange, wenn nicht für immer spüren.

Was sind das für Folgen?

Steinfeld: Was da passiert ist, ist ungeheuerlich. Die Folgen lassen sich zum Beispiel an der Basilica di San Marco erkennen: Da ist nicht nur der Fußboden überschwemmt, was an sich schon große Schäden verursachen wird - dieses Mosaik ist ein leichtes Material, das sich schnell vom Grund löst -, sondern das Wasser dringt auch in die Fundamente ein. Im Fall von San Marco ist es auch in die Krypta eingedrungen. Diese Krypta ist 1993 total renoviert worden, mit dem Versprechen, dass sie nie wieder nass werden wird. Venedig besteht im Wesentlichen aus gebrannten Ziegeln, und wenn Salzwasser in gebrannte Ziegel und in den Mörtel dringt und dort bleibt, dann löst sich das Material auf. Es entstehen Strukturschäden, und die Säulen, die Pfeiler und die Mauern tragen nicht mehr. Das ist das, was jetzt passiert und was völlig unübersehbar ist in seinen Folgen.

Besteht da die Gefahr des Einsturzes?

Steinfeld: Unmittelbar nicht, aber man wird sehr viel dafür tun müssen, um diese Strukturen wieder zu festigen.

Die Stadt war sehr schlecht auf dieses hohe Hochwasser vorbereitet - wie erklären Sie sich das?

Steinfeld: Dafür gibt es viele Gründe. Der Bürgermeister Brugnaro ist sofort vor die Kameras getreten und hat gesagt, das sei der Klimawandel, das sei der Meeresspiegel, der sich erhöht. Es kann sein, dass das eine gewisse Rolle dabei spielt, aber es ist ganz bestimmt nicht die Ursache dafür. Dass es jetzt so viele und so hohe Hochwasser in Venedig gibt, hat viel damit zu tun, dass die Fahrrinnen für die Schiffe ausgegraben und ausgeweitet wurden. Das ist nicht nur die Fahrrinne, die quer durch die Stadt führt, wo die Kreuzfahrtschiffe unterwegs sind, sondern das sind auch die Fahrrinnen im hinteren Bereich der Lagune. Das Wasser fließt dann in viel größeren Mengen und viel schneller in die Lagune hinein - es fließt aber nicht ab. Das liegt daran, dass der Wind bei diesem Hochwasser meistens aus Südosten kommt und das Wasser immer weiter in die Lagune drückt. Das ist menschengemacht, und das ist eine relativ junge Entwicklung, die sich da vollzieht.

Ist denn auch die Kunstbiennale in Venedig betroffen, die noch bis Sonntag läuft?

Steinfeld: Nach allem, was ich heute gehört habe, ist die Stadt in großen Teilen wieder begehbar. Das bedeutet, dass man all diese Orte wieder besichtigen kann und in ein paar Tagen die Museen wieder aufmachen. Das Problem ist aber in keiner Weise aus der Welt. Vielleicht sollte die UNESCO, die immer damit droht, Venedig den Weltkulturerbe-Status zu entziehen, viel massiver auftreten. Denn Venedig ist nicht nur italienisch - mit einem Weltkulturerbe muss man anders umgehen.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.11.2019 | 19:00 Uhr

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