Stand: 07.02.2020 17:17 Uhr  - NDR Kultur

Historikerin kritisiert Wiederaufbau von Synagoge

Im Zuge der Pogromnacht von 1938 ist die Synagoge am Bornplatz im Hamburger Grindelviertel zerstört worden. Seit Jahrzehnten klafft dort eine große Lücke. Nun gibt der Bund 600.000 Euro für eine Machbarkeitsstudie. Die Historikerin Miriam Rürup hat jedoch Einwände gegen Standort und Machart.

Frau Rürup, was spricht Ihrer Meinung nach gegen den Standort?

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Die alte Synagoge am Bornplatz in Hamburg wurde in der Reichsprogromnacht 1938 verwüstet und 1939 abgerissen.

Miriam Rürup: In der medialen Wahrnehmung wird immer von der großen klaffenden Lücke gesprochen. Es ist aber keine klaffende Lücke. Deswegen melde ich regelmäßig Kritik an diesem völlig kritiklosen Umgang mit dem dortigen Standort. Dieser Platz ist ein Mahnmal, und dieses Mahnmal ist vor 30 Jahren gemeinschaftlich mit der Stadtgesellschaft, der Bezirksversammlung, der jüdischen Gemeinde und dem Verein der Hamburger in Israel entworfen worden. Es wurde überlegt, wie man damit umgeht, dass diese Synagoge nicht nur zerstört, sondern sogar von der jüdischen Gemeinde zwangsweise abgebaut wurde. Mit dieser Vergangenheit wurde lange genug nicht umgegangen, bis in die 80er-Jahre. Und dann hat man sich endlich entschieden, dass man diesen Platz erfahrbar machen muss. Man muss einen Umgang mit der Vergangenheit finden, der in dem Platz veranschaulicht ist. Den Umgang, den man gefunden hat, ist aus meiner Sicht ein ganz hervorragender: Man hat sich überlegt, die Lücke sichtbar zu machen.

Dort die alte Synagoge wieder zu errichten, ist aus meiner Sicht kein Signal für jüdisches Leben heute und schon gar kein Signal für jüdisches Leben in der Zukunft. Denn so eine Synagoge ist, wenn man sie im alten Stil wiederaufbaut, auch wenn es nur die Fassade ist, die in Stein gehauene Fantasie einer Vergangenheit, die nicht nur nicht mehr besteht, sondern die mutwillig durch die Nationalsozialisten zerstört wurde. Diese Zerstörung können wir nicht wieder wettmachen, indem wir sie wiederherstellen. Offensichtlich scheint das ein menschliches Bedürfnis zu sein: Dresden hat seine Frauenkirche, Berlin hat sein Stadtschloss, Potsdam seine Garnisonskirche.

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Aber ist es hier nicht eine spezielle Situation? Die alte Synagoge ist eindeutig von Faschisten zerstört worden. Da könnte man von einer Art Rückeroberung sprechen - das ist doch ein starkes Zeichen, oder?

Rürup: Man erobert es sich aber auch zurück, wenn man an diesem Ort jüdisches Leben auf andere Weise sichtbar macht als durch eine Architektur, die die Vorkriegszeit wieder zum Leben zu erwecken versucht. Wenn man sich etwas zurückerobern möchte, dann sollte man sich den gesamten Stadtraum anschauen: Was gibt es noch an Spuren jüdischen Lebens in der Stadt? Was ist die jüdische Typographie und wo schlummert noch jüdisches Erbe, was wir hervorholen können? Wenn wir als Gesamtgesellschaft ein sichtbares Zeichen setzen wollen, dann müssen wir uns fragen, was für ein Zeichen wir setzen wollen. Mir wäre es wichtig, dass es nicht ein religiöses Zeichen ist, weil ein religiöses Zeichen in gewisser Weise eine Verengung ist. Andere haben wiederaufgebaute Kirchen oder Schlösser - warum überlegen wir uns nicht, ob man nicht zum Beispiel ein jüdisches Museum irgendwo bräuchte oder ein Kulturzentrum?

Sie sprechen von einem modernen Ort. Ist in den heutigen Tagen, in denen der Antisemitismus in Deutschland wieder grassiert, ein solches weltlicheres Zeichen umso wichtiger?

Rürup: Ganz unbedingt. Die weltlichen Zeichen sind diejenigen, die Judentum einer breiteren Gesellschaft verständlich machen, jenseits der religiösen Nische, die die Juden letztlich auf eine gewisse Weise exotisiert. Diese Vielfalt ist es, was unsere Gesellschaft als Zeichen braucht. Wir wollen zeigen, dass wir tolerant und offen sind, und das kann man dadurch zeigen, dass man sich nicht auf nur einen Aspekt jüdischer Geschichte und jüdischer Gegenwart konzentriert.

Die Ereignisse in Thüringen haben bei vielen Menschen dazu geführt, dass sie Analogien aufgebaut haben zu dem Handschlag von Hindenburg mit Hitler, zur Machtergreifung der Nationalsozialisten. Hat das bei Ihnen als Historikerin ähnliche Analogien hervorgerufen?

Rürup: Man ist immer schnell versucht, solche Analogien aufzumachen. Das liegt auch daran, dass wir das, was wir beobachten, mit dem vergleichen, was wir schon kennen. Aber genau da sind wir an dem Knackpunkt, an dem man das, was wir jetzt in Thüringen erlebt haben, nicht sofort mit Weimar vergleichen kann. Der große Unterschied ist: Die Weimarer wussten noch nicht, was danach kommt - wir wissen, was ab 1933 geschehen ist. Das ist zwar kein direkter Impfstoff, der uns für immer davon abhalten wird, sehenden Auges in eine erneute totalitäre Gesellschaft zu laufen - aber dennoch schafft das eine andere Art von Bewusstsein. Das, was jetzt in Thüringen passiert ist, ist letztlich die Spitze des Eisbergs. Man könnte eine Parallele ziehen, und wir müssen früh genug darauf achten, wohin unsere Gesellschaft sich bewegt.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Die alte Synagoge am Bornplatz in Hamburg © wikimedia

Historikerin kritisiert Wiederaufbau von Synagoge

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Die Synagoge am Bornplatz im Hamburger Grindelviertel soll wieder aufgebaut werden. "Das ist kein Signal für jüdisches Leben heute", findet die Historikerin Miriam Rürup.

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NDR Kultur | Journal | 07.02.2020 | 19:00 Uhr

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