Stand: 24.11.2018 08:26 Uhr

Hitler-Tagebücher und andere Irrtümer in Hildesheim

Ausgerechnet in einem Museum hält in dieser Woche die Welt der Fälscher und Fehler Einzug. Das Roemer- und Pelizaeus-Museum in Hildesheim zeigt die Ausstellung "Irrtümer und Fälschungen der Archäologie". Die Schau versammelt einige vermeintlich ägyptische Reliefs und Statuen des Berliner Meisterfälschers Oxan Aslanian, Exponate rund um Heinrich Schliemanns Irrtum zum "Schatz des Priamos" und Teile der legendären, 1983 enttarnten gefälschten Hitler-Tagebücher von Konrad Kujau. Bis zum 26. Mai 2019 bietet die Ausstellung neben mehr als 200 Exponaten auch ein üppiges Programm mit Vorträgen, Workshops und Angeboten speziell für Kinder.

Von Einhörnern, Hitler-Tagebüchern und Goldkronen

Museumsdirektorin hat selbst Erfahrungen mit Fälschungen

"Vor Fälschungen ist niemand sicher", sagte Museumsdirektorin Regine Schulz im Gespräch mit NDR.de. Oft sei es nach jahrelangen Diskussionen nur mit hohem technischem Aufwand möglich, Exponate zu entlarven. Die erfahrene Ägyptologin, die unter anderem am Deutschen Archäologischen Institut in Kairo gearbeitet und selbst Ausgrabungen verantwortet hat, ist in ihrem Berufsleben selbst oftmals Fälschungen begegnet: "In meiner Doktorarbeit hielt ich eine Statue für gefälscht, von der ich nur eine Zeichnung kannte. Jahre später habe ich dann das Original gesehen und musste feststellen: Sie ist eindeutig nicht falsch."

Goldkrone von Saitaphernes als Prunkstück der Ausstellung

Ausführlich in der Ausstellung dokumentiert wird ein deutlich prominenterer Fall: Am 1. April 1896 gab der Pariser Louvre den Kauf mehrerer Schmuckstücke bekannt, angeblich stammten sie aus einem Grab in der Nähe der griechischen Schwarzmeerstadt Olbia. Am meisten Aufsehen erregte eine Tiara, eine über 2.000 Jahre alte helmförmige Krone: Der vermeintliche Fund war aus purem Gold und trug eine altgriechische Inschrift. Demnach war die Krone ein Geschenk der Bürger Olbias für den "großen und unbesiegten König Saitaphernes".

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Louvre mit gefälschtem Exponat betrogen

Doch bald schon hatten Experten Zweifel an der Echtheit des Exponats. Und spätestens als Israel Ruchomowski, ein einfacher Goldschmied aus dem ukrainischen Odessa, Teile der Tiara aus seinem Gedächtnis heraus kopierte, mussten die Fachleute des Louvre ihren Irrtum eingestehen. Ruchomowski hatte die Krone für einen Spottpreis von 1.800 Rubel im Auftrag von Betrügern erschaffen - nicht wissend, dass so ein großes Museum düpiert werden sollte. Der Fehlkauf kostete das Museum 200.000 Francs und brachte ihm den Spott der Öffentlichkeit ein.

Auch Fälschungen in Hildesheimer Antike-Sammlung

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Diese Statue hielten die Hildesheimer für eine Fälschung - sie ist aber echt.

Auch im Römer- und Pelizaeus-Museum war man unsicher, ob alle Objekte aus der Sammlung griechisch-römischer Tonfiguren echt waren. Proben besonders interessanter Fälle hat man deshalb vor Kurzem in ein Labor nach Oxford gegeben. Dort wurde die Thermolumineszenzanalyse eingesetzt: Dazu nutzt man etwas Bohrmehl von der Rückseite der Figur. Die Probe wird im Labor erhitzt, dabei wird die sogenannte Wärmestrahlung gemessen. Je mehr Zeit die Figur hatte, diese Strahlung anzureichern, um so heller ist die Flamme: So kann der zeitliche Abstand von heute bis zur Entstehungszeit der Figur sehr exakt bestimmt werden. Rund 300 Euro pro Stück kostet eine solche Analyse.

Analyse in Oxford bringt Wahrheit ans Licht

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Und diese angeblich antike griechische Exponat entstand in Wahrheit um das Jahr 1900 in einer Fälscherwerkstatt.

Manche als Fälschungen verdächtigte Figuren erwiesen sich dabei als wertvolle, 2.500 bis 2.200 Jahre alte Originale aus Griechenland und dem griechisch-ägyptischen Alexandria. Eine als echt angesehene Statue einer großen Griechin ist dagegen von Kopf bis Fuß gefälscht - und zwar so gut, dass Experten es ihr zuvor nicht ansehen konnten. Ähnliche Abgleiche laufen seit einiger Zeit weltweit. In den Tonfigurensammlungen im Pariser Louvre und auf der Berliner Museumsinsel wurden in den vergangenen Jahren zehn bis 20 Prozent der Werke als Fälschungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts entlarvt.

Ein Einhorn für Selfies ist auch da

Wer sich gern selbst in der Welt der Fälschungen verewigen möchte, hat im Eingangsbereich der Ausstellung Gelegenheit dazu: Ein Einhorn lädt zum Machen von Selfies ein. Aktiv waren auch 200 Kinder und Jugendliche aus Hildesheim: Organisiert durch den Museumsverein haben sie sich mit der Geschichte der legendären ägyptischen Herrscherin Kleopatra beschäftigt. Die Ergebnisse ihrer Recherchen finden sich in der Schau wieder. Und auch die jüngste Geschichte wird mit den vom Magazin "stern" 1983 angekauften angeblichen Hitler-Tagebüchern bedient. Eine Original-Kladde von Fälscher Konrad Kujau wird darin gezeigt. "In dieser Ausstellung findet jeder etwas, das ihm Spaß macht", verspricht Direktorin Schulz. Ab Sonnabend um 10 Uhr sind die neuen Ausstellungsräume geöffnet, am Sonntag findet um 15.30 Uhr die erste öffentliche Führung durch die Ausstellung statt.

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Eine Hildesheimer Ausstellung zeigt "Irrtümer und Fälschungen der Archäologie". Das Spektrum reicht von antiken Statuen bis hin zu den angeblichen Hitler-Tagebüchern.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Roemer- und Pelizaeus-Museum
Am Steine 1-2
31134  Hildesheim
Telefon:
(05121) 93 69 0
E-Mail:
info@rpmuseum.de
Preis:
10 Euro, ermäßigt 8 Euro, Kinder (6 bis 14 Jahre) 5 Euro
Öffnungszeiten:
Dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr
Anmeldung:
nicht nötig
Hinweis:
Zu der Ausstellung gibt es einen umfangreichen Katalog, der im Nünnerich-Asmus Verlag erschienen ist und 29,90 Euro kostet.
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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 23.11.2018 | 17:00 Uhr

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